„Pfingsten“ von Emil Nolde
„Pfingsten“ von Emil Nolde (1910): In alle Ewigkeit miteinander verbunden Foto: Flickr/Cea mit CC-Lizenz http://tinyurl.com/laaoynp

 

Der Geist stiftet Gemeinschaft

Wer im Kalender die Feiertage markieren möchte, die den Menschen ein Rätsel geworden sind, muß bei Pfingsten einen extra dicken Strich ziehen. Salopp gesagt: Dieses christliche Hochfest hat keine guten Karten mehr. Weihnachten und Ostern – kein Problem, da sind die Gotteshäuser gut gefüllt. Gefeiert wird in der Familie. Aber Pfingsten? Staus auf Autobahnen und Fernstraßen. Abertausende auf dem Weg in einen Kurzurlaub. Alle Jahre wieder.

Die junge, bedrängte Kirche hat aus der Herabkunft des Heiligen Geistes, von der der Evangelist Lukas erzählt, einst Lebenskraft geschöpft: „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen!“ Die Rede von Feuerzungen, die Ermächtigung der Jünger, in fremden Sprachen zu reden – alles Gedanken, mit denen die Menschen des dritten Jahrtausends nicht viel anzufangen wissen.

In alle Ewigkeit miteinander verbunden

Dabei steckt in der Sprachenwunder-Botschaft, die von diesem 50. Tag nach Ostern ausgeht, eine Nachricht, die selbst religiös Unmusikalische annehmen können: daß Menschen in alle Ewigkeit miteinander verbunden sind durch den Gleichklang der Seele und des Geistes. Der Geist stiftet Gemeinschaft. Pfingsten wird so zu einem Fest der Kommunikation. Zum ersten Fall von Ökumene. Zum Zeichen wider einen von Unglückspropheten jedweder Couleur verbreiteten Pessimismus. Vor allem aber zu einer Erinnerung an den Gründungsakt der Kirche, wie er im Matthäus-Evangelium beschrieben wird: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes …“

Die Aufforderung zur Mission: noch immer unbequem für die realexistierenden Kirchen. Erst seit etwa 20 Jahren steht das Thema, etwas verschämt, wieder auf ihrer Agenda. Denn die alte Volkskirche katholischer oder protestantischer Prägung geht dem Ende entgegen. Es gibt keinen Masterplan, mit dem sich ihr Absterben hinauszögern ließe. Man hilft ihr auch nicht mit showartigen Massenevangelisationen durch evangelistische Sturmvögel, sondern nur durch glaubwürdiges Zeugnis – und Festhalten an dem, was christliche Identität ausmacht.

Gefragt ist die Bereitschaft, sich gegenüber einer distanzierten Umwelt zu erklären, aufzustehen, wenn das Recht auf Leben zur Disposition gestellt wird, wenn die Elle der „Nützlichkeit“ an Menschen gelegt wird. Das setzt den Willen voraus, gegen den Hauptstrom der öffentlichen und veröffentlichten Meinung zu schwimmen, die Gottesfrage zu thematisieren und sich nicht in vorletzten Dingen oder Strukturdebatten, so notwendig sie im einzelnen sein mögen, zu verschleißen.

Auf einer „Rutschbahn ohne Halt“

Es häufen sich die ernsten Anfragen an die Kirche. Wird es ihr zum Beispiel gelingen, einer pluralistischen Gesellschaft klarzumachen, daß es bei der Ablehnung von Sterbehilfe nicht um eine christliche Sondermoral geht? Alois Glück, dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, ist zuzustimmen: Wird die Freiheit zur Selbsttötung als höchster Ausdruck von Selbstbestimmung propagiert, gerät man leicht auf eine „Rutschbahn ohne Halt“.

