Erosion der Zahlerfront

Auf dem Stand der GEZ auf der Berliner Funkaustellung ist mächtig was los. Es geht um die Nichtzahler. „Das sind vier Prozent aller Haushalte“, grummelt Pressesprecher Josef Herrmann Flosbach. Die sollen auch endlich zahlen.

Ein teurer Stand, Werbe-Mädels, Geschenke, Gewinnspiele. Ein Riesenaufwand also für einen kleinen Kreis notorischer Nichtzahler. Doch der große Werberummel ist aus Sicht der GEZ doppelt notwendig: Erstens geht es um ca. 300 Millionen Euro, zweitens soll die Zahl der Nichtzahler nicht noch weiter steigen Die GEZ hat Angst vor einer massiven Erosion an der Zahlerfront.

„Es sind die Jungen, die nicht zahlen“, klagt Flosbach. Die GEZ verschenkt T-Shirts mit dem Aufdruck „Natürlich zahl‘ ich“ Und wer läßt sich darin fotografieren? Ein großer Blonder  Anfang Zwanzig meint: „Ich zahle aus Idealismus, ist doch klar.“ Doch Typen wie ihn gibt es immer weniger. Junge sehen nicht ein, daß sie fürs „Senioren-Fernsehen“ zahlen sollen. Der Durchschnittszuschauer beim RBB ist 60 Jahre alt! Das hat die Fernsehchefin des Rundfunksenders, Claudia Nothelle, kürzlich offen zugegeben.

Ausdifferenzierte Bedürfnisse

Die Jugend von heute schaut Privatsender oder geht andere Wege, um sich zu informieren (Internet, Zeitschriften) oder unterhalten zu lassen (freiwilliges Pay-TV). Längst sind die Bedürfnisse der TV-Zuschauer so ausdifferenziert, daß ein, zwei große staatliche Sender sie nie und nimmer abdecken können.

Langfristig wird das Modell öffentlich-rechtlicher Rundfunk vor dem Hintergrund dieser Individualisierung und der Digitalisierung sowieso keinen Bestand haben können. Aber genau dagegen sträuben sich die Sender, die Nutznießer und mit ihnen natürlich die GEZ, die die Drecksarbeit an der Zwangszahlerfront leisten muß.

„Wir sind doch alle Bürger dieser Gesellschaft“, sagt Flosbach und hält das für ein Argument für das Zwangsmonopol von ARD und ZDF. „Nur wenn jeder Teilnehmer Rundfunkgebühren zahlt, ist Gebührengerechtigkeit gewährleistet“, sagt die GEZ in ihrer Broschüre zur Imagekampagne. Die Macher von der Werbeagentur Xynias, Wetzel glauben, mit dem Wort „Gerechtigkeit“ auch noch den letzten illegitimen Griff in die Taschen des Bürgers rechtfertigen zu können.

<---newpage--->
Digitalstrategie von ARD und ZDF

„Es ist ein sehr schwieriger Job, der nicht sehr beliebt ist“, jammert Flosbach. „Oft hat man mit unangenehmen Kontakten zu tun.“ Warum wohl? Die 1.400 Gebühreneintreiber bekommen ein Fixum und eine „umsatzabhängige“ Provision. Deswegen sind sie immer so scharf darauf, Geräte für mehrere Jahre rückwirkend anzumelden. Die FAZ hat gerade eine Serie über besonders skurrile Fälle gedruckt, bei denen es um Tausende von Euro ging. „Manche halten sich leider nicht an den Verhaltenskodex“, räumt auch Flosbach ein.

Worum es wirklich geht, kann der Messebesucher in einer besonderen Halle sehen. Dort präsentiert sich das moderne und hippe ZDF. Auf einer Bühne spielt eine Band. Daneben gibt es Handys, auf denen Internet-Fernsehen geschaut werden kann. Der Krach der Musiker übertönt jedoch den Lautsprecher des Telefons. Und die Bilder sind so klein und unbrauchbar, daß viele die Geräte schnell wieder beiseite legen.

ARD und ZDF haben Millionen in ihre sogenannte Digitalstrategie gesteckt, weil sie Angst haben zu spät zu kommen – mal wieder. Deswegen investieren sie jetzt in jede Technik, die ihnen modern erscheint. Aber ist sie das wirklich? Schon vor zehn Jahren gab es TV-Geräte in der Größe eines Transistorradios. Trotzdem hat sie kaum jemand angeschafft.

Grenzenlose Phantasie

Und 2006: Was hat uns die Industrie vor der Fußballweltmeisterschaft mit TV-Minicomputer zu überschütten versucht, mit denen wir auch in der U-Bahn oder auf dem Klo kein Spiel mehr verpassen! Nennenswerte Absätze? Fehlanzeige. Die Industrie hat der Technik schnell den Rücken gekehrt: Großleinwände waren gefragt, nicht Taschenfernseher.

Jetzt haben die Öffentlich-Rechtlichen das Fernsehen im Kleinformat entdeckt. Kostet ja nichts – ist ja nur das Geld der Zwangszahler. Die nächste Gebührenerhöhung kommt. Begründung: neue Kosten durch Digitalstrategie. 18, 19, 20 Euro im Monat – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Die Digitalstrategie zielt eindeutig darauf ab, nach allen Computerbesitzern jetzt auch alle Handybesitzer dranzukriegen. Du hast ein Handy, also kannst du im Internet auf die ARD-Seite surfen. Und – Simsalabim – schon ist ein neuer Gebührenzahler gefunden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland ist eine Geschichte wie „Ali Baba und die vierzig Räuber“ –  aber ohne Ali Baba.

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load