Joachim Kuhs

 

Was vom Tage übrig blieb…

Was soll das?“ mag sich manch fußballgeschädigter Fernsehzuschauer am 4. Juni gefragt haben. Zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr strahlte Sat.1 „Richter Alexander Hold – Spezial“ aus, ohne auf die reguläre Ausstrahlung derselben Gerichtsshow vier Stunden vorher zu verzichten. Weitere Sondersendungen von Alexander Hold und Barbara Salesch folgen jeweils dienstags, mit dem Schlußpfiff bei der Fußball-Weltmeisterschaft Ende Juni ist auch der Gerichtsspuk in der besten Sendezeit vorerst vorbei. Offenbar lotet Sat.1-Geschäftsführer Martin Hoffmann aus, ob die Quotenbringer am Tage auch am Abend funktionieren. Denn regulär tagen „Euer Ehren“ Salesch, Hold, Herz & Co. am Nachmittag und konkurrieren dort mit Billigproduktionen wie Daily Talks, Soaps und Sitcoms – und nicht mit aufwendiger produzierten Spielfilmen oder Shows. Höchstens 50.000 Euro darf die Produktion einer Sendung kosten, die zwischen 13 und 17 Uhr ausgestrahlt wird. Sonst ist sie durch Werbung kaum refinanzierbar. „Der Wettbewerb ist deutlich härter geworden“, klagt Tom Sänger, der bei RTL das Tagesprogramm leitet. „Neben den fast schon klassischen Daytime-Genres Game, Quiz, Talk und Courtshow gibt es ein deutlich zunehmendes Interesse an fiktionalen Programmen.“ Deshalb trennt sich Sänger im Herbst, nach sieben Jahren und 1.300 Folgen, von „Bärbel Schäfer“, ihr Kollege Oliver Geissen darf vorerst als starkes „Lead in“ für den Nachmittag weiterquatschen. Probeweise moderierte er ja schon „Die 80er Show“ am Samstagabend – Feuerprobe bestanden. Auch die Wiederholungen der Polizeiserie „Die Wache“ werktäglich um 15 Uhr sind bestenfalls Lückenfüller, beide Sendeplätze sollen künftig durch einen Mix aus Neuem und Vertrautem ersetzt werden. „Das Familiengericht“ soll ab Herbst emotionale Konflikte des menschlichen Alltags aufgreifen, schüren und möglichst lösen. Produzent ist die Kölner Produktionsfirma Filmpool, die schon „Das Jugendgericht“, „Richterin Barbara Salesch“ und „Zwei bei Kalwass“ etabliert hat. „Die Darsteller repräsentieren authentische Fälle, die echte Emotionen beim Zuschauer auslösen“, beschreibt Sat.1-Unterhaltungschef Dirk Rosenzweig das Erfolgsrezept. „Damit haben wir die Marktforschung widerlegt, die glaubte, nur wahre Schicksale könnten echte Gefühle beim Zuschauer auslösen.“ Allein Arabella Kiesbauer, die weiterhin mit „echtem Talk“ Tag für Tag um Quoten ringt, begreift nicht, daß Fiktion mitunter authentischer als das Leben sein kann. Überhaupt ist ProSieben mit „Absolut Schlegl“ und der Recycling-Show „Clip-Mix“ nicht mehr „up to date“, auch „Mission: Germany“ floppte katastrophal. ProSieben-Chef Nicolas Paalzow sucht davon unbeirrt nach seinem „eigenen, marktaffinen Weg“, ohne quotenträchtige Gerichtsshows. „In den nächsten zwei Jahren werden Richtershows expandieren, es gibt genügend Raum für Courtshows“, prophezeit Gefühlsprofi Rosenzweig. „Heute sucht der Zuschauer nach einer Leitlinie für seinen Alltag.“ Mit „Richterin Barbara Salesch“ und der Psycho-Variante „Zwei bei Kalwass“ ist Sat.1 Marktführer zwischen 14 und 16 Uhr. „Erst, als wir Schauspieler einsetzten und Frau Kalwass eindeutig positionierten, stiegen die Marktanteile von sechs auf jetzt 20 Prozent in der Zielgruppe“, erinnert sich Rosenzweig. „Auch der Wunsch nach längeren Geschichten wurde vom Zuschauer nicht angenommen.“ Rund zwanzig Minuten darf ein TV-Schicksal dauern, dann eine Minute Lebenshilfe, Werbe-Break und schon folgt der nächste Patient. Inzwischen ist Angelika Kalwass eine Art moralische Instanz, im Anschluß daran fällt Barbara Salesch resolut ihre Strafurteile vor sage und schreibe 30 Prozent der 14- bis 49jährigen Zuschauer. Dennoch muß Rosenzweig ab Oktober Matthias Alberti weichen, der bisher als RTL-Unterhaltungschef wesentlich zum Erfolg von „Wer wird Millionär?“ beitrug. Zwei neue Formate, darunter eine Court Comedy für das Abendprogramm, sind geplant, die Dating Soap „Drei sind einer zuviel“ soll den Sat.1-Vorabend aufpeppen. Das Konzept: Drei Menschen treffen sich in einem Haus, täglich kommt ein Vierter hinzu, einer muß gehen. Dadurch sollen emotionale und skurrile Situationen entstehen – fragt sich nur, wie? Ambitionierter ist die vom ZDF geplante Polit-Reihe „Das Kanzleramt“. Statt Anwälten, Ärzten und Adeligen sollen mittwochs um 20.15 Uhr Poltiker ihren Regierungsgeschäften nachgehen – natürlich fiktiv und politisch korrekt. Als Berater der Serie soll Martin Süsskind fungieren, früher Redenschreiber für Willy Brandt und Chefredakteur der Berliner Zeitung. Das US-Vorbild „The West Wing“ beschert NBC seit drei Jahren traumhafte Einschaltquoten, wenn der smarte Martin Sheen als TV-Präsident Josiah Bartlet sein Weißes Haus so keimfrei regiert, als wäre es mit dem Weißen Riesen gewaschen. Die First Lady diskutiert mit ihrem Gatten empathisch über die Prostitution oder beklagt, daß in Saudi-Arabien Frauen nicht Auto fahren dürfen und bei Nichtbeachtung von der Polizei öffentlich verprügelt werden. Mehr Zuschauer hätten davon durch „The West Wing“ erfahren, als durch die dürftige Berichterstattung in den US-Medien, spottet die Washington Post. Den Präsidentenwechsel von George Clinton zu George W. Bush überstand die Serie spielend, statt dessen hagelte es massenweise Emmy-Auszeichnungen. Allerdings brach Regisseur Aaron Sorkin nach den Terroranschlägen vom 11. September mit seiner Maxime, niemals reale Personen und Ereignisse in die Handlung zu integrieren. Laut Drehbuch legte eine Terrorwarnung das Weiße Haus lahm, eine Schulklasse diskutierte leidenschaftlich über Risiken und Gefahren von Terroranschlägen und Selbstmordkommandos. Ohne Erfolg: Das Publikum quittierte den unverhofften Aufklärungsunterricht mit Desinteresse, die Zuschauer wollen sich lieber in Dallas-Manier amüsieren und nicht politisch informiert und belehrt werden. Zum Glück soll „Das Kanzleramt“ frühestens nach der Bundestagswahl im September auf Sendung gehen – vielleicht läßt sich ja bis dahin FDP-Chef Guido Westerwelle für eine Hauptrolle im TV-Kabinett gewinnen.

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