Lehren ohne den neuen Menschen

Johann Baptist Müller, emeritierter Professor der Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart, hat sich in den beiden letzten Jahrzehnten mit seinen Publikationen als der wohl wichtigste Ideenhistoriker des Konservatismus in Deutschland profiliert.

Das vorliegende Werk ist in dieser Reihe eine Art Bestandsaufnahme, zugleich ideengeschichtliche Darstellung und konservative Standortbestimmung. Der Autor macht zunächst deutlich, daß der Konservatismus kein geschlossen homogenes Ordnungskonzept darstellt, sondern eine Mehrzahl theoretischer und politischer „Familien“ umfaßt, traditionalistische und auch liberale Gruppen und Positionen ebenso wie – bis ins 20. Jahrhundert hinein – etwa katholisch-„habsburgische“ und protestantisch-„national-hohenzollerische“ politische Kräfte und Ideen bis hin zu der in sich wiederum vielfach heterogenen Konservativen Revolution der zwanziger und dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts mit ihren paganistischen wie christlichen Elementen.

Die Frage nach der „Theoriefähigkeit“ des Konservatismus – ist er nicht eher Erfahrung, Instinkt und Charakter denn Programm, Theorie und Ideologie? – beantwortet Müller mit der Feststellung, daß er doch einen klar umrissenen „Denkkosmos“ darstelle, den insbesondere Edmund Burke und andere ähnlich theoriefähig gemacht haben wie später Karl Marx den Kommunismus/Sozialismus. Burke hat jedenfalls, so der Autor, in seinen „Reflections on the Revolution in France“ (1792) für die Kritik und Abwehr der Französischen Revolution und der „Ideen von 1789“ die Schlüsselworte geliefert: für eine antirevolutionär-reformistische Position in gleicher Distanz zu ständischfeudaler Reaktion wie zu einem blinden liberalen Fortschrittsglauben, für eine Politik, die dann etwa die preußischen Reformer um den Freiherrn vom Stein und Scharnhorst nach 1807 aufgriffen, und mit deutlichen Unterschieden zur romantischen Staatsphilosophie. Die Burke-Linie setzte sich dann etwa in der Staatsphilosophie Friedrich Julius Stahls und der preußisch-deutschen konstitutionellen Monarchie fort, und sie mag in unseren Tagen bis hin zu einem Liberal-Konservatismus im Sinne Hermann Lübbes reichen mit seinem Aufruf zur Pflege der „Herkunftsbestände“ wie der „Modernisierungsfähigkeit“ des Gemeinwesens.

Der Autor macht im folgenden kein Hehl aus seiner Präferenz für einen Konservatismus, der in den christlichen Beständen Europas wurzelt mit ihrer Betonung der Geschöpflichkeit des Menschen und seiner Natur als mit dem Gemeinwesen eng verbundener „Person“, eben im Sinne von Stammvätern wie Burke und Disraeli und von Gegenwartsrepräsentanten wie Ritter von Kuehnelt-Leddihn oder Walter Hoeres mit ihren katholisch-konservativen Einschlägen. Für die Vereinigten Staaten nimmt Müller ebenso Bezug etwa auf William F. Buckley („God and Man in Yale“) mit seinem Aufruf zur Rechristianisierung des „Westens“ und der Abwehr eines durchdringenden Werterelativismus. In diesem Zusammenhang sieht Müller auch die Notwendigkeit zur Abgrenzung etwa von Armin Mohler und jenen Teilen der Konservativen Revolution, die ihrerseits eine strikte Trennung zwischen Konservatismus und Christentum befürworten.

Konservatismus als Kapitalismuskritik

Die beiden Kernkapitel zum Verständnis des zeitgenössischen Konservatismus behandeln in Müllers Buch „die konservative Sicht auf das kapitalistische System der Bedürfnisse“ und den „Staat im Licht des konservativen Politikverständnisses“. Danach bedeutet Konservatismus au fond Kritik und Ablehnung des liberalen Individualismus und kapitalistischen Industrialismus und nicht zuletzt der modernen Fundamental-Ökonomisierung der Welt. Er befindet sich damit in bester europäischer und auch amerikanischer Gesellschaft, beginnend mit Burke und Samuel Tayler Coleridge über Tocqueville, Donoso Cortes und Friedrich Julius Stahl bis zu Clinton Rositter in den USA, aber auch zu Othmar Spann, Arthur Moeller van den Bruck oder Gerd Klaus Kaltenbrunner. Hier gibt es Berührungspunkte mit Arnold Gehlens Kritik der modernen Industrie  und Konsumkultur mit ihrem Masseneudämonismus und seinen „unbegrenzten Ansprüchen“, aber auch zu maßvollen Sozialdemokraten wie Hermann Heller oder Anthony Giddens.

