Sich in die Herzen nagen

Ratten sind Untiere. Als raschelnde Schatten geben sie unfreiwillig Nachricht von ihrem Aufenthalt und lösen damit helles Entsetzen aus. „Ratten!“, mehr braucht man nicht zu sagen. Wie sie aussehen, weiß keiner genau, denn keiner wagt, richtig hinzusehen. Wer zu lange guckt, sagt man, dem springt die Ratte mitten ins Gesicht. Ja, sie können erstaunlich gut springen, klettern, kämpfen und sogar schwimmen und sind daher überall auf der Welt anzutreffen, in Scharen, versteht sich. Mäuse findet man nett, zumindest wenn sie planmäßig auf Briefbögen, Federtaschen und Turnschuhen auftauchen und nicht unversehens hinter dem Kühlschrank. Selbst für die häßlichste Kröte wird heute gebremst. Für Ratten braucht keiner zu bremsen, weil sie gar nicht erst so dumm sind, vors Auto zu laufen. Das ist es eben, Ratten sind schlau, verschlagen und halten zusammen. Wenn es einen Beweis für Richard Dawkins „The Selfish Gene“ gibt, dann Rattenpopulationen von bis zu 60 Tieren, die sich untereinander genau kennen und eine Art Arbeitsteilung betreiben. Helden sind die Vorkoster, die jede fremde Nahrung probieren. Nur wenn sie überlebt haben, greifen auch die anderen zu. Demographisch sieht es hier genau umgekehrt aus wie bei uns. Sehr bald nachdem sie ihre erstaunliche Fortpflanzungsfähigkeit verloren haben, so mit zwei Jahren, sterben die älteren Ratten auch schon. Dieser rasche Generationswechsel kommt der evolutionären Entwicklung zugute. Manche vermuten deshalb schon, daß die Ratte den Menschen einmal beerben wird. Dagegen können wir nur eins tun: Ratten in den Käfig stecken und mit „Leckerli“ aus der Zoohandlung und häufigen Tierarztbesuchen auf das Niveau unserer Rentner herunterdrücken. Das wird bereits getan, und die Ratte selbst genießt ihre Korrumpierung, wie wir es von der „Spaßgesellschaft“ kennen. Lange genug hat sie ja auch Verachtung und Entbehrung ertragen. Wenn wir auf dem begrünten Mittelstreifen Yorckstraße in Kreuzberg gelegentlich den struppigen graubraunen Tieren begegnen, dann handelt es sich nicht um die sogenannte Hausratte (Rattus rattus), die im Mittelalter auf Schiffen hauste und von dort die Pest in die Städte trug. Diese Spezies ist inzwischen von einer leicht abgewandelten Version, der sogenannten Wanderratte (Rattus norvegicus), verdrängt worden. Die Unterschiede sind für den Laien kaum erkennbar, und entsprechend sind die Landratten mit der historischen Schuld ihrer Vorgänger belastet und von den Antidiskriminierungsmaßnahmen für Mäuse nicht mit erfaßt worden. Sie blieben ausgegrenzt. Ratten sind nicht bloß vergrößerte Mäuse. Trotz Verwandtschaft handelt es sich um eine andere Tierart, das zeigt sich schon optisch. Der Rücken weist den typischen „Rattenbuckel“ auf, den viele für genauso häßlich halten wie den unbehaarten Schwanz. Wieder im Unterschied zur Maus besteht der Rattenschwanz aus einzelnen Schuppenringen, die den „Igitt“-Reflex erst richtig auslösen. Was soll an einem nackten Schwanz grausig sein, wo wir nackte Brüste an jedem Kiosk ausstellen? Vielleicht hat es wirklich etwas mit Sex zu tun, denn einer von Freuds berühmtesten Fällen heißt plastisch „Der Rattenmann“, nicht zu verwechseln mit dem „Rattenfänger von Hameln“. Statt von Ungeziefer oder Schädlingen spricht man