Sommerloch
 

Wenn nichts los ist

Jeweils zweimal im Jahr erwarten viele Leute das ganz Besondere. Die Weihnacht soll unbedingt weiß sein, familiär harmonisch und friedvoll beglückend, und der Sommer, diese Sehnsuchtszeit, muß Ereignisse bieten, von denen man das ganze restliche Jahr zehren kann.

Aber während das Fest der Feste nach ein paar Tagen vorbei ist und schnell der Lethargie zwischen den Jahren oder kritischen Resümees zu Silvester Raum gibt, dauert der Sommer. Und dauert. Bis in die leise Depression der Nachsaison. Sauregurkenzeit! Ein früher vom Mangel geprägtes Stadium zwischen den Ernten. Bis die Spreewäldler den Berlinern die Gurkenfässer zuschipperten. So wollte man denken, handelte es sich bei dem seltsamen Begriff nicht um eine Verballhornung der jiddischen „Zó-res- und Jókreszeit“, einer Phase der Not und Teuerung.

Man will Spaß! Animation!

Was dem Fest der Familie der Weihnachtsfrust, ist dem Sommerfrischler das Sommerloch. Beginnend mit dem Wetter: Es soll bitte durchweg ein Klima wie in der Dornsavanne herrschen. Stabile Hochdrucklagen, Sonne satt. Drohen Niederschläge, wird vom Wetterbericht alarmiert, als wären sie radioaktiv. Man will Spaß! Animation! Nur nicht einfach so die knackende Ameisen-Hitze in brandenburgischen Kiefernwäldern oder den Lerchengesang über reifenden Feldern. Nein, Action!

Aber: Nicht nur, daß man an kühleren Abenden vor dem Fernsehschirm auf allen Kanälen mit endlosen Wiederholungen leben muß, vieles findet erst gar nicht mehr statt. Das Parlament urlaubt, Opern- und Theaterhäuser sind dicht, die Fußball-Bundesliga pausiert. Alle befinden sich im Ferienmodus. Großes Abwarten. Geschichtliche Pause.

Fußballmeisterschaften erlösen uns nur alle paar Jahre

Dagegen wären Weltmeisterschaften die Rettung. Vorzugsweise jene des Fußballs führten hierzulande schon in einen nationalen Taumel der Begeisterung, die es so doch gar nicht mehr geben dürfte. Aber weil die Euphorie für deutsche Verhältnisse so liebenswert ablief, ganz ohne pickelhaubige Kraftmeiereien, fanden das die Nachbarn allerliebst. Megacool! Sieh mal, die Deutschen mit all ihren schwarzrotgoldenen Accessoires. Wie nett die dort in ihrem Sommerloch beim Public Viewing mit Flagge und internationalen Bieren versammelt sind.

Das kann uns nur alle paar Jahre erlösen. Lange Langeweile! Wenn aber plötzlich doch etwas geschieht und die Tristesse durchbricht, potenziert sich das Ereignis von allein, wie ein Schneeballprinzip am Hitzepol. Und mancher, der sonst wenig Stimme hat, aber jetzt die Gunst der Stunde zu nutzen weiß, aus der Verschattung der Hinterbänkelei etwas zu verlautbaren, erschrickt vor der unterschätzten Wirkung seiner Signale.

So geschehen, wenn die Präsidentin eines Unternehmerverbandes in achselschweißiger Schwüle fordert, eine Deo-Pflicht für Arbeitnehmer einzuführen, der CSU-Abgeordnete Dionys Jobst sich Mallorca als 17. Bundesland vorstellen könnte und seine Kollegin Pauli gar die Ehe auf Zeit bis ins so verflixte siebente Jahr in Vorschlag brachte. Was haben wir gelacht.

Wird keine Sau durchs Dorf getrieben, müssen andere Tiere ran

Einerseits führte es sommers zu Aufruhr, daß die Kinderkommission des Parlaments Überraschungseier als zu gefährlich verbieten wollte, andererseits, daß die Kanzlerin nun gerade Josef Ackermann das Geburtstagsessen zu dessen Sechzigstem ausgab, bezahlt vom Steuerzahler und so verbraucherfreundlich, daß der Banker noch dreißig Leute ins Kanzleramt mitbringen durfte zu einem halben Zentner Beelitzer Spargel, zehn Kilo teurem Kalbsrücken, drei Sorten Senf, all den Früchten und je einem Kilo Käsekuchen und Donauwelle, mal ganz zu schweigen von all dem Wein.

Und wird gerade keine desorientierte Sau durchs Dorf getrieben, müssen die anderen Tiere ran: der Kaiman im Baggersee, das Känguruh aus Pyrmont auf der Flucht, von Bürgern da und dort gesichtet, sogar in Chemnitz, der einen Dackel verschlingende Wels Kuno, Problembär Bruno, Trauerschwänin Petra in ihrer platonischen Liebe zu einem Tretboot-Schwan … Dazu all die Einbildungen und Virtualitäten, also seit 1975 Nessi, ein bis Köln den Rhein aufwärts schwimmender Wal und die Scharen längst aus der Mode gekommener Moorhühner, deren betriebene Ausrottung ganze Großraumbüro-Abläufe störte.

Das Sommerloch als liebliche Senke

Die Frage, ob Michelle Obama in kurzen Hosen an einem Familienausflug teilnehmen darf, bringt die Gemüter im Sommerloch ebenso auf wie ein delikater Schnappschuß, der fragen ließ, ob Lady Gaga richtigen Geschlechts sei. Echte Sommer-Hits wurden der Maschendrahtzaun mit dem Knallerbsenstrauch, Scharping mit seiner Gräfin im Pool – im 17. Bundesland! – und der seiner Ministerin 2.500 Kilometer in deren Spanienurlaub hinterherbrausende Fahrer Ulla Schmidts.

Wohlwollend könnte man das Sommerloch als liebliche Senke auffassen, in die – wie Amphitheater – all die Festivals gebaut sind, zu denen laue Luft, Abendstimmung und geputzte Menschen passen: die leichten und schwereren Klassik-Events für solventere Restbestände des Bildungsbürgertums und dessen fashionablen Anhang, die Pferde- und Tennis-Derbys, die Mittelalterfeste der Hobby-Ritter, die Bikertreffen und Rockkonzerte und schließlich all die Flohmärkte für den schmalen Taler sowie die Wanderausstellungen mit Spinnen und Reptilien.

Was bleibt? Das Sommerloch muß sich selbst beschreiben, im zirkulären Vorgang eines selbstreferentiellen Systems. Jeder weiß: Das Sommerloch kommt. Muß kommen. Mit der wesentlichen Eigenschaft: Nichts los. Entweder man läßt sich hineinfallen, erträgt die vorgebliche Leere als angenehmen Moment der Kontemplation, oder entwickelt die Idee seines eigenen Sommers. Denn das Sommerloch ist eine Fiktion, in die die Mediengesellschaft ihren bunten Zirkus projiziert, in der Annahme, wir warteten alle darauf.

JF 30-31/13

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