Der Konservatismus wird zum „Anwalt der Sozialpolitik“ und vernünftigen Sozialintervention des Staates, nicht aus utilitaristischen Motiven, sondern aus christlichem Denken und aus der Verantwortung für das bonum commune. Und auch hier kann Müller wieder auf viele Kronzeugen der europäischen konservativen Tradition verweisen, auf Benjamin Disraelis „compassionate conservatism“ ebenso wie auf den Sozialkonservatismus Victor Aimé Hubers oder Franz von Baaders. Hans-Joachim Schoeps hat auf diese sozialkonservative Linie selbst in der preußischen konservativen Partei des 19. Jahrhunderts aufmerksam gemacht, etwa bei Rodbertus Jagetzow oder Hermann Wagener. Und mit der Unterscheidung zwischen „Markt-  und Sozialkonservativen“ verbindet Müller auch die Frage, ob den ersteren (wie etwa Friedrich August von Hayek oder Ludwig von Mises) überhaupt ein legitimer Platz unter den konservativen Familien zugewiesen werden könne.

Von seinen grundlegenden theologischen und philosophischen Voraussetzungen aus unterscheidet sich das konservative Staatsbild jedenfalls vom liberalen, nicht im Sinne seiner Entscheidung für eine illiberale, unfreiheitliche Staatslehre, wohl aber durch die dialektische Einsicht, daß es ohne die Zähmung der gesellschaftlichen Partikularinteressen durch eine zureichend starke Staatsautorität auch keine gesicherte Bürgerfreiheit geben könne. Für Müller gewinnt auch hier Edmund Burke die Autorität einer Leitfigur mit seiner Ablehnung der individualistischen Vertragslehre der Aufklärung und seiner Einbettung der Autorität und Funktion des Staates in die Kette der Generationen als Anwalt des überdauernden geschichtlichen Selbstbehauptungswillens der Gesellschaft, einer Nation.

Konservatives Denken und konservative Politik beschreiben in diesem Sinne einen mittleren Weg zwischen den Extremen der Anarchie und der Staatsvergottung. Müller widmet daher auch der konservativen Kritik am Autoritätsverfall des Staates in den westlichen Demokratien der Gegenwart ein eigenes Kapitel und gibt hier einer Vielzahl von Stimmen Gehör – von Ernst Forsthoff bis zu Samuel Huntington -, die ihre Kritik an der wachsenden Unregierbarkeit des demokratischen Staates in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften zum Ausdruck bringen und zugleich in den Konservativen die zuverlässigsten Verteidiger der freiheitlichen Demokratie erkennen in ihrer Haltung „jenseits von anarcho-liberalistischer Staatsfeindschaft und links-  und rechtstotalitärer Staatsvergötzung“ (Gerd Klaus Kaltenbrunner).

Welches sind die Zukunftsaussichten des Konservatismus? Ist der wahrlich grenzenlose Progressismus in der Gegenwart dabei, ihm vollends das Lebenslicht auszublasen? Diese Fragen und die darauf möglichen Antworten bezeichnen wahrlich ein weites Feld, aber wir scheinen uns doch in einer Situation zu befinden, in der das progressive Prinzip seinen Höhepunk überschritten hat und die Aporien des Fortschritts immer deutlicher zutage treten. In einer solchen weltgeschichtlichen Lage mit ihren immer deutlicher werdenden Kehrseiten und „Kosten“ des Fortschritts, eingeklemmt zwischen geistloser McWorld und religiös-kulturellem Fundamentalismus, Chaos und Versteinerung, könnte ein freiheitlicher Konservatismus einen möglichen Weg weisen zwischen Selbstzerstörung und Traditionen, ein Weg, der im 21. Jahrhundert zu neuen Ufern zu führen vermöchte.

Johann Baptist Müller: Konservatismus – Konturen einer Ordnungsvorstellung. Beiträge zur Politischen Wissenschaft Band 146, Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2007, broschiert, 217 Seiten, 58 Euro

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