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Amerika-Begeisterte im Fußballstadion: Der kulturelle Konsens hat politische Folgen Foto: picture-alliance/ dpa
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Die Übermacht

Unabhängig davon, ob man im Konflikt zwischen Rußland und der Ukraine der westlich-amerikanischen oder der russischen Lesart folgt, ob man Rußland auf Aggressionskurs oder im geostrategischen Rückzugsgefecht sieht – auf dem Feld der Propaganda befindet Moskau sich in der Defensive. Sogar die Behauptung Putins, die neue Führung in Kiew sei von „Faschisten“ dominiert, ist ein Zeichen der Schwäche. Der russische Präsident appelliert hier an den blockübergreifenden Nachkriegskonsens, der auf der Zerschlagung des Nationalsozialismus durch die Anti-Hitler-Koalition gründete.

Der Erfolg ist mäßig. Denn obwohl Rußland den Hauptanteil zum Sieg beitrug, wird das Bild vom Zweiten Weltkrieg weltweit nicht von den Russen, sondern von Hollywood geprägt. Zuletzt durch den Film „Monuments Men“ mit George Clooney, der die Zuschauer darüber belehrte, daß die GIs vor allem als Retter der europäischen Kunst tätig waren: vor den Deutschen, aber auch vor den raffgierigen Russen!

Kontrolle der globalen Öffentlichkeit

Man kann darin einen weiteren Beleg für die „soft power“ der USA, für ihre kulturelle, ideologische und mediale Übermacht sehen, die ihre politische, ökonomische, militärische „hard power“ ergänzt, verstetigt und maximiert. „Die USA üben einen überwältigenden kulturellen Einfluß aus sowohl auf die politischen und ökonomischen Eliten weltweit durch ihre politisch-ideologische Ausstrahlungskraft als auch auf die breite Masse durch die Anziehungskraft ihrer Trivialkultur“, schreibt Sabine Feiner in dem Buch „Weltordnung durch US-Leadership?“

In Verbindung mit ihrer technologischen Überlegenheit, der Beherrschung globaler Kommunikationsnetze und Vertriebskanäle können sie entscheiden, welche Informationen und Themen der globalen Öffentlichkeit präsentiert werden. Natürlich ist ihre Kontrolle nicht total. Alternative Foren wie Wikileaks greifen korrigierend ein und machen Skandale öffentlich, doch letztlich sind sie sekundär und – wie das Schicksal des Wikileaks-Gründers Julian Assange zeigt – dem Zugriff der Macht ausgesetzt.

Der kulturelle Konsens hat politische Folgen

Gewiß, unter dem Eindruck der drohenden Eskalation ist die Berichterstattung über Osteuropa zuletzt differenzierter geworden. In Deutschland haben Journalisten wie Gabriele Krone-Schmalz und Peter Scholl-Latour sowie die Altkanzler Helmut Schmidt und Gerhard Schröder die russischen Positionen sachlich darlegen können. Allerdings bilden sie im großen Medienchor die berühmten Ausnahmen.

Pommes Frites und Big Mac von McDonald's Foto: picture-alliance/ dpa
Pommes Frites und Big Mac von McDonald’s Foto: picture-alliance/ dpa

Zahlreiche Journalisten sind in transatlantische Netzwerke eingebunden, die Journalisten der Springer-Presse qua Verlagsstatut sogar zum Proamerikanismus verpflichtet. Doch das ist nicht die Hauptsache. Der herrschende Medientenor widerspiegelt die kulturelle Hegemonie, über die die USA im globalen Maßstab verfügen.

Tatsächlich haben politische Theoretiker der USA den von Antonio Gramsci geprägten Begriff seit den 1980er Jahren aufgegriffen, um die globale Stellung und den Einfluß ihres Landes zu beschreiben. Die in US-Denkfabriken elaborierten Werte, Zuschreibungen und normativen Begriffe bestimmen weltweit das politische Denken und die Vorstellungen von gut und böse, von Freund und Feind.

Machtfaktor Nichtregierungsorganisationen

Hegemonie reicht tiefer als pure Dominanz. Letztere bedeutet Fremdbestimmung, während die Hegemonierten die offerierten Angebote als vorbildlich empfinden und freiwillig übernehmen. Die kulturelle Hegemonie ist konsensual, und der kulturelle Konsens hat politische Folgen. Er hebt die klassische Unterscheidung zwischen Innen- und Außenpolitik allmählich auf und trägt so dazu bei, daß das internationale Staatensystem in eine transnationale Welt- und Zivilgesellschaft überführt wird, die den Intentionen des Hegemons entspricht.