Pfingsten ist deshalb mehr als ein liebliches Frühlingsfest. Der Geburtstag der Kirche fordert Amtsträger wie Laien zur Selbstvergewisserung heraus. „Ecclesia semper reformanda“ – die Kirche ist ständig zu reformieren. Nicht in dem Sinne, dem wetterwindischen Zeitgeist hinterherzustolpern, das wäre keine Erneuerung. Sondern, und hier darf man ihn getrost einmal loben, dem Bundespräsidenten zu folgen.

Joachim Gauck hat beim EKD-Zukunftskongreß seiner Kirche eine Mahnung auf den Weg gegeben, die durchaus als Appell zur geistlichen Neuorientierung gedeutet werden kann. Die Kirche solle „vernehmbar und verstehbar“ von Gott reden und nicht selbstgenügsam oder wehleidig sein. Vor allem solle sie sich die frühe Christenheit zum Vorbild nehmen – als eine „moralische und spirituelle Avantgarde, als eine frische, eigensinnige, vor allem aber als eine von ihrer Aufgabe überzeugte Gemeinschaft“.

Der äußeren muß die innere Mission vorausgehen

Damit ist der Kern des Problems getroffen: Zum Dialog mit Andersdenkenden ist nur der in der Lage, der genau weiß, wo er selber steht. Der Mission „draußen“, soll sie erfolgreich sein, muß deshalb eine Mission im Innern vorausgehen. Zu eindeutig sind die Versuche, das Neue Testament unbedingt der Gegenwart „anzupassen“.

Die evangelischen Theologen Schneider, Käßmann und Gauck: Das Christentum wäre gescheitert Foto: picture alliance / dpa
Die evangelischen Theologen Schneider, Käßmann und Gauck: Das Christentum wäre gescheitert Foto: picture alliance / dpa

Die Prediger einer – undifferenzierten, unbiblischen – Gleichmacherei haben viele Kanzeln erobert. In beiden Großkirchen rücken Themen von der Peripherie in die Mitte, die zu einer faktischen Kirchenspaltung beitragen: Aufwertung homosexueller Partnerschaften und damit Abrücken vom tradierten Familienbild, Förderung der Genderideologie, Vorrang der historisch-kritischen Methode bei der Auslegung der Heiligen Schrift. Der Riß geht nicht so sehr zwischen den getrennten Konfessionen, sondern „transkonfessionell mitten zwischen zwei Lager hindurch“ (Missionswissenschaftler Peter Beyerhaus).

Was hätten die Urchristen vom gegenwärtigen Personal gehalten?

In der Zeitschrift idea-Spektrum ironisierte ein evangelischer Pfarrer diese Tendenz anhand der drei Personen Nikolaus Schneider (EKD-Ratsvorsitzender), Margot Käßmann (EKD-Reformationsbotschafterin) und Joachim Gauck: „Man stelle sich die drei bei der ersten Missionsreise vor: Schneider hätte sich mit Paulus in der Beurteilung der Homosexualität zerstritten, Käßmann hätte den Gemeinden erklärt, weshalb Maria die Geschichte von der jungfräulichen Empfängnis erfunden habe, und Gauck hätte bei heidnischen Statthaltern für die Institution Ehe geworben. Wäre wohl nichts draus geworden mit dem Christentum!“

Das Ergebnis einer Umfrage des Eurobarometers relativiert, zumindest auf das Gebiet der EU bezogen, die pathetische Rede vom „christlichen Abendland“. Zwar gehören noch 72 Prozent der Bevölkerung einer Kirche an, aber nur 51 Prozent gaben zu Protokoll, daß sie an Gott glauben. Vielleicht liegt das auch daran, daß die Menschen Kirche nicht immer als geisterfüllt, schon gar nicht als begeisternd erfahren. „Löscht den Geist nicht aus!“ Diese Mahnung stammt vom Völkerapostel Paulus. Sie ist auch zum Pfingstfest 2014 aktuell.

JF 24/14

„Pfingsten“ von Emil Nolde (1910): In alle Ewigkeit miteinander verbunden Foto: Flickr/Cea mit CC-Lizenz http://tinyurl.com/laaoynp
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