Peter Graf Kielmansegg: Konservatismus als Versuch, die Moderne vor sich selbst zu retten Foto: FKBF
Bibliothek des Konservatismus

„Der Konservatismus muß skeptisch begleiten, nicht zurückdrehen“

Was genau zeichnet den Konservatismus eigentlich aus? Warum vermeiden es so viele, den Begriff zu gebrauchen oder sich offensiv zu ihm zu bekennen? „Ist es die Last der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, die ihm die Legitimität endgültig abgesprochen hat“, fragt auch der Politikwissenschaftler Peter Graf von Kielmansegg (80). „Ist es der konservative Sündenfall, als bloßer Steigbügelhalter Hitlers zu gelten?“ Die Antworten auf die Fragen versucht der emeritierte Professor in der bis auf den letzten Platz gefüllten Bibliothek des Konservatismus selbst zu geben.

„Der Konservatismus ist tief verwurzelt im konstitutiven Element der Moderne: Der Bewegung“, stellt Kielmansegg fest. Dessen Ambivalenz fordere ein „radikal immanentes Weltbild durch permanente Verfügbarkeit“, was zur Überforderung des einzelnen Menschen führe. Dies setzte als Gegenpol fast zwangsweise Kräfte der Beharrung frei, weshalb es entscheidend sei, die Dynamik der Moderne genauer zu verstehen. Der Politikwissenschaftler unterteilt sie in drei Bereiche: Rationalität, Individualität, und Egalität.

Dynamik der Moderne weist drei Merkmale auf

Die Rationalität der Moderne habe eine Wissensrevolution hervorgerufen, die Segen und Fluch zugleich sei. Eine schier unglaubliche technische Entwicklung habe der westlichen Welt Wohlstand und Reichtum gebracht. Doch der Preis dafür sei hoch. „Der Mensch wird durch die Wissenschaft zum Schöpfer seiner selbst“, konstatiert der gebürtige Hannoveraner und warnt eindringlich: „Das Internet hat die Kraft, den Menschen gänzlich zu unterwerfen.“

Gleichzeitig habe der Anspruch auf Individualität ein auf sich selbst fixiertes Objekt geschaffen, das im Widerspruch zu seinen tradierten Normen und Verhaltensdispositionen stünde. Verläßliche Bindungen, die dem Einzelnen Halt geben könnten, würden der Menschheit immer mehr abhanden kommen. Erschreckend sei deshalb die wachsende Zahl derer, bei denen „kein Platz für ein Kind ist“. Das Publikum nickt zustimmend.

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Als dritten Punkt der dynamischen Moderne führt Kielmansegg die Egalität an, welche sich in rechtliche Gleichheit und faktische Ungleichheit, die mit den Mitteln der Politik beseitigt werden müsse, unterteilt. Gerade in der apriorischen Gleichheitsforderung der heutigen Zeit läge jedoch ein totalitäres Element. Die moderne Gesellschaft nutze Schlagwörter wie Fremdenfeindlichkeit oder Sexismus, um politische Gegner wegen vermeintlich rückwärtsgewandten Ansichten mundtot zu machen. Der moralische Furor habe den „Logos“ ersetzt, bekundet Kielmansegg.

Der Konservatismus als warnender Begleiter

Somit könne der Konservatismus als Versuch gedeutet werden, die Moderne vor sich selbst zu retten. „Geschehenes ist jedoch nicht umkehrbar“, betont der Politikwissenschaftler und erntet dafür vereinzelte Unmutsäußerungen. Der Konservative solle sich vor allem als warnender Begleiter verstehen, nicht etwa als Reaktionär.

Das sehen offenbar nicht alle Zuhörer des Auditoriums so: „Ist es nicht gerade das Zurückdrehen, was den Kern des Konservativen ausmacht“, fragt der AfD-Politiker Nicolaus Fest und nennt die „Ehe für alle“ als mögliches Beispiel. Doch darauf will sich Kielmansegg nicht einlassen. Die „skeptische Begleitung der Moderne“ bleibe das entscheidende Kriterium, um eine Gesellschaft nachhaltig zu beeinflussen. Mit lautem Beifall wird er anschließend von der Bühne verabschiedet.

Peter Graf Kielmansegg: Konservatismus als Versuch, die Moderne vor sich selbst zu retten Foto: FKBF

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