Der hegemoniale Einfluß kann über internationale Organisationen und Bündnisse geltend gemacht werden, durch die Sozialisierung oder Korrumpierung der nationalen Eliten oder auf dem Wege der Massenkultur. Ein weiterer Machtfaktor sind die zivilgesellschaftlichen beziehungsweise Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen, die durch indirekte Beeinflussung die Sprache und das politische Denken weltweit bestimmen.

Propagandaarbeit in Deutschland

Einige Beispiele, die Deutschland betreffen: Die in New York ansässige Anti-Defamation League (ADL) ist international tätig und unterhält seit 1998 ein Büro in Wien, das von der Stiftung des amerikanischen Industriellen Ronald S. Lauder finanziert wird. Die ADL ist für das deutsche Bundesinnenministerium ein willkommener Ansprechpartner. 1992 gründete sie das „A World of Difference Institute“ und führte 1993 ein „A World of Difference“-Programm in Bremen, Rostock und Hamburg unter dem Namen „Eine Welt der Vielfalt“ ein. „Vielfalt“ hat sich in der politischen Propaganda als positiv konnotierter Schlüsselbegriff inzwischen durchgesetzt.

Getränkekasten mit Coca Cola Foto: picture alliance / AP Photo
Getränkekasten mit Coca Cola Foto: picture alliance / AP Photo

Die gleichfalls in New York ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, die von dem Finanzspekulanten George Soros eine 100-Millionen-Dollar-Spende erhielt, fordert unter Hinweis auf die Verletzung der Menschenrechte von Deutschland und Europa die weitere Lockerung der Einreisebestimmungen. Diese Organisationen sind gegenüber den Zuständen in den USA keineswegs blind. Im Gegenteil, die Kritik an Mißständen im eigenen Land steigert ihren moralischen Kredit weltweit und damit ihre politisch-propagandistische Durchschlagskraft.

Die im „Kampf gegen Rechts“ und für „Vielfalt“ tätige Amadeu-Antonio-Stiftung steht unter anderem in Verbindung mit der amerikanischen Ford Foundation und den „Worldwide Initiatives for Grantmaker Support“, zu deren Finanziers die Stiftung von Bill Gates und die Rockefeller Foundation gehören. Sie betreibt eine „Global Philanthropy Leadership Initiative“ zur Durchsetzung einer „globalen Perspektive“. Diese Kontakte fallen bei der Würdigung der Antonio-Stiftung schwerer ins Gewicht als die Stasi-Vergangenheit ihrer wirren Vorsitzenden Anetta Kahane.

68er haben das Tor für den US-Hegemon aufgestoßen

Vor zwanzig Jahren geriet diese Zeitung vorübergehend ins Visier des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes mit der Begründung, sie strebe über die Erringung der „kulturellen Hegemonie“ eine Veränderung der gesellschaftspolitischen Ordnung an. Tatsächlich gehörte der Gramsci-Begriff für die JUNGE FREIHEIT in der Phase ihrer Selbstfindung zu den Schlüsselwörtern. Sofern sich politisch-strategische Überlegungen damit verbanden, handelte es sich um Traumtänzereien. Sie lieferten lediglich den Vorwand für staatliche und nichtstaatliche Repressionsmaßnahmen.

Die liberale Verfaßtheit der Bundesrepublik, hieß es, kenne keine derartige Hegemonie, sie sei ihr wesensfremd, weil sie vom pluralistischen Wechselspiel aus unterschiedlichen Meinungen lebe. Heute sieht man klarer und erkennt, daß dieser Pluralismus die Entfaltung und Spezifizierung einer Meta-Hegemonie ist. Von der Meta-Ebene gesehen waren selbst die 68er niemals hegemonial, sie haben lediglich das Tor für den wahren, den US-Hegemon sperrangelweit aufgestoßen.

Im Zuge des Rußland-Ukraine-Konflikts beginnt vielen Menschen zu dämmern, daß ihre Interessen und die US-Hegemonie nicht unbedingt kompatibel sind. Ob aus diesem Gefühl eine Erkenntnis und politische Kraft erwächst?

JF 19/14

Amerika-Begeisterte im Fußballstadion: Der kulturelle Konsens hat politische Folgen Foto: picture-alliance/ dpa

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