Gedenkstätte im „Wald der Erinnerung“ Foto: picture alliance / dpa
Volkstrauertag

Gedenken innerhalb der Öffnungszeiten

Wenn sich der moralische Wert eines Volkes danach bemißt, wie es seine Toten ehrt, dann könnte es um die Deutschen besser bestellt sein. Die Bestattungskultur richtet sich mit Einäscherungen und anonymen Waldfriedhöfen zunehmend an reinen geld- und zeitsparenden Kriterien aus. Die Denkmäler für gefallene Soldaten sowie ermordete, vergewaltigte und verhungerte Zivilisten zweier Weltkriege werden der Witterung überlassen oder von linken Chaoten beschmiert und beschädigt.

Die Bundeswehr versteckt eine an sich sehr unterstützenswerte Idee zum Totengedenken auf dem Gelände des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Geltow nahe Potsdam. Hier steht der vor einem Jahr eingeweihte „Wald der Erinnerung“ inmitten der Henning-von-Tresckow-Kaserne. Eingebettet in den natürlichen Baumbestand des Militärgeländes wurde nach Eigenbeschreibung der Bundeswehr „ein Gedenkort geschaffen, der an die Bundeswehrangehörigen erinnert, die im Einsatz und im regulären Dienst ihr Leben verloren“.

Auch Gedenkstätten wurden heimgeholt

Den aus erdfarbenen Ziegeln gefertigten „Weg der Erinnerung“ säumen sieben Stelen aus demselben Material. Bronzefarbene Buchstaben künden von Todesjahr, Vor- und Nachnamen sowie dem Einsatzgebiet der Gefallenen. Die Angehörigen der zivilen Mitarbeiter der Bundeswehr dürfen ebenfalls Namensplaketten anbringen.

Wer dem Weg durch den Wald folgt, kann sich nicht entscheiden, ob die wohlig-stille Atmosphäre des Waldes ein angenehmes Freizeitgefühl aufkommen lassen soll, ja überhaupt erlaubt – oder ob Trauer und tiefe Ehrfurcht vor dem Tod fürs Vaterland überwiegen sollten. Denn hier im „Wald der Erinnerung“ haben die Streitkräfte ihre Ehrenhaine für die in den Auslandseinsätzen Gefallenen neu errichtet. Der Abzug der Bundeswehr aus den jeweiligen Einsatzländern erfolgt total: Sogar die Gedenkstätten wurden und werden eingepackt und nach Deutschland geholt. Bisher fünf Ehrenhaine aus den Einsätzen in Afghanistan und Bosnien haben unsere Soldaten in der Heimat wieder aufgebaut.

Rechts- und linksseitig des Weges, der durch das Gelände führt, sind die Haine auf jeweils circa 100 Quadratmeter großen Lichtungen in den Wald integriert. Für den Hain vom Beobachtungspunkt Nord in Afghanistan bilden fünf mannshohe, schlichte Holzkreuze den Rahmen. Eine kompakte Mauer aus Feldsteinen, die an einen Splitterschutzwall erinnert, wird gekrönt von einem dunklen Kreuz, das dem eisernen nachempfunden ist. „Den Toten zur Ehr“ steht in Fraktur darauf.

Weltweit einzigartiges Projekt

Ein großer Findling steht im Ehrenhain für den Bosnieneinsatz. Die weiße Marmortafel trägt die Inschrift: „Im Gedenken an unsere Kameradinnen und Kameraden, die zur Wahrung des Friedens und der Freiheit in Bosnien-Herzegowina ihr Leben geopfert haben.“

Nicht zu Unrecht schwärmt die Bundeswehr von einem weltweit einzigartigen Projekt. Die sonst nur aus sekundenkurzen Fernsehbildern bekannten Gedenkorte aus Tausende von Kilometern entfernten Kriegsgebieten kann man hier auf sich wirken lassen. Was dem einfachen Besucher einen Schauer über den Rücken treibt und eine gewisse Faszination ausübt: was mag es erst den Angehörigen und Kameraden bedeuten?

Die Idee dazu kam von Hinterbliebenen

Es sei gerade eine Idee aus dem Kreis der Hinterbliebenen gewesen, die Ehrenhaine nach Deutschland zu bringen, erläutert der verantwortliche Projektoffizier Bernd Richter. Der Wiedererkennungswert der Haine habe eine zentrale Bedeutung gespielt. „Für die Soldaten, die mitunter bis zu sechs Monate mit dem verstorbenen [sic] Kamerad … zusammengelebt haben und den Einsatz durchlebt haben, ist es ganz wichtig, daß sie etwas zum Anfassen haben, um sich dieses Kameraden zu erinnern.“ Die Soldaten sollen sich in ihr Einsatzland zurückversetzen können, in ihren Ehrenhain, an dem sie ihre Trauer verarbeiten könnten.

Vielleicht könnten die Soldaten mit ihrer Trauer besser umgehen, wenn die, welche für ihren Fahneneid und nicht immer im ureigensten deutschen Interesse ihr Leben ließen, auch im Sprachgebrauch der Bundeswehr als vollwertige Soldaten anerkannt würden. Die Kameraden „Gefallene“ zu nennen, gehört dazu. Die Werbevideos sprechen statt dessen von „Verstorbenen“ oder „zu Tode Gekommenen“ – als seien die Kameraden nach langer Krankheit sanft entschlafen oder schlicht Unfallopfer.

„Besser verstecken konnte man es nicht“

Entsprechende Kritik entzündet sich in den Kommentaren zu den an sich stil- und würdevollen Werbevideos: „Wäre es so schwer, ‘den Gefallenen’ zu schreiben? Ach ja, sie sind ja nicht in einem Krieg gestorben, sondern in einem bewaffneten Konflikt, Verzeihung …“ schreibt ein Nutzer auf Youtube. Ein anderer kritisiert die Abgeschiedenheit hinter den Mauern der Kaserne mit den Worten „Besser verstecken konnte man es nicht. Gratulation.“

Bei aller Kritik liegt es letztlich an den Deutschen selbst, das richtige Totengedenken zu finden. Grundsätzlich darf jeder Bürger in den „Wald der Erinnerung“ – solange er sich an die Öffnungszeiten hält.

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Gedenkstätte im „Wald der Erinnerung“ Foto: picture alliance / dpa

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