heute lieber neutral vom „Kulturfolger“. Doch wie man es auch nennt, gemeint sind Tiere, die sich in der freien Natur nicht halten könnten, sondern parasitär vom Menschen und seinen Abfällen leben. Der Mensch ist also selber schuld. Je mehr er die ursprüngliche Natur zurückdrängt, desto besser werden die Lebensbedingungen rund um die Imbiß-Stände. Füchse, Waschbären und Wildschweine haben sich der klugen Ratte bereits angeschlossen. Um als Land- und Stadtstreicher zu überleben, darf man allerdings geschmacklich nicht zu zimperlich sein. Da sind Ratten die geborenen Penner, sie schlafen unter Brücken, in Hauseingängen, auf Höfen und neben Mülltonnen, sie „ratzen“ dort in aller Gemütsruhe, und wenn einer sagt „ich habe geschlafen wie eine Ratte“, dann drückt das Anerkennung aus. Auch an Appetitlosigkeit leiden Ratten selten, fressen vielmehr, wenn man sie läßt, alles „ratzekahl“ und sind dann „ratzeputz“ in ihren Löchern wieder verschwunden. Neben dem früh erwachenden und selten ruhenden Sexualtrieb muß im Rattengenom das Bedürfnis angelegt sein, in jede dunkle Höhlung zu kriechen, ob es sich um Abflußrohre handelt, um Dekolletés oder Polsterritzen. Wo keine Höhlung da ist, frißt die Ratte sich durch. Ihre Nähe zum Menschen brachte sie in die fragwürdige Position des „Modellorganismus“. Im weißen Laborkittel dienen Ratten international dem Wissenschaftsfortschritt, testen die weiterhin gute Wirksamkeit des Krebses und laufen durch idiotische Labyrinthe, ohne jemals den Nobelpreis zu erhalten. Solche Erfahrungen führten zu einem Wunsch nach Wechsel und haben die Ratte in den letzten Jahren in eine neue lukrative Branche geführt. Schon lange betrachten es Wild- und Nutztiere mit ohnmächtigem Neid, wie es bestimmte Arten dahin gebracht haben, vom Menschen aufs Albernste verhätschelt und gepäppelt zu werden. Hunde werden gefüttert, damit sie alles vollkacken, Katzen mit Vitaminpaste gestärkt und mit Spielzeug bei Laune gehalten. „Widerlich“, sagt die Ratte vornehm und denkt bei sich: „Wäre doch gelacht, wenn wir in diesen Markt nicht einbrechen könnten.“ Mit veränderter Fellzeichnung als „Farbratten“ getarnt und ausgestattet mit einer demonstrativen Kinderfreundlichkeit, befinden sie sich seit einigen Jahren auf dem Weg vom Schädling und Versuchskaninchen zum offiziell anerkannten „Heimtier“. In jeder besseren Zoohandlung und selbst in Kaufhäusern sind die Tiere heute erhältlich. Die Aussage „Ich habe Ratten“ kann jetzt zwei unterschiedliche Reaktionen bewirken. „Das ist ja schrecklich“, wenn es sich um Ungeziefer handelt, und „Toll, wie heißen sie denn?“, wenn es Farbratten sind. Kinder und Jugendliche mögen das Freche und Lebhafte und schockieren auch schon mal gern wie einst der Punk, der mit der Ratte auf der Schulter durchs Großstadtrevier zog. Sind Ratten niedlich? In der Tat fangen Frauen an, die schnuppernden Pelztierchen wie Babys zu behandeln. Der Vorsatz, sich in die Herzen hineinzunagen, ist dem verhaßten Untier und giftig verfolgten Ungeziefer schon fast geglückt. Wer hinguckt, sieht: Ratten sind nicht nur reinliche Tiere, sie putzen sich sogar öfter als Katzen! Das größte Ziel rückt näher, den samtpfotigen Erbfeind eines Tages in der Beliebtheit auszustechen.

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