Der Alptraum im Preußenjahr

Als geborener und alteingesessener Potsdamer hatte ich vor einigen Tagen einen sehr furchterregenden Traum: Ich schlenderte kurz nach dem Ende der Bundesgartenschau im Oktober durch das herbstliche Potsdam, und kurz hinter dem Grünen Gitter, am Schloßpark, in Höhe der Friedenskirche, lief mir ein alter Bekannter über den Weg: Leicht war er an der dreieckigen Mütze, dem Stock und dem leicht gebeugten Gang zu erkennen: Friedrich der Große, der gute alte Fritz. Er ging auf mich zu und bat mich, ihm doch die wundersamen Vorgänge zu erklären, die sich um sein Schloß Sanssouci und in „Potztupimi“ abspielten. Meine Not war groß – was sollte ich tun, wo ihn herumführen ohne Gefahr zu laufen, ihm eine Herzattacke zu bescheren? Ein rettender Einfall kam mir: Man könnte ihn schonend durch den Park führen, vielleicht gibt seine Majestät sich damit zufrieden. Also flanierten wir gemeinsam die Treppen zum Schloß hinauf und ich mußte ihm erklären, warum hier so viele Japaner mit solch eigenartigen Apparaten umherliefen und aus ihm ein ständiges Modell zu machen versuchten – sie wußten nicht, wen sie da vor sich hatten. Seiner Majestät gefiel jedoch zusehends das ständige Posieren, nachdem ich ihm erklärt hatte, daß alle eine große Bewunderung für seine Politik und seine architektonischen Wunderwerke empfänden. Aber es nahm kein Ende, so wollte er noch sein Schloß inspizieren und in der Garnisonkirche den Gottesdienst besuchen. Kann man einem König einen Wunsch abschlagen, zumal in „seiner“ Residenzstadt? „Nun ja“, versuchte ich stotternd zu erklären, „da gab es einen großen Krieg und kurz vor dem Ende haben die Amerikaner und Engländer so ziemlich alles kaputtgemacht.“ Doch er ließ nicht locker: „Nun denn, so gehe er vor und zeige mir, was noch übrig ist.“ Mir fiel nichts anderes ein, so gingen wir also vom Neuen Palais, dessen Verwendung als Universität noch sein Wohlwollen hervorrief, durch den Park zurück, Richtung Stadtzentrum. Die komischen Pferdelosen Kutschen konnte ich ihm noch erklären, vollkommen sprachlos war er ob der „Lärmvögel“ am Himmel: „Ja ja, der Fortschritt ist ein wundersames Ding.“ Doch der Augenblick der Wahrheit kam näher. Von weitem schon sah er die Kuppel der Nikolaikirche und wunderte sich: „Hier war doch der Stadtkanal, wo ist er denn hin? Die Amerikaner? Und meine Kirche? Warum steht sie nicht dort, haben die Engländer sie etwa mit nach London genommen?“ „Nein, es war zwanzig Jahre nach dem Krieg da… also nicht die…“ Oh Gott, was sollte ich denn sagen? „Ein Sachse war’s!“ Glückseliger Einfall. Das hätte er sich auch denken können, so seine Antwort. Wo sie denn stünde und warum man die Glocken in so einem merkwürdigem Gestelle aufbewahrt und nicht mitgenommen habe, fragte er. Sieht tatsächlich sehr merkwürdig aus, das Gestell mit den Glockenspiel der Garnisonkirche, zudem noch einhundert Meter vom Originalstandort des Turmes entfernt. Also bestand wieder ein Erklärungsproblem. „Sie, ähm, man, also der Sachse war König eines kleinen Staates und hatte was gegen Preußen.“ „Hätt’ ich mir denken können, die Sachsen hatten so ihre Blessierchen gegen uns.“ „Ist aber etwas anderes gewesen, dieser Sachse und sein Kabinett haben Preußen die Schuld am großen Krieg gegeben und seither ist Preußen ein ganz heißes Eisen für alle, die noch an Tugenden glauben.