Die Onkelz zeigen die Zunge

Wer im Vorprogramm von Gegenwartsgrößen des Musikgeschäfts seine Chance erhält, darf als Hoffnungsträger für die Festivals des kommenden Sommers gelten. Wer hingegen als Vorgruppe der Rolling Stones auf die Bühne gebeten wird, kann von sich behaupten, es längst geschafft zu haben. Die Rituale des Pops sehen eigentlich keine höhere Weihe vor. Die Aufnahme in den Götterhimmel des Rock’n’Roll erfährt ihren krönenden Abschluß. Den Böhsen Onkelz wird diese Ehre am 8. August in Hannover zuteil. Das Schunkelfest der vier Generationen, das Auftritte der Traditionsband um den vor kurzem 60 Jahre alt gewordenen Mick Jagger normalerweise zu werden pflegen, kam jedoch auf diese Weise im Vorfeld ins Gerede. Der NDR zog sich aus der Kooperation zurück. T-Mobile stellte nachdenklich das weitere Sponsoring der Stones in Frage. Mick Jagger und seine Mitmusikanten ließen sich von dieser Irritation aber nicht anstecken. Die von den Böhsen Onkelz in Goodwill-Routine vorab eingereichten Hörproben und Texte – einschließlich englischer Übersetzung – überstanden die Zensur unangefochten. Die Glaubwürdigkeit der bösen Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet, mit ihren bösen Liedern keineswegs das Ethos der Popkultur in Frage zu stellen, ist somit nicht zu bezweifeln. Die Midlife-Rocker um den sympathischen Stephan Weidner wird der Wirbel um ihr Gastspiel in Hannover kaum überrascht haben. Seit ihren ersten musikalischen Gehversuchen in den frühen achtziger Jahren sehen sie sich verfolgt von all jenen, die es gut meinen in diesem Land, insbesondere von Journalisten, die froh sind, in der überwiegend Benefizgesinnung zu Schau tragenden Unterhaltungsbranche schrille Töne zu hübschen Skandalgeschichtchen verarbeiten zu dürfen. Um Selbstreferentialität nie verlegen, haben die Böhsen Onkelz das Leid, das ihnen widerfahren ist, ausgiebig besungen: „Tag ihr Lügner, Ihr wißt schon, wen ich meine/ ich mein die Medien, die Großen wie die Kleinen/ Wir warn Euch wohl nicht glatt genug/ Ihr könnt uns nicht verstehen“. Dabei haben sich die Böhsen Onkelz wirklich alle Mühe gegeben, ihren Lebensweg, auch und gerade mit all den furchtbaren Irrtümern, denen sie auf diesem Weg aufgesessen sind, transparent zu machen. Zeugt es nicht von der Kälte unserer Gesellschaft, daß in der öffentlichen Rezeption des Lebenswerks dieser Musiker die traurigen Verhältnisse, aus denen sie stammen, systematisch ausgeblendet werden? Die Böhsen Onkelz jedenfalls wurden nicht müde, das Schweigen um sie herum zu brechen. „Das Leben war nicht immer, nicht immer gut zu mir“, versuchten sie, ihr Anderssein verständlich zu machen, und teilten sogar mit, daß sie einst „wilde Herzen“ hatten und „dachten aus dem Bauch/ Unser Lehrer war das Leben, die Straße das Zuhaus“. Da kann man richtig froh sein, daß sie nicht abgerutscht sind, in die Gosse etwa, sondern daß sie etwas aus sich gemacht haben, saalfüllende Bestsellerproduzenten nämlich. Und natürlich Menschen, die ihr Alter und ihr Vermögen in die Lage versetzt hat, zu reflektieren und in sich jene Träume zu entdecken, die kein Einkauf im Getränkemarkt erfüllen kann. „Manchmal höre ich den Wind/ manchmal hör ich, wie er singt/ Das Lied von Freiheit, von einem neuen Morgen“. Sicher, das ist ziemlich kitschig, aber ist das nicht auch unheimlich edel? Möchte man da nicht gleich eine Wunderkerze anzünden und mitklatschen? Und wie viel Weisheit in den Texten der Böhsen Onkelz verborgen liegt! Über die Rätselhaftigkeit unserer Existenz zum Beispiel: „Kann ich mich finden, indem ich mich verlier/ Suche ich im Nichts, bin ich blinder Passagier“. Das ist noch viel besser als Nena, das ist wirklich tief, das ist sozusagen See­lenleben, darüber kann der Fan, männlich, nicht mehr ganz so jung, ungebunden und noch nicht mutig genug, um sich seine Frau aus dem Katalog zu bestellen, genießerisch nachdenken, bevor die nächste Runde Frischgezapftes auf dem Tisch steht, zwischendurch, auf dem Weg zur Herrentoilette und zurück. Auch ihre Läuterung von der asozialen Dumpfbacke mit Nazisprüchen, die sich aus guten Gründen den vor Vitalität und Unternehmungslust strotzenden Immigrantenkindern unterlegen fühlt, hin zum arrivierten Primitivling mit Gemüt haben die Onkelz in leutselige Verse gebannt. „Ich habe es oft nicht geblickt/ Mich wieder und wieder/ In die falsche Richtung geschickt“, trauten sie sich, sensibel, wie sie sind, einzugestehen, und, jaja, daß es schon wahr sei, der „Gestank der Vergangenheit“ liege „mit auf unserm Weg“, aber sie sind ja mit sich selbst schonungslos ins Gericht gegangen, wenigstens dort, wo es unumgänglich war: „Ich lerne aus meinen Fehlern und mache daraus ein Lied.“ Und nicht nur ein Lied haben sie daraus gemacht. Sie haben sogar auf einem Festival gegen Rechts gerockt. Und sollen einem Ewiggestrigen, der meinte, auf einem ihrer Konzerte Propaganda machen zu dürfen, in alter Manier die Leviten gelesen haben. Soviel Einsicht verdient Respekt und Anerkennung. Die Böhsen Onkelz waren nie ein Bestandteil der Spaßgesellschaft. Ihre Vision des fröhlichen Fieslings beseelte ihre Fangemeinde mit der Freude, daß auch ewige Verlierer anderen wehtun können. Viele wurden durch sie geprägt. Die Böhsen Onkelz haben sich ihren Erfolg gegen den Boykott großer Handelsketten und einflußreicher Musiksender redlich erarbeitet. So etwas schafft nur, wer zahlreichen Menschen wirklich aus dem Herzen, wenn man das so nennen will, spricht.

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