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ieber zweimal hinschauen: Alles muß korrekt sein Foto: picture alliance / Bildagentur-online | Bildagentur-online/Yay-Armyagov (RM)

Warnhinweise und Selbstkritik
 

Disneys politisch-korrekter Brille entgeht nichts

Der Streamingdienst Disney+ hat seit geraumer Zeit damit begonnen, sein Programm und vor allem Filme aus früheren Tagen nochmals durch die politisch-korrekte Prüfbrille zu kontrollieren. Seitdem erscheint vor immer mehr Filmen die Warnung:

„Dieses Programm enthält negative Darstellungen und/oder eine nicht korrekte Behandlung von Menschen und Kulturen. Diese Stereotype waren damals falsch und sind es noch heute. Anstatt diese Inhalte zu entfernen, ist es uns wichtig, ihre schädlichen Auswirkungen aufzuzeigen, aus ihnen zu lernen und Unterhaltungen anzuregen, die es ermöglichen, eine integrativere, gemeinsame Zukunft ohne Diskriminierung zu schaffen.“

Und weiter: „Disney hat es sich zum Ziel gesetzt, Geschichten mit inspirierenden und zukunftsweisenden Botschaften zu erzählen, in denen die große Vielfalt der Menschen rund um den Globus berücksichtigt wird und niemand diskriminiert wird.“

Maximale Absicherung

Darunter läuft ein zwölfsekündiger Countdown ab. Solange hat der Zuschauer noch Zeit, schreiend davon zu rennen oder die Wiedergabe des Films zu stoppen. Danach startet das Video automatisch.

Unklar ist bislang, wer bei Disney aus welchen Gründen genau entscheidet, daß ein schon älterer Film vielleicht heute nicht mehr zeitgemäße Darstellungen enthält. Es scheint allerdings, daß man in der bunten Traumfabrik lieber auf Nummer sicher geht und die Warnhinweise großzügig verteilt, um auch jedem Proteststurm gleich den Wind aus den Segeln nehmen zu können – egal aus welchen Betroffenenlager er weht.

Und so war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis es auch den Prototyp des alten, weißen Mannes traf: Leslie Nielsen. Der 2010 verstorbene Schauspieler ist vielen Zuschauern vor allem als schusseliger und nicht allzu intelligenter Lt. Frank Drebin aus der Komödien-Reihe „Die nackte Kanone“ bekannt.

Eine ähnlich Rolle hat Nielsen auch in dem 1997 von Disney verfilmten Klamauk-Streifen „Mr. Magoo“ übernommen. Darin spielt er den exzentrischen und extrem kurzsichtigen Millionär Quincy Magoo, der sich weigert, seine Fastblindheit anzuerkennen und eine Brille zu tragen, weshalb er von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert.

Vorauseilender Gehorsam vor übersensiblen Kritikern

Als Gauner einen riesigen Rubin aus einem Museum stehlen, gelingt es Magoo mehr durch glückliche Zufälle und mit Hilfe seines treuen Hundes, den Räubern nicht nur das Handwerk zu legen, sondern den Edelstein auch unbeschadet wieder zurückzubringen. Am Ende sind alle glücklich und Quincy Magoo der strahlende Held.

Als der Film in die Kinos kam, zeigte sich Regisseur Stanley Tong stolz. Es sei ein Film für die ganze Familien. Er sei dankbar, daß es ihm „erstmals gestattet wurde, einen Actionfilm zu drehen, in dem der Spaß im Mittelpunkt steht und keine Gewalt gezeigt wird. Es gibt keine Feuergefechte, keine Explosionen, keine Morde.“

Darauf könnte man bei Disney auch heute noch stolz sein, wenn da nicht die erwähnte politische-korrekte Kontrollbrille wäre. Und die hat natürlich doch etwas entdeckt, was übersensible Kritiker beanstanden könnten und wofür man sich im Nachhinein besser entschuldigt: die Sehschwäche von Mr. Magoo, beziehungsweise seine damit verbundene Tollpatschigkeit. Disney+ hat den den Streifen deshalb ebenfalls mit dem entsprechenden Warnhinweis vorab versehen.

Es gibt noch viel zu tun

Doch damit nicht genug. Auch im Abspann zeigt man sich bewußt selbstkritisch. „Der vorstehende Film ist nicht als realistische Darstellung von Blindheit oder Sehschwäche gedacht“, wird der Zuschauer belehrt. „Blindheit oder Sehschwäche beeinträchtigen nicht automatisch die Fähigkeiten, in den verschiedensten Berufen zu arbeiten, eine Familie zu gründen, wichtige gesellschaftliche Aufgaben wahrzunehmen oder ein erfülltes Leben zu führen. Alle Menschen mit Behinderungen verdienen eine faire Chance, ohne durch Vorurteile beeinträchtigt leben und arbeiten zu können.“

Wer glaubt, auf so etwas könne man nur fern ab über dem großen Teich in den Vereinigten Staaten kommen, dem sei ein Blick auf die Narrenhochburg am Rhein empfohlen. Dort hat sich die Stadt Köln seit dem 1. März eine neue Amtssprache verordnet. Das klare Ziel: Niemand soll sich mehr wegen seines Geschlechts, seiner Herkunft, seiner sexuellen Orientierung oder wegen einer Behinderung diskriminiert fühlen.

Bedacht wurden dabei auch ausdrücklich Blinde und Menschen, wie Mr. Magoo, die an einer Sehschwäche leiden. Für sie heißt es in den Formularen nun nicht mehr: „Wie Sie in der Anlage sehen …“, sondern „In der Anlage finden Sie …”. Es gibt also noch viel zu tun für Disney.

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