Pankraz, das Smartphone und die Link-Wälder

Letztes Weihnachten hat Pankraz gleich zwei Handys verschenkt, die Empfänger hatten es sich gewünscht und haben sich sehr darüber gefreut. „Ein ganz einfaches soll es sein“, mahnte eine der Wünschenden, „ich will damit nur von unterwegs telefonieren können. Also bitte kein Schnickschnack!“

Pankraz kam dadurch in ziemliche Verlegenheiten. Was heißt Schnickschnack? Er selbst trägt ein völlig übliches, ganz und gar durchschnittliches Gerät mit sich herum, und er kann damit – außer telefonieren, fotografieren, SMS versenden, im Internet surfen und fernsehen –manches andere mehr, von dem er bisher gar keine Ahnung hat und das ihn auch wenig interessiert. Einfacher geht’s aber heute kaum noch.

Zur Zeit tobt ein ungeheurer Konkurrenzkampf der Anbieter um das ideale „Smartphone“, das faktisch sämtliche Tätigkeiten von sich aus ausführen und seinem Besitzer abnehmen soll. Die neuesten Kreationen sind zum Beispiel schon in der Lage, vom Nachtschränkchen aus nach entsprechendem „touchscreen“ Autos zu enteisen, die irgendwo draußen in der bitteren Kälte stehen. Sie können Küchenherde und Mikrowellen ein- oder ausschalten, doch auch große aktuelle Zeitungsseiten aufs Display zaubern, navigieren, integrieren, organisieren.

Alle Smartphones bzw. die Verträge, die man mit ihren Herstellern abschließen muß, sind vorläufig noch sehr teuer, aber die Jugend ist durch die Bank begeistert und widmet sich – statt Revolution zu machen und „die Gesellschaft zu verändern“ – ausschließlich den neuen Möglichkeiten von Hard- und Software. Neue Jargons sind zu erlernen, die verschiedenen konkurrierenden Angebote zu erkunden und gegeneinander abzuwägen, neue „Freundschaften“ zwischen diversen Kennern und Nutzern sind aufzubauen.

Natürlich haben sich bereits auch diverse Gesellschaftskritiker, Prognostiker und Trendforscher der Sache angenommen und sprechen vom „Neuen Zeitalter“, das mit iPhone & Co. angebrochen sei. Besorgt notiert man hier und da, daß der rasante Fortschritt der sogenannten Produktionskräfte die sogenannten Produktionsverhältnisse, sprich: Arbeitswelt, Management und Sozialfürsorge, heillos durcheinanderbringen werde und daß dadurch neue, riesige Armutszonen entstehen könnten.

Andererseits jubiliert man darüber, daß im Zusammenspiel von Smartphone und populären Internetportalen wie Twitter, Facebook oder YouTube die Politik überall auf der Welