Leise Töne, tiefe Gefühle

Bass Culture“ heißt ein soeben in deutscher Übersetzung erschienenes Monumentalwerk von Lloyd Bradley über die musikalische Seele Jamaikas (Lloyd Bradley: Bass Culture. Der Siegeszug des Reggae, Höfen 2003, Hannibal-Verlag, PB, 485 S., 29,90 Euro), beeindruckend recherchiert, wenngleich nur für Fortgeschrittene geeignet. Im Vorwort erklärt Reggae-Musiker Prince Buster: „Man hat uns aus Afrika verschleppt, wo unsere Ahnen Königinnen und Könige gewesen waren, und auf Schiffen als Sklaven nach Jamaika gebracht, wo man uns unserer Namen, unserer Sprache, unserer Kultur, unseres Gottes und unserer Religion beraubt hat. Aber die Seele Afrikas ist nun einmal die Musik und ließ sich nicht bezwingen, was auf Jamaika zur Geburt der kulturellen Revolution führte, die wir als Ska bezeichnen: Das war die Mutter, der Schoß, der Rocksteady und Reggae, unsere Lebensart überhaupt, hervorgebracht hat. (…) Jamaikanische Musik ist immer schon echte Volksmusik gewesen (…)“ Mit den Sklaven kam auch die afrikanische Musik-Kultur in die Karibik. Typische Merkmale sind hierbei das „call and response“-Prinzip, also abwechselnder Gesang zwischen Solist und „kommentierendem“ Chor, sowie die „musikalische Zeitlosigkeit“ durch ständige Wiederholungen. Viele karibische Kulte, wie „Kumina“, nutzten diese Ausdrucksmittel, um Geisterbeschwörung, akrobatischen Tanz oder okkulte Heilungen durchzuführen. Vom frühen 19. Jahrhundert an breitete sich von Trinidad ausgehend in der gesamten Karibik der Calypso aus. Musiker stritten unter klangvollen Künstlernamen wie „Sir Lancelot“ oder „Attila the Hun“ um den Titel des „Calypso-King“. Dabei besaß jede karibische Insel eine eigenständige Calypso-Mischung aus europäischen und afrikanischen Elementen. In Kuba dominierte der stark spanisch beeinflußte „Rumba“, in der Dominikanischen Republik hört man bis in heutige Tage „Merengue“, und Tobago ist für seine „Steel-Pan-Music“ bekannt. In Jamaika dominierte bis in die 1950er Jahre hinein die Calypso-Abart „Mento“. Die Volksmusik „Mento“ verlor aber sukzessive das Interesse der jungen Generation. Diese hörte bereits den über Radiostationen aus Florida herüberschwappenden „Rhythm and Blues“ (R’n’B), so daß Anfang der sechziger Jahre – wie heute in Deutschland – fast nur noch US-Importe die Hörgewohnheiten der Jugend bestimmten. Gegen diese Tendenz breitete sich als Reaktion auf die 1962 von Großbritannien errungene Unabhängigkeit, und beeinflußt vom spirituellen Burru-Drumming der Rastafari, der euphorische Beat des „Ska“ aus. Auf den „Ska“ folgte das langsamere „Rocksteady“, und von dort war es ein fließender Übergang zum wieder schnelleren, hüpfenden „Reggae“, der seinen Namen vom „Maytals“-Stück „Do the Reggay“ erhielt. Der neue Sound begann ab etwa 1970 über die Grenzen der Insel heraus die Welt-Charts zu erobern. Selbst Londoner „Skinheads“, die sich in den Arbeitervierteln als Gegenstück der jamaikanischen „Rude Boys“ formiert hatten, werteten den schlichten Reggae-Beat positiv als Antwort auf die „Love & Peace“-Haltung der „Flower-Power“-Generation. Mehr als in jedem anderen Musikstil lag im Reggae von Anfang an die Betonung auf dem Rhythmus. Die einfache, klare Musikstruktur und sehr sparsame Instrumentierung wirken für europäische Hörgewohnheiten bisweilen monoton. Die Inhalte, entweder mit Rasta-Esoterik angereichert oder sich auf den jamaikanischen Alltag beziehend, sind für westliche Ohren aufgrund der Zugehörigkeit zu einem fremden Kontext nur in Teilen verständlich; der kreolische Patois-Dialekt, in dem die Lieder oft vorgetragen werden, verstärkt dies noch. Dennoch trug gerade dieses nur fragmentarische Verstehen der Reggae-Musik zum Erfolg bei weißen Jugendlichen bei, da das Unverstandene mit eigenen Projektionen gefüllt wurde. Reggae-Stücke können aufgrund ihrer Schlichtheit schnell und preiswert produziert werden, so daß sie ein volkstümliches musikalisches Kommunikationsmittel zur Reflexion gesellschaftlicher Vorgänge wurden. Reggae fungiert also als beständig eingesetzter Gebrauchsgegenstand des sozialen Lebens in Jamaika, quer durch soziale Schichten und Altersgruppen. Sanfte Liebeslieder, ausgelassen oder melancholisch geschilderte Tageserlebnisse, sozialkritische Anklagen, intellektuelle und spirituelle Reflexionen – all dies läßt sich spielend einfach via Reggae transportieren. Dieser volkliche Charakter verleiht Reggae als nicht durch die Popindustrie entfremdeter Musik Authentizität und den Charme der Aufrichtigkeit. Die Rastafari-Bewegung beeinflußte den Reggae zudem als Träger einer auf Afrika ausgerichteten kulturellen Identität. In Bob Marleys Titel „Exodus“ heißt es beispielsweise : „We know where we’re going / We know where we’re from / We’re leaving Babylon / We’re going to our Fathers‘ land / Exodus, movement of Jah People“ (Wir wissen, wohin wir gehen / Wir wissen, woher wir kommen / Wir verlassen Babylon / Ziehen in das Land unseres Vaters / Exodus, Auszug der Kinder Jahs). Stilwellen führten vom Hochtempo-Beat des frühen Reggae über die Hinwendung zu langsamen, melancholischen, „psychedelischen“ Arrangements der frühen Siebziger, bis zum schnellen Wortspiel des Raggamuffin der Neunziger. Gerade in den frühen siebziger Jahren drückte sich die Niedergeschlagenheit Jamaikas im betont langsamen „Roots-Reggae“, schleppenden Rhythmen, Texten voll schwerer Mystik und Spiritualität, aus. Der Optimismus nach der nationalen Unabhängigkeit 1962 war mit Ausbleiben sozialer Verbesserungen in Frustration umgeschlagen. Die desolate Wirtschaftslage durch die Mißwirtschaft der seit 1972 regierenden Sozialisten und die mehrheitliche Kontrolle der Wirtschafts- und Finanzunternehmen des Landes durch ausländische Investoren führte zum Erstarken nationalistischer Tendenzen und zur scheinbaren Bestätigung der Rastafari-These von der ausbeuterischen Gewalt des „Babylon“-Systems. Roots-Reggae entstand in einem Klima bürgerkriegsähnlicher Unruhen, die so gar nicht ins Touristenidyll der Karibikinsel passen. Von den unterschiedlichen Parteien finanzierte Terrorbanden schossen regelmäßig bei politischen Versammlungen in die Menge, so daß die Regierung den nationalen Notstand verhängte. Nach den Wahlen von 1976 wurden etwa 200 Tote gezählt, 1980 über 500 (hochgerechnet auf die Einwohnerzahl der heutigen Bundesrepublik würde dies etwa 16.000 Tote nach einer Bundestagswahl bedeuten!). Die Reggae-Szene flüchtete sich aus einer als unerträglich empfundenen politischen Situation in die träumerische Welt der Liebeslieder oder eine mit Klage erfüllte Beschwörung der Heimkehr ins gelobte Afrika, während westliche Jugendliche diese „Rebel Music“ nur oberflächlich konsumierten. Heute sieht der Musiker Luciano in Lloyd Bradleys Buch die Zukunft moderner Volksmusik darin, angesichts der Flut von US-Gewaltfilmen, Menschen von ihrem Wesen und dem höheren Wesen hinter allem zu künden: „Wie Menschen wachsen, hängt immer davon ab, womit man sie füttert. Wenn man sie mit Gewalt füttert, werden sie gemein und schlecht. Wenn man sie mit Liebe füttert, dann werden sie auch Liebe geben.“

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