“ Völlig ungläubig staunte er, was denn ein Kanal und eine Kirche mit Politik zu schaffen hätten. Ich antwortete ihm, daß dieser „König“ mit Kirche und Kultur sehr wenig am Hut hatte, selbst in Leipzig Kirchen sprengen und in Potsdam den Kanal zuschütten ließ, da sich so die angebliche Rattenplage hätte lösen lassen – vom Schicksal des Berliner Stadtschlosses ganz zu schweigen. Das wurde ihm denn doch zuviel: „Ja, haben ’se ihn denn nich aufs Schafott getrieben?“ Leider nein, so mein Gedanke. Ich verschwieg ihm sogar anstandshalber, daß besagter König mit einer Mauer sein Volk „beschützte“. Ja, wo denn sein Schloß hingekommen sei, fragte er entsetzt, und was dies für ein Babylonisches Bauwerk sei, mit Blick auf das 16stöckige „Hotel Merkur“. „Merkwürdige Paläste hat er hier, doch erkläre er!“ Nun lag der schwarze Peter wieder in meiner Hand. Man kann doch keinem erklären, daß es sogar jetzt noch Menschen gibt, die einen Betonklotz, der fast ein Theater geworden wäre, und ein Hochhaus, das jede Sicht verstellt, besser finden als ein Schloß und vielleicht wiedergewonnene Identität. Ich erzählte von der Idee, das Schloß aufzubauen, der Anfang sei bereits am fast vollständig hochgemauerten Fortunaportal erkennbar. Unverständnis begegnete mir, als ich berichtete, daß man bereits die Fundamente seines Schlosses freilegte, um weit Angereisten einen Blick auf die Geschichte zu ermöglichen und die entstandene Baugrube anschließend wieder zuzuschippen. „Warum haben ’se denn nich gleich angefangen?“ Daß es noch lange Jahre in Anspruch nehmen kann, bis überhaupt der Verwendungszweck geklärt ist, wollte ich ihm nicht auseinandersetzen – er hätte das Wort „Bürokratie“ wohl noch weniger verstanden, als „Automobil“ oder „Flugzeug“. Was das denn für ein eigentümlicher Heuschober sei, fragte er und deutete auf das Hans-Otto-Theater. Die „Blechbüchse“, wie sie im Volksmund genannt wird, ähnelt in der Tat mehr einem Flugzeughangar, denn einer Kulturstätte. Ich konnte ihm aber glaubhaft machen, daß dieses Schandmal der Nachwendezeit bald weichen werde. „Ja, und überhaupt, sind denn hier gar keine Soldaten mehr, wo sind die langen Kerls denn eigentlich einquartiert worden?“ „Die gibt es zwar seit zehn Jahren als Attraktion, sie haben sich aber ins Exil geflüchtet, denn sie wurden bei ihrer wöchentlichen Parade von einer Menschengruppe immer wieder mit Buttersäure und Unrat beworfen.“ – „Und haben sich das gefallen lassen?“ Ich reichte ihm zahlreiche Zeitungsartikel aus jener Zeit in Potsdam, wo Tradition nicht mehr galt, als zu Zeiten des „sächsischen Königs“. „Unglaublich, schier zum Verweifeln“, waren seine Worte, während er die Lektüre nachgerade verschlang. Wir trafen auch auf einige Exemplare bunt gekleideter Menschen, die zwar ständig Toleranz für ihre Art zu leben fordern, anderen aber möglichst die Pest an den Hals wünschen, sobald sie es wagen, preußische Tugenden ins Spiel zu bringen. So kam der alte Fritz nicht umhin, Parolen in metergroßen Lettern an den Wänden lesen zu müssen „Preußen bleibt Scheiße!“ „Die Sachsen?“ fragte er, schon sichtlich betrübt. Wieder konnte ich nicht anders: „Leider immer nur Einheimische, die nichts von ihrer Heimat halten“. Nachdem er von einigen Leuten auch noch angeschrieen wurde, er solle den Mummenschanz unterlassen, denn solcher Aufzug spiele den Militaristen und Faschisten in die Hände, drehte er sich enttäuscht weg. Er wolle nach Österreich, Asyl beantragen, hier sei er politisch verfolgt, so seine letzten Worte, bevor ich schweißgebadet aus diesem Alptraum erwachte. Fototext: Alter Markt: Kirche, Fortunaportal, Fundamente und „Blechbüchse“ / Wachtparade: Touristenattraktion aus Potsdam vertrieben

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