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Ein Küster desinfiziert einen Türgriff in der Marktkirche zu Hannover Foto picture alliance/dpa

Weihnachten unter Corona-Beschränkungen
 

„Nicht singen!“

Weihnachten 2020 im Zeichen der Pandemie und des von staatlicher Seite angeordneten Lockdowns: Das Hochfest der Christenheit wird anders ausfallen als früher. Es wird digitaler und ökumenischer sein, und es wird auch unter freiem Himmel gefeiert werden. „Kreativ sein“ empfehlen die Kirchenoberen den Gläubigen.

Nach „Kreativität“ ruft der Limburger Oberhirte Georg Bätzing, der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz. Und er versprüht Optimismus: Man sei, was den Umgang mit der Pandemie angeht, auf Weihnachten besser vorbereitet als noch im Frühjahr zu Ostern.

Sein Regensburger Amtsbruder, Bischof Rudolf Voderholzer, verspricht: „Nichts lassen wir ausfallen. Statt dessen lassen wir uns etwas einfallen.“ Voderholzer gibt sich optimistisch: Vielleicht werde Corona das Fest sogar reinigen und „seinen wahren Inhalt freilegen“.

Auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, setzt auf „gute Einfälle“: Hausgottesdienste, Gebete, Gesang im Freien „und anderes mehr“. Er sucht der ungewohnten Situation Gutes abzugewinnen: Möglicherweise werde das Singen in Messen und Andachten in seinem Wert um so deutlicher, „wenn es einmal nicht sein darf“.

Das „O, du fröhliche“ wird zwar im Freien vor Kirchen angestimmt werden, aber nicht in den Gotteshäusern. „In der Kirche darf nicht gesungen werden“, verkündet auf allen medialen Kanälen der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. „Die Kirchen sollten so viel streamen wie möglich. Je mehr Gottesdienste online übertragen werden, desto besser.“

„Maximal das Amen ist in Ordnung“

Lauterbach steht mit seinen Ratschlägen nicht allein. Das „Amen“, empfiehlt der Virologe Alexander Kekulé (Halle), sollte das einzige sein, was drinnen, im Kirchenschiff, „laut hinausposaunt wird“. Auch das gemeinsame Glaubensbekenntnis oder das Vaterunser müsse still sein – „maximal das Amen zum Ende ist in Ordnung“. Wenn in einer Kirche alle Anwesenden Masken tragen und maximal eine Person pro fünf Quadratmeter im Raum sind, sind Gottesdienste nach dieser Expertenmeinung vertretbar. „Aber nur, wenn nicht gesungen wird. Sonst entstehen zu viele Aerosole.“

Die Virologen suchen mit der Forderung „Nicht singen!“, die auch von den politischen Entscheidern aufgegriffen wird, in das liturgische Geschehen einzugreifen. Und Geistliche beider Konfessionen sind bereit, den Wissenschaftlern zu folgen.

Grundsätzlich finde er die Idee richtig, während der Feiertage Ausnahmen von den staatlich angeordneten Kontaktbeschränkungen zuzulassen, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, denn für die seelische Verfassung der Menschen habe Weihnachten eine ganz besondere Bedeutung. Allerdings schwenkte Bedford-Strohm dann wieder auf seinen Kurs der „Offenheit für neue Wege“ ein: Im Zweifel müsse die Politik harte Maßnahmen durchsetzen.

Da befindet sich der protestantische Theologieprofessor Bedford-Strohm durchaus im Einklang mit dem katholischen Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ralph Brinkhaus. Der Ostwestfale Brinkhaus appellierte in Interviews an die „Einsicht“ der Kirchen, ihre Veranstaltungen soweit wie möglich „zurückzufahren“ und nach Alternativen zu suchen. „Gegebenenfalls muß da aber auch noch auf dem Verordnungsweg nachgesteuert werden.“

Unmut über vorauseilenden Gehorsam

Familien und Kirchengemeinden wird also zugemutet, sich vom Staat sagen zu lassen, wie sie das Fest der Geburt Christi begehen dürfen. Der evangelikale Buchautor Peter Hahne, ein ehemaliger ZDF-Moderator, der viele Jahre der EKD-Synode angehörte, hatte schon im Mai sein Erstaunen über das Verhalten des geistlichen Führungspersonal zum Ausdruck gebracht: Corona habe die „Zeitgeist-Kirche“ sprachlos gemacht. Hahne: „Wenn heute Helden der Krise gefeiert werden, sind Pfarrer mit keinem Wort dabei.“

Ähnlich denkt der katholische Gefängnisseelsorger Andreas Hornig, der der österreichischen Plattform kath.net seinen Unmut über den „vorauseilenden Gehorsam“ anvertraute: Immer neue Corona-Vorschriften würden erlassen, „und die Kirche scheint in Sachen Hygiene den Staat noch übertreffen zu wollen“. Auch der ehemalige Präfekt der römischen Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, meldete sich warnend zu Wort: „Die Politiker haben nicht das Recht, die Heiligen Messen und die Sakramentenfeier zu verbieten.“

Daß es solche Eingriffe gegeben hat, das konnte unter anderem in den sächsischen Landkreisen Görlitz und Bautzen, beide haben CDU-Landräte, studiert werden. Dort war die Austeilung von Kommunion und Abendmahl vorübergehend untersagt – durch eine Verschärfung der Corona-Verordnung. Gegen diesen „klaren Übergriff in das Recht auf freie Religionsausübung“ protestierte der Görlitzer katholische Bischof Wolfgang Ipolt. Er verlangte eine „Korrektur und Klarstellung“, setzte auf Gespräche mit den politisch Verantwortlichen und schloß nicht aus, den Rechtsweg zu beschreiten. Der Bischof hatte mit seinem energischen Protest Erfolg: Die Verordnung wurde aufgehoben.

JF 52/20

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