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„Eine deutsche Partei“: Fairneß trotz Distanz

„Eine deutsche Partei“: Fairneß trotz Distanz

„Eine deutsche Partei“: Fairneß trotz Distanz

AfD
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AfD-Anhänger beim Wahlkampfauftakt der AfD vor dem Schweriner Schloss 2021 Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner
„Eine deutsche Partei“
 

Fairneß trotz Distanz

„Da drüben ist die Propandaschleuse“, zeigt mürrisch ein AfD-Funktionär seinen Bundestagsbesuchern das ARD-Hauptstadtstudio schräg gegenüber. Dort versuchen sich die öffentlich-rechtlichen Journalisten in ausgewogener Berichterstattung. Was in Sachen AfD regelmäßig schief geht. Zu sehen ist die kurze Szene in dem Film „Eine deutsche Partei“ des Regisseurs Simon Brückner, vorgestellt auf der Berlinale, die am Sonntag zu Ende gegangen ist. Fazit: Eine faire Darstellung über die AfD ist möglich, trotz klarer politischer Distanz des Filmemachers.

Wie tickt ein AfD-Politiker, ein AfD-Wähler, ein AfD-Sympathisant? Alles journalistisch unbeantwortete Fragen, auch neun Jahre nach Gründung der Partei. Brückner hat Bundes-, Landes- und Bezirkspolitiker der AfD zwischen 2019 bis 2021 begleitet; in den Parlamenten, auf Parteitagen und Wahlveranstaltungen, und auch während interner Sitzungen lief seine Kamera.

So wird der Zuschauer Zeuge, wie der Berliner Fraktionsvorstand strategisch plant, die Plenarsitzungen, den Wahlkampf. Da prallen die Gegensätze ohne Knautschzone aufeinander, etwa in der Corona-Politik. Vehement streiten sich zwei Abgeordnete, Ärzte von Beruf, über die Wirksamkeit von PCR-Tests. Schließlich muß der damalige Landes- und Fraktionschef Georg Pazderski resigniert feststellen: „Wir haben keine klare Position.“ Dessen Sorgen über die Aktivitäten der Jungen Alternative sind ihm anzusehen. „Politiker wegfegen“, würde ihm nicht über die Lippen kommen.

Einblicke in das Innenleben der Partei

Auf dem Parteitag in Braunschweig im Dezember 2019 kandidiert der nationalkonservative Pazderski für den Posten des Vize-Bundessprechers erfolglos gegen Stephan Protschka, der als Anhänger des Flügels gilt. Geschlagen und angeschlagen verläßt der ehemalige Oberst den Parteitag, wird beim Hinausgehen überrascht von der Nachricht einer Siegesfeier. Protschka wurde als Beisitzer des Vorstands gewählt. Auch hier verzichtet der Regisseur auf Interviews, läßt die Szene für sich sprechen. Ein einsamer Mann geht von Bord.

So erfährt der Zuschauer in 110 Minuten viel über das Innenleben der AfD – ohne die üblichen belehrenden Kommentare. Auf die Bloßstellung von Personen wird verzichtet, die Parteiprominenz kommt ins Bild, aber kaum zu Wort. Noch nicht einmal Alexander Gauland. Der Partei fehle jemand mit Charisma, bedauert ein Parteivertreter und verweist anerkennend auf den AfD-Ehrenvorsitzenden. Auch das zeigt der Film. Eine mitreißende Persönlichkeit, die Wähler begeistert wie einst in Österreich FPÖ-Chef Jörg Haider, sucht man in der AfD vergebens. Und auch das wird deutlich. AfD-Sympathieträger? Weitgehend Fehlanzeige.

Brückner geht es offenbar darum, die unterschiedlichen Positionen in der Partei zu markieren. Und die Risse werden sichtbar, die Unterschiede könnten kaum größer sein. Gespenstisch mutet eine öffentliche Kundgebung auf dem Erfurter Domplatz an. „Impfen ist für den Arsch“, rufen einige lautstark, oder „Meuthen muß weg“. Dessen Parteiaustritt wird am Ende der Langzeitreportage noch erwähnt.

„Jogginghosen-Fraktion“

Brueckner
Regisseur Simon Brückner auf der Berlinale Foto: picture alliance / EPA | Clemens Bilan

Von „Rumprollen“ sprach Jörg Meuthen auf dem Parteitag in Kalkar, der aufgewühlt reagiert hat. Gemeint waren ungehobeltes, aggressives Auftreten sowie enthemmte Reden von Funktionären. Die „Jogginghosen-Fraktion“ heißt es dazu mitunter in der Fraktionsführung.

Ein Problem, das längst erkannt worden ist, in der Dokumentation auch von AfD-Gründungsmitglied Albrecht Glaser angesprochen wird. „Wir müssen die, die immer über die gute Argumentation und die geschliffene Rede und den hochkompetenten Inhalt kommen, die müssen wir promovieren“, beschwört er hochrangige Parteifreunde, die sich in einem noblen Landhaus versammelt haben.

Doch Brückners Kamera fängt auch Wahlveranstaltungen in der Provinz ein, etwa in Zehdenick oder Cottbus im Brandenburgischen. Da darf natürlich Andreas Kalbitz, der ehemalige Landesvorsitzende, nicht fehlen, den Meuthen wegen der verschwiegenen Mitgliedschaft in der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ aus der Partei gedrängt hatte. Kalbitz wird in der Dokumentation keineswegs als schlimmer Nazi dämonisiert. Im Gegenteil. Er wirkt auf Marktplätzen und in Wirtshäusern als freundlicher Kümmerer, bemüht, die Stimmung der örtlichen Mitglieder und der Sympathisanten zu treffen. Nicht ohne Erfolg.

Maximale Transparenz

Der Regisseur teilt seine Dokumentation in sechs unverbundene Kapitel, die dem Publikum eine Zuordnung der Abläufe im Bund und in den Ländern nicht gerade erleichtern. Aber vielleicht bedarf es einer solchen Einordnung gar nicht. Jedenfalls klatschten die rund 180 überwiegend jungen Zuschauer im Berliner Kino „International“ spontan Beifall als der Abspann einsetzte.

Es ist erstaunlich, daß die AfD Brückner, der in einem 68er Haushalt aufgewachsen ist, so viel Einblick nehmen ließ in Parteiinterna. Eine Partei, die auch schon Journalisten von öffentlichen Parteitagen ausgeschlossen hat. Eine maximale Transparenz, die die politische Konkurrenz beschwört aber nicht praktiziert.

Nur einmal platzt Sitzungsleiter und AfD-Chef Tino Chrupalla der Kragen. Weg mit der Kamera, verlangt er. Hier zeigt er sich, der gärige Haufen, wie Gauland die AfD einst bezeichnet hat. In der internen Beratung geht es um die Wirtschaftspolitik, die Debatte verläuft ungeordnet, streckenweise konfus. Die Runde widerspricht ihrem höchsten Amtsträger ohne Umschweife. Und der gibt klein bei. „Das interessiert doch überhaupt keinen.“

AfD-Anhänger beim Wahlkampfauftakt der AfD vor dem Schweriner Schloss 2021 Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner
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