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„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt in der Sendung „Bild Live“
„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt in der Sendung „Bild Live“ Foto: picture alliance/dpa | Jörg Carstensen

Neuer Konkurrent im TV-Geschäft
 

Der Boulevard kommt im Fernsehen an

Mehrere Wochen schon hat die Bild-Zeitung viel Werbung gemacht für seine neuen TV-Sendungen. Gestartet wurde der Sendebetrieb am Sonntag um neun Uhr. Einen Vorgeschmack auf das neue Programm, das frei und unverschlüsselt zu empfangen ist, wurde seit Monaten geliefert. Das Bild-Online-Angebot wurde immer mehr mit Videoinhalten angereichert.

Bei den Bewegt-Bildern des „journalistischen Flaggschiffs des Axel-Springer-Konzern“ (Die Zeit) standen oft längere Live-Berichterstattungen im Mittelpunkt. Beispiele: die Treffen der Länder-Ministerpräsidenten zur Corona-Lage, die Flutkatastrophe in Westdeutschland und die Entwicklung in Afghanistan.

Die erste offizielle Bild-Fernsehsendung moderierten Alfred Draxler und Walter Straten – beide gehören seit langem zum Urgestein des Sportjournalismus. Die Moderatoren begrüßten die Zuschauer zur „Lage der Liga“.

Zum Start: Erst Sport – dann Politik

Es ging es um die Fußball-Bundesliga. Hier kennt sich Bild seit langem bestens aus. Wenig später war Jürgen Klopp aus England im Bild. Der zeigte sich gut gelaunt, hatte doch sein Club FC Liverpool gerade gegen den FC Burnley gewonnen. „Auch dieses Interview hat Spaß gemacht“ (Hamburger Abendblatt).

Der Zuschauer konnte den TV-Neulingen verzeihen, daß „Kloppo“ durch seine Billigcam am Laptop fast bis zur Unkenntlichkeit weichgezeichnet wurde. Mit scharfem Blick stellte Bild aber dennoch fest, daß Klopp nicht seine gewohnte große Brille trug. Der Trainer gestand freimütig, er habe sich wegen seiner „fortschreitenden Fehlsicht“ unters Messer gelegt: Mit neuen Linsen sieht man besser. 

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Später folgten auf dem neuen Sender TV-Doku-Filme – etwa über Wetterkatastrophen und Seenotretter. Abends schließlich wurde der wichtigste Part des TV-Tages gesendet: Auf dem Programm stand live die „Kanzler-Nacht“ – mit Armin Laschet und Olaf Scholz. Beide Spitzenkandidaten mußten sich teils „knallharten Fragen“ (Bild-Werbung) stellen, die tatsächlich mitunter schärfer waren als man das von öffentlich-rechtlichen Kanälen.

Am Montag war beim neuen Fernsehsender zum ersten Mal die fünfstündige News-Strecke „Bild-Live“ zu sehen. Am Vormittag hat der Sender damit in der Zielgruppe der 14- bis 49jhrigen – das meldete am Dienstag das Medien-Portal DWDL.de – schon „durchaus beachtliche Quoten erzielt“, obgleich sich die reine Reichweite noch in Grenzen hielt.

Erste Angriffe von links

Immerhin lag der Marktanteil bei der besonders werberelevanten Adressatengruppe bei mehr als zwei Prozent. Damit überholte Bild zeitweise sogar den Privatsender RTLplus und lag bereits dicht hinter den Nachrichtensendern n-tv und Welt, die zu dieser Zeit bei den jüngeren Zuschauern auf Marktanteile von 2,6 beziehungsweise 2,8 Prozent gekommen sind.

Mit den bisherigen Sendungen hat Bild den Fernseh-Journalismus sicherlich noch nicht neu erfunden, aber durchaus spannende Momente geliefert, wie auch das Abendblatt konstatierte. Ob der neue Sender erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten. Leicht wird es mit dem neuen „Boulevard-Fernsehen“ gewiß nicht werden.

Groß ist allein schon die Konkurrenz der klassischen privaten TV-Sender: von n-tv bis RTLplus. Von ARD und ZDF ganz zu schweigen. Auf dem schmalen Weg zwischen Sensation und Geschmacklosigkeit sicher wandeln zu wollen, gleicht dem berühmten Ritt auf der Rasierklinge. Die linke Journaille, die in fast allen anderen TV-Redaktionen erdrückend dominiert, wartet nur auf die ersten gravierenden Fehler der Bild-Fernsehmacher.

Nicht der Political Correctness beugen

Jedenfalls plant das Springer-Medium offenbar, auch über solche politischen Themen Berichte, Interviews und Kommentare zu bringen, über die fast alle anderen Medien des Mainstreams nicht berichten. 

Bild-TV-Programmchef ist Claus Strunz. Er sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Wir verstehen uns weder als ein Vollprogramm noch sehen wir uns in der Gruppe der Nachrichtensender“. Die neue Fernsehredaktion wolle ein eigenes Genre schaffen – als „Geschichten-Sender“. Hier sieht der Journalist, der früher Chefredakteur des Abendblattes war, eine Marktlücke.

Die Macher von Bild – allen voran Julian Reichelt, der „Chefredakteur der Chefredakteure“ der Marke – wollen sich der sonst nahezu überall in den Medien nahezu uneingeschränkt herrschenden Political Correctness grundsätzlich nicht beugen.

Beim Thema AfD allerdings schwimmen die Bild-Journalisten fast immer ebenfalls im Kielwasser des Zeitgeistes; denn über diese Partei wird in der Regel gar nicht erst berichtet. Auch der Springer-Verlag, der ebenfalls die Welt herausbringt, stellt die AfD – obgleich sie derzeit im Bundestag die größte Oppositionsfraktion ist – allzu gern ins Abseits.

„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt in der Sendung „Bild Live“ Foto: picture alliance/dpa | Jörg Carstensen
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