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Aussichtsballon über dem Finanzministerium in Berlin-Mitte Foto: picture alliance/dpa/ZB

Medien
 

Axel Springers Journalistenschule

Fällt der Name Deniz Yücel, wissen die wenigsten, wer gemeint ist. Zitiert aber jemand aus seiner taz-Haßtirade gegen Thilo Sarrazin, sagen die meisten: Ach, der!
Yücel schrieb 2012 über den Bestseller-Autor, daß man ihm „nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten“. Ja, genau dieser Deniz Yücel, der sich in der publizistischen Auseinandersetzung gern aus dem Wörterbuch des Unmenschen bedient und politischen Gegnern schlimme Krankheiten beziehungsweise den Tod an den Hals wünscht – der arbeitet jetzt bei Springers Welt.

Einer seiner neuen Kollegen ist Henryk M. Broder, der Yücels Kolumne gegenüber der JUNGEN FREIHEIT seinerzeit als „unfaßbar“ bezeichnete und aufgrund der Wortwahl einen Vergleich zum NS-Staat zog: „Die taz ist und bleibt der kleine Stürmer.“

Bei Geld werden auch linke Agitatoren schwach

Broders Kritik ist kaum verhallt, da jubeln viele andere Springer-Leute über den prominenten Neuzugang. Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredakteur, freut sich auf einen seiner „Lieblingsautoren“, wie er auf Facebook postete. Und Jan-Eric Peters, Chef der Welt-Gruppe, verkündete seine Neuverpflichtung dort mit einem hippen „Jep!“ und der Freude auf „starke Texte“.

Von überall in der Medienbranche gehen nun Glückwünsche ein, daß es der Welt gelang, einen angeblich derart renommierten Redakteur abzuwerben. Der Branchendienst „Kress“ sprach von einem „echten Personal-Coup“, den Springer gelandet habe.

Die immer mehr im eigenen Saft schmorende Szene tut beinahe so, als hätte Hertha BSC Cristiano Ronaldo verpflichtet. Dabei wird ausgeblendet, daß Springer deutlich besser zahlt als die klamme taz, die teilweise sogar Probleme hat, den gesetzlichen Mindestlohn zu entrichten. Wedelt die Welt mit Geldscheinen, wird offenbar auch der linke Agitator schwach. Zumal sich die Art von Yücels Arbeit kaum ändern wird, sondern nur die Entlohnung dafür.

Yücels Tirade erhalten pulizistisch mehr Gewicht

Als 2012 Joachim Gaucks Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten bekannt wurde, sah Yücel die bunte Republik Deutschland in Gefahr und unterstellte dem früheren Pfarrer, dieser werde bereit sein, „Ausländern die Meinung zu geigen, Verständnis für die Überfremdungsängste seiner Landsleute zu zeigen, die Juden in die Schranken zu weisen und klarzustellen, daß Nationalsozialisten auch nur Sozialisten sind“.

Daß Yücel mit dieser Einschätzung gewaltig danebengelegen hat, wen schert das noch? Daß er den heutigen ersten Mann im Staat zum NS-Versteher gestempelt hat, gilt in einer Branche, die neben der Politik den Antifaschismus wie keine andere verinnerlicht hat, nicht als Fehlleistung, sondern als Auszeichnung: „Wehret den Anfängen!“

Springer wollte den 41jährigen Yücel unbedingt ins Team holen. Das zeigt, wie karrierefördernd es unter Journalisten ist, konservative, christliche oder gegen den Strich gebürstete Meinungen und deren Vertreter verbal zu vernichten. Yücel, wenn auch als Türkei-Korrespondent verpflichtet, bekommt mit seinen Tiraden nun publizistisch ein deutlich größeres Gewicht.

Die Ex-taz-Fraktion bei Springer wächst

In Zeiten, in denen die Verlage – auch Springer – journalistische Arbeitsplätze abbauen, erscheinen der Wechsel des türkischstämmigen Redakteurs und das darum gemachte Gewese als Menetekel. In der immer mehr auf Konformität wertlegenden Medienbranche wächst auch personell zusammen, was zusammengehört.

In allen wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen verstehen sich fast alle Medienmacher als Teil eines Ganzen, das getrennt marschiert, aber vereint schlägt. Yücel hat bisher ausschließlich bei zumindest augenscheinlich politisch anders als die Welt ausgerichteten Blättern sein Geld verdient: zunächst von 2002 bis 2007 bei der linksextremen Jungle World, danach dann bei der taz.

Er ist nicht der erste, der diesen Weg geht. Vielmehr verstärkt er eine Fraktion, die im Springer-Hochhaus immer größer wird. Die Deutsch-Iranerin Mariam Lau brachte es 2004 von dem linken Blatt zur Chefkorrespondentin bei der Welt. Heute arbeitet sie bei der Zeit.

Moralischer Absolutheitsanspruch

Auch Robin Alexander kommt aus der Kaderschmiede der taz. Nach seiner dortigen journalistischen Ausbildung 1998/99 arbeitete er bis 2006 als Reporter. Bis heute berichtet er für die Welt als politischer Korrespondent. Seine Schwerpunktthemen sind das Kanzleramt und die Unions-Parteien. Andrea Seibel, die von 1982 bis 1995 bei der taz unter anderem das Meinungsressort leitete, tut dies nun auch bei der Welt.

Selbst wenn sie ihre ganz linken politischen Gesinnungen inzwischen abgelegt haben, so haben diese Journalisten doch ihren moralischen Absolutheitsanspruch nie aufgegeben. Er blitzt immer wieder auf. Einer ihrer Protagonisten ist Alan Posener. Einst engagierte er sich im Kommunistischen Studentenverband und in der KPD. Von 2004 bis 2008 war er Chefkommentator bei einer großen deutschen Tageszeitung, heute ist er deren Korrespondent für Politik und Gesellschaft. Sie heißt: Die Welt.

JF 17/15

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