Vom Teufel geritten

Am 12. Februar wird in Dresden die Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche gegen Rechtsextremismus – für Demokratie gegründet (JF 7/10). Zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs gehören der sächsische Landesbischof Jochen Bohl, die Frankfurter Pröpstin Gabriele Scherle sowie der Hamburger Synodalpräsident Hans-Peter Strenge und der Eisenacher Oberkirchenrat Christhard Wagner. In ihrem Aufruf betonen sie die Notwendigkeit praktischen kirchlichen Engagements gegen Rechtsextremismus und für Demokratie in Mittel- und Westdeutschland. Gleichzeitig stellen sie fest, „daß menschenverachtende, rassistische, antisemitische und demokratiefeindliche Einstellungen mit dem christlichen Glauben unvereinbar sind“.

Keine Mittler zu Gott sprechen hier, sondern politische Schulmeister, die dem Zeitgeist gehorchen und sich autoritär dabei gebärden. Im Engagement gegen einen eher kleinen weltlichen Gegner, der mit viel Aufwand jedoch zum totalen Feind, ja zum Leibhaftigen aufgeblasen wird, steigern sie sich in eine Erbauungsmoral und Illusion des Guten hinein. Doch was, wenn diese Kirchenführer in Wahrheit vom Teufel geritten würden?

Am 9. November 2008 wurde eine „Handreichung“, die Broschüre „Nächstenliebe verlangt Klarheit – Kirche in Sachsen für Demokratie – gegen Rechtsextremismus“, veröffentlicht. Dort heißt es: Der Rechtsextremismus sei zu einem „drängenden Problem“ geworden und dringe in die „Mitte der Gesellschaft“ vor. Bereits „unzählige Menschen“ seien von Rechten ermordet worden, „national befreite Zonen“ dehnten sich aus, wo „MigrantInnen“ keinen Zutritt hätten. Das Ziel der Extremisten laute „Großdeutschland“. Die Kirche aber sei per se „multikulturell“ und Christen „global players“. Zwar hätten sie auch keine schlüssigen Antworten auf die Probleme der Globalisierung, die dennoch zu begrüßen sei, weil sie mit dem „offenen Weltbild“ der Kirche korrespondiere. Wer rechtsextremistische Plakate entdecke, solle die Polizei informieren usw. Der Schulmeister wird zum Blockwart. Den zentralen Bezugspunkt bildet das allseits bekannte, düstere Jahrzwölft.

Kaum Zorn, eher Mitleid ergreift einen angesichts von soviel Dürftigkeit. Diese Amtskirche könnte glatt als Vorfeldorganisation der Linkspartei durchgehen. Was im Titel „Klarheit“ heißt, entäußert sich in einem schneidenden, unerbittlichen, inquisitorischen Tonfall. Nur mal nebenbei: Sind nicht auch diejenigen, die sie als Extremisten verteufelt und zur Jagd ausschreibt, der Nächstenliebe bedürftig?

Die evangelische Kirche stellt damit klar, daß auch sie von den Zinsen lebt, die Hitlers Erbe immer noch abwirft. Weil sie nichts anderes mehr hat, muß der tote Führer als säkularer Teufel gehütet und gepflegt werden. Dieses kirchliche Fiasko hat der Schweizer Philosoph Denis de Rougemont in seinem erstmals 1944 erschienenen Buch „Der Anteil des Teufels“ (neu bei Matthes & Seitz) hellsichtig prognostiziert. Ein Kapitel ist „Hitler oder Das Alibi“ überschrieben. Für Rougement ist es gar keine Frage, daß Hitler ein furchtbarer Verbrecher ist, vielleicht sogar dämonisch befähigt und inspiriert, „ein kleiner Abgesandter“ gar, aber der Teufel selbst? Das wäre dann doch zuviel der Ehre. Sehr nüchtern analysiert er ihn als den Vertreter einer „totalitär religiösen Politik“ und einer „regressiven Gemeinschaft“, die auf der Vergangenheit fußt. Anders gesagt: Er ist ein Reflex auf die Verunsicherungen der Moderne, eine ganz und gar irdische Erscheinung und durch irdische Mittel – durch Waffen – besiegbar. So billig ist der wahre Teufel nicht zu haben. „In Hitler hatte der Teufel das populärste Alibi gefunden, das er je erdacht hatte. Es ist eine verlorene Partie, aber was liegt ihm daran? Er weiß, er hat die Zeit für sich, wenn Gott die Ewigkeit bewahrt.“

Gut ein Jahr vor der tatsächlichen Niederlage Hitlers (das Attentat vom 20. Juli 1944 findet im Buch noch keine Erwähnung) sieht Rougemont für diesen Fall ein großes Vakuum auf die Menschen zukommen. Hitler war der Vorwand für einen globalen Ausnahmezustand, mit ihm würde eine „Dimension des Lebens“ verschwinden, eine „planetarische Enttäuschung“ würde folgen. „Der Streich ist gespielt. Nun sind wir  gefangen. Wenn der Teufel Hitler ist, sind wir auf der guten Seite?“

Der Teufel würde entzückt sein über soviel „gutes Gewissen. Es ist die weite Pforte, durch die er mit Vorliebe in uns eintritt, indem er sich unter einem falschem Namen anmelden läßt.“ Das Kapitel, das sich anschließt, heißt übrigens: „Der Teufel als Demokrat“. Ein anderes: „Der Teufel in der Kirche“.

Foto: Skulptur am Prater in Wien: Hitler als säkularer Teufel muß gehütet und gepflegt werden

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