Mary Shelly
Elle Flanning als Frankenstein-Erfinderin Mary Shelly Foto: public insight OHG

Tyrannei der Freiheit
 

Rührselige Verfilmung des Lebens von „Mary Shelly“

Die Regisseurin Haifaa Al Mansour erzählt im Kinofilm „Mary Shelly“ die Geschichte der Erfinderin des künstlichen Monsters „Frankenstein“. Dabei entdeckt sie Parallelen zur heutigen Lage der Frauen. Die aus Saudi-Arabien stammende Regisseurin bleibt auf ihr Thema festgelegt. Bereits der Titel eines Dokumentarfilms von 2005 „Women without Shadows“ ist Programm. In ihrem ersten Spielfilm „Das Mädchen Wadjda“ hat sie 2012 den selbstbestimmten Aufbruch eines 11jährigen Mädchens aus einer wohlhabenden arabischen Familie erzählt.

Mit „Mary Shelly“ bleibt sie jetzt in dieser Spur. Den Stoff hat ihr der irische Produzent Alan Moloney vorgeschlagen, ganz offenbar mit dem Kalkül, ein bewährtes Muster mit den visuellen Reizen des historisch-biografischen Kostümfilms auszuschmücken.

Al Mansour hat im Lebensweg der englischen Schriftstellerin und Dichtergattin sogleich die suggerierte Parallele erkannt: „Beide junge Frauen kämpfen gegen ein konservatives gesellschaftliches Joch, das ihnen auferlegt wurde, um das Leben zu leben, für das sie sich entschieden haben.“

Nur die Verkleidung erinnert an die Epoche

Die jugendlichen Protagonisten wirken in ihren Äußerungen als sehr gegenwärtige Charaktere. Allein ihre Verkleidung erinnert an die Epoche der Handlung.

Dieser Film über „Frauen, die ohne Gewissensbisse ihrem Herzen folgen und allen Konventionen und gesellschaftlichen Erwartungen zum Trotz großen Erfolg mit dem haben, was sie anstoßen“, wird in seiner verführerischen Mischung von konventioneller Fabel, reizvoller Kostümierung und moralischer Belehrung seine Wirkung nicht verfehlen.

Je rührseliger ihr Vortrag, umso unwiderlegbarer wird der Anspruch der Weltverbesserer. Das Publikum möchte im Kino ganz gern ein wenig betrogen werden oder sich selbst über die Welt betrügen.

Heute wie damals: Elite scheitert am Anspruch

Darum erkennt es wunschgemäß: „Viele Schwierigkeiten, mit denen Mary Shelley zu kämpfen hatte, machen Frauen auch heutzutage noch zu schaffen.“ Genaugenommen sprechen die Umstände gar nicht allein für eine Unterdrückung der Frauen.

Vielmehr ist zu beobachten, wie eine Elite am eigenen Anspruch scheitert, indem sie immer wieder von der Sucht nach Geltung, Genuß und Geld gepackt wird, wo sie sich die Überwindung von Eifersucht, Egoismus und Besitzanspruchs vorgesetzt hat.

Das intellektuelle Milieu zeigt sich den Freiheiten nicht gewachsen, die sie vollmundig verficht. Mary ist im Wortsinne selbst das Kind dieses zwiespältigen Drangs und ähnelt darin jenen geplagten Kindern der Revoluzzer von 1968, die sich hierzulande in den letzten Jahren zu Wort meldeten.

Ihre Mutter Mary Wollstonecraft verfaßte eine „Verteidigung der Frauenrechte“. Die praktische Ablehnung von Pflichten und Verbindlichkeiten bestimmt ihre wechselnden Beziehungen bis zu ihrem Tod. Shellys Vater William Godwin (Stephen Dillane) propagiert anarchistische und sozialistische Ideen.

Märchen statt Realität

Der Film zeigt ihn jedoch als besorgten liebenden Vater, der durch Erfahrung skeptisch wurde gegenüber dem destruktiven Eifer der Jugendjahre. Er hat sich mit Mary Jane Clairmont (Joanne Froggatt) neu vermählt. Vor dieser zänkischen Stiefmutter flüchtet Mary zum Grab ihrer Mutter und vertieft sich in die Lektüre von Schauergeschichten.

Das Aschenbrödel wird schließlich vom poetischen Prinzen entführt. Percy Bysshe Shelly (Douglas Booth) ist der kapriziöse Sproß eines Adelsgeschlechts. Seine Verse wirken wie Sirenengesang auf die Damen der Gesellschaft. Alle sind ihm verfallen.

Mary muß jedoch einsehen, daß sie nicht die erste Frau ist, die er entführt hat, aber da hat sie das Haus ihres Vaters bereits mit einer schäbigen Absteige getauscht.  Als der alte Shelly weitere Unterstützung versagt, wird auf Pump gelebt. Auf der Flucht vor den Gläubigern verliert Mary ihr Kind.

Erlösung am Genfer See

Die Begegnung mit Lord Byron (Tom Sturridge) eröffnet dann die eigentliche Legende. Während eines verregneten Sommers in der Villa Diodati am Genfer See beschäftigen sich die jungen Leute mit allerlei pseudowissenschaftlichen und esoterischen Spekulationen. Die Kupferstiche von galvanischen Wiederbelebungsversuchen an Leichen und die düster-symbolischen Gemälde von Heinrich Füssli werden von Blitzen erhellt.

Zwischen innerer und äußerer Spannung, Erregung und Langeweile treten die jungen Leute in den Wettbewerb um eine Geistergeschichte. Aus diesem Gesellschaftsspiel ergibt sich Mary Shellys einziger schriftstellerischer Erfolg.

Der Film stilisiert ihren Frankenstein-Roman bereits zu jenem Ereignis, als das er ein Jahrhundert später empfunden wurde. Erst die Verfilmung ließ die Geschichte populär werden. Später entdeckten dann feministische Theoretiker den Roman auf ihrer hartnäckigen Suche nach originären weiblichen Kunstbegabungen.

Geschichte wie Frankensteins Wesen

Verglichen mit der zeitgleichen europäischen Wirkung der deutschen Romantik sowie deren kreativen weiblichem Anteil, sind die Anhaltspunkte für die Geschichte eher dürftig, umso ungestörter durch die Wahrheit lassen sie sich zum Melodram aufblasen.

Der Film „Mary Shelly“ ist selbst als ein galvanisch belebtes Monster aus Geschichte, Anekdoten und Emanzipationsgedanken zusammengeflickt. Eine Weile stapft es ungeschlacht durch unsere Filmtheater. Wenn seine geborgte Lebenskraft sich ausgewirkt hat, wird es in sich zusammenzufallen.

Elle Flanning als Frankenstein-Erfinderin Mary Shelly Foto: public insight OHG
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