SS-Hauptsturmführer Klaus Koch mit dem Buch „Die Mythen der Perser“
SS-Hauptsturmführer Klaus Koch mit dem Buch „Die Mythen der Perser“ Foto: Screenshot YouTube/ KinoCheck

„Persischstunden“
 

Überleben in der Hölle

Die Kamera begleitet einen über Bahnschienen im Wald wandernden jungen Mann. Der Zuschauer erfährt, daß er einem Konzentrationslager entflohen ist. Dann folgt ein Schnitt und die eigentliche Handlung des Films „Persischstunden“ beginnt in Frankreich 1942.

Die Idee zum Film basiert auf der Kurzgeschichte „Die Erfindung einer Sprache“ des Schriftstellers und Drehbuchautors Wolfgang Kohlhaase. Das Stück beruht auf wahren Begebenheiten und wurde auf der Berlinale 2020 uraufgeführt. Die anhaltenden Covid-19 Bestimmungen machten einen Kinostart unmöglich und der von wahren Begebenheiten inspiriertem Film erschien am 29. Januar dieses Jahres sowohl auf DVD/Blu-ray als auch auf den gängigen Streaming-Plattformen.

Der belgische Jude Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) befindet sich zusammen mit anderen aufgegriffenen Juden 1942 auf einem LKW-Transport. Mehr aus selbstlosem Mitleid als aus wirklicher Überzeugung tauscht er sein letztes Brot mit einem Mitgefangen für eine Ausgabe des Buchs „Die Mythen der Perser“, das dieser seinen geflohenen Vermietern entwendet hatte. Dieses Tauschgeschäft sollte ihm kurz darauf das Leben retten, denn die SS-Männer holen die Gefangenen vom LKW und erschießen sie alle.

Ein Bruder in Teheran

Nur weil Gilles behauptet, Perser und nicht Jude zu sein, und der für ihn glückliche Umstand, daß der SS-Hauptsturmführer Klaus Koch (Lars Eidinger) einen Persischlehrer sucht, retten ihm das Leben. Der SS-Mann möchte nach dem Krieg in Teheran ein Restaurant eröffnen, wo bereits sein Bruder lebt, von dessen Existenz er erst kürzlich erfahren hat. Koch ist zugleich Leiter der KZ-Küche und begegnet Gilles anfangs mit großem Mißtrauen.

Gilles, der jetzt Reza heißt, beweist nicht nur einen großen Überlebenswillen, sondern auch einen großen Einfallsreichtum, denn er, der gar kein Farsi spricht, soll jetzt Koch unterrichten. Dafür wird er als Schreibgehilfe eingesetzt, um die Namen der KZ-Insassen zu notieren. Eben aus diesen Namen formt er neue Vokabeln in einer Sprache, die er sich komplett ausdenkt.

Der Unterricht bietet ihm Privilegien zu den anderen Mithäftlingen. Doch es bedeutet auch, daß, je mehr Vokabeln der SS-Mann lernt, desto mehr sich auch Gilles merken muß. Darüber hinaus hat es der Soldat Beyer (Jonas Nay) von Anfang an auf ihn abgesehen und versucht, sich seiner zu entledigen. Welche harschen Konsequenzen selbst der kleinste Fehler haben kann, wird dem Zuschauer deutlich vor Augen geführt.

Es schwebt immer etwas Unbehagen in der Luft

Drehbuchautor Ilja Zofin und Regisseur Vadim Perelmann betreiben in ihrem Film eine Art Täter-Opfer Umkehr, indem sie das Opfer Gilles zum Lehrer und den Offizier Koch zu dessen Schüler machen. Doch zu was für einem Genre gehört dieser Film? Ginge es allein um die Beziehung von Gilles zu Koch, so könnten die kammerartigen Szenen teils als Klamauk oder Beziehungskomödie bezeichnet werden. Denn auch wenn das KZ in Frankreich kein Vernichtungslager ist, und man keine Vergasungen von Häftlingen sieht, schwebt immer etwas Unbehagen in der Luft. Das sind etwa die Weitertransporte gen Osten, die den sicheren Tod bedeuten, auch wenn es nicht im Film ausgesprochen wird.

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Trotzdem werden die Haftbedingungen, sei es in den Baracken oder in einem Steinbruch, in dem die Häftlinge tagsüber schuften, in aller Härte gezeigt. Die Hierarchie innerhalb der deutschen Wehrmacht wird thematisiert und anhand einer intriganten Nebenhandlung aufgezeigt. Doch trotz all dieser teils interessanten Nebenhandlungen und Figuren ist das Kernstück der Handlung die Beziehung zwischen Koch und Gilles und deren Darstellung.

Für die Figur des SS-Hauptsturmführers muß Lars Eidinger verschiedene und teils widersprüchliche Charaktereigenschaften aufzeigen. Der Zuschauer gewinnt den Eindruck, daß ihn teilweise nur sein zukünftiges Restaurant interessiert und er dafür bereit ist, Gilles fast schon freundschaftlich zu behandeln. Dann wiederum sieht man einen skrupellosen Machtmenschen, der brutal seine Position ausnutzt, um sich einen Vorteil zu verschaffen.

Spiel mit Klischees, ohne ins Obszöne abzugleiten

Dieser Balanceakt gelingt dem Berliner sehr gut. Der Argentinier Biscayart verkörpert dessen ruhiges und eingeschüchtertes Pendant. Biscayart zeigt neben seinem schauspielerischen auch sein sprachliches Talent; neben Französisch spricht er im Film auch Deutsch und natürlich auch sein falsches Persisch.

Aus einer anfänglichen Angst entwächst ein Selbstbewußtsein, das er nutzt, um anderen Mitgefangenen zu helfen, denn er hat ein schlechtes Gewissen, daß es ihm gut ergeht, während anderen sich zu Tode arbeiten oder gen Osten in den Tod transportiert werden. Dieses Schuldgefühl drückt er alleine durch seine Mimik aus. Auf den Gesichtern der Capos im Film sucht man vergeblich den Anflug eines schlechten Gewissens.

Denn im Grunde genommen handelt der Film vom Überleben in der Hölle. So opfert sich ein KZ-Häftling, um Gilles Tarnung nicht auffliegen zu lassen, da dieser dessen tauben Bruder mit Nahrung versorgt. Der ukrainisch-kanadische Regisseur, Jahrgang 1963, spielt mit Klischees ohne je ins Obszöne abzudriften oder die Verbrechen der Nationalsozialisten sowie ihre Methoden zu relativieren.

Neben dem Überlebenskampf ist das Erinnern an die Opfer ein Leitmotiv in diesem Film und die Tatsache, daß Namen der Insassen, die Basis für die Kommunikation zwischen dem Juden und dem Nazi werden, ist nicht nur die Pointe der Handlung, sondern auch eine Verneigung des Regisseurs vor den Toten.

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„Persischstunden“. Regie Vadim Perelmann. Deutschland/Russland 2019, 127 Minuten. FSK ab 12 Jahren auf DVD, Blu-ray oder im Stream.

SS-Hauptsturmführer Klaus Koch mit dem Buch „Die Mythen der Perser“ Foto: Screenshot YouTube/ KinoCheck
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