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Geschichtspolitik
 

Im Bannkreis des Führers

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Offizielles Porträt-Foto von Hitler: Biedersinnig-mythisierender Gottesdienst für einen toten Führer Foto: Wikipedia/Bundesarchiv

Berlin, Deutsches Historisches Museum. Es ist Samstag, der 27. November. Die Ausstellung „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“ geht in die siebte Woche, doch noch immer stehen die Besucher dicht an dicht vor den Vitrinen, Schautafeln und Bildschirmen. Dabei ist nichts zu sehen, zu hören oder zu lesen, was der Geschichtsunterricht, Guido Knopp und die diversen Betroffenheitsexperten nicht schon hundertmal verkündet haben. Und das Zugpferd des Spektakels wird nicht einmal angemessen in Szene gesetzt. Die Besucher haben Grund, sich um Hitler betrogen zu fühlen.

In den Gesichtern spiegeln sich Neugierde, Enttäuschung, Überdruß und – ein gewisser Kitzel. Weil der sich aber nicht gehört, wird umgehend der Ausdruck von Erschütterung darübergelegt. Doch diese Erschütterung ist Konvention und löst keine Katharsis aus. Die Fragen, Anspannungen und Widersprüche der Besucher bleiben in der Ausstellung unaufgelöst. Unter und durch Hitler – diese Gewißheit wenigstens können sie mitnehmen – war so viel los in Deutschland, daß sich darin heute das historische Erbe erschöpft. Oder etwa nicht?

„Ich kreise um Gott, um den uralten Turm“

Nahe dem Ausgang sind 45 Ausgaben des Spiegel aufgereiht, die mit Hitler auf dem Titelblatt um Aufmerksamkeit buhlen. Draußen am Kiosk wirbt die aktuelle Nummer mit dem Bildnis von Joseph Goebbels: „Der Mann, der Hitler machte“! Der Irrsinn nimmt kein Ende. „Ich kreise um Gott, um den uralten Turm / und ich kreise jahrtausendelang“, schrieb Rainer Maria Rilke. Die staatliche Geschichtspolitik läuft darauf hinaus, Gott durch Hitler zu ersetzen.

Um Gott muß der Mensch endlos kreisen, weil er eben Gott und für den menschlichen Verstand nicht faßbar ist. Hitler jedoch war kein Gott und ist für den menschlichen Verstand durchaus nicht zu groß. Warum also wird er dem Staatsvolk als einer präsentiert, der sich den üblichen Kategorien entzieht?

Hitler als angebliches „kollektives Ich-Ideal“

Die Volkspädagogen zitieren den Mitscherlich-Klassiker „Die Unfähigkeit zu trauern“ und erklären: Normalerweise führe Schuld zur Reue und zum Bedürfnis nach Wiedergutmachung, münde Verlust in Trauer und die Entwertung des Selbstbildes in Scham. Diesen natürlichen Regungen jedoch hätten die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nachgegeben, denn wegen der Größe der deutschen Schuld wäre daraus eine allgemeine Depression gefolgt. Um ihr Überleben zu sichern, hätten sie sich auf eine seelische Abwehranstrengung geeinigt.

Diese betraf insbesondere Adolf Hitler, ihr „kollektives Ich-Ideal“, das 1945 besiegt und widerlegt wurde. Er sei in doppelter Hinsicht ihr libidinöses Objekt gewesen: als Führer, an den sie sich anlehnten und dem sie Verantwortung übertrugen; als „inneres Objekt“, das ihre narzißtischen Allmachtsvorstellungen repräsentierte und bediente. Seine Niederlage hätte daher eine tiefe Kränkung bedeutet, der sie sich weder stellen wollten noch konnten.

Indem sie sich weigerten, Klarheit über Hitler zu gewinnen, blieben sie aber in seinem Bann und ihr Verhältnis zur Realität und zur übrigen Welt gestört. Als Gegenmittel wurde das Aufarbeiten – im Vokabular der Psychoanalyse: das Durcharbeiten – der Vergangenheit empfohlen. Dieses Verfahren ist unter dem Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ zur Staatspolitik geworden.

Der psychotherapeutische Ansatz beschrieb schon vor vierzig oder fünfzig Jahren nicht einmal die Hälfte der Wahrheit, weil er die realpolitische und geschichtliche Konkretheit ignorierte. Heute ist er vollends ein Instrument zur fortgesetzten Manipulierung und Neurotisierung. Die Jahrzehnte der „Aufarbeitung“ haben Hitler mitnichten erklärt und „bewältigt“, sondern seinen Bannkreis absichtsvoll verstetigt und ihn mit der Universalisierung des Schulddogmas verbunden.

Die vielen Bücher und Diskussionen vom Historiker-Streit über die Goldhagen-Debatte und die Wehrmachtsausstellung bis zum aktuellen Buch „Das Amt“ (JF 48/10) zielten darauf ab, die jüngere deutsche Geschichte in eine kollektive Verbrechensgeschichte umzuschreiben. Ihre Ursachen lägen in einer tiefliegenden psychischen Fehldisposition der deutschen Gesellschaft, die ihre Verkörperung in Hitler gefunden hat und daher verworfen werden muß.

Keine Klarheit über den toten Führer

Weil diesem Imperativ die natürlichen Lebensimpulse entgegenstehen, kommt es zu einem Konflikt, der die gutgesinnten Nachkriegsdeutschen irre werden läßt: an Hitler, an der Geschichte und an sich selber. Manisch und therapiegläubig vergewissern sie sich immer wieder des toten Führers, ohne je Klarheit über ihn zu gewinnen.

Sein „kommunikatives Beschweigen“ (Hermann Lübbe) durch die Erlebnisgeneration ist aus deren Schockstarre heraus leicht zu erklären. Nachvollziehbar ist auch die aggressive Empörung ihrer Kinder, der 68er-Generation. Aus dem Rahmen fällt dagegen, daß keine der nächsten Generationen die zeitliche und sachliche Distanz dazu genutzt hat, um einen neuen Anfang zu setzen, indem sie Hitler historisiert – also seine wissenschaftliche Erforschung aus dem politischen Zweckdenken herauslöst – und seine vermeintliche Omnipotenz in den Kontext internationaler Politik stellt.

Eine Rationalisierung Hitlers stößt auf narzißtische Kränkung

Jeder Versuch dazu stieß und stößt auf den unerbittlichen Widerstand der politischen Strukturen und Mächte: Zunächst auf der internationalen Ebene, denn der Zweite Weltkrieg war ein gegen Deutschland geführter internationaler Bürgerkrieg, der bis heute sinnstiftend wirkt. Nach 1945 wurde er – Stichwort „Umerziehung“ – mit psychologischen Mitteln und mit so großem Erfolg fortgesetzt, daß Angehörige der deutschen Funktionseliten heute seine zuverlässigsten Akteure sind.

Die Konfusion ist so groß, daß – in paradoxer Umkehrung der Mitscherlich-Analyse – jeder Versuch, Hitlers (und Deutschlands) Rolle in der Realgeschichte zu rationalisieren, als eine narzißtische Kränkung wahrgenommen wird. Wenn Hitler ein sich selbst überschätzender Dilettant war, was hätte die neuere deutsche Gesichte bis hin zur Euro-Einführung dann für einen Sinn gehabt?

Der Besuch einer biedersinnig-mythisierenden Hitler-Ausstellung wird so zu einem kleinen Gottesdienst, dessen Besucher die pervertierten Restspuren ihres abgelegten Nationalstolzes feiern.

(JF 49/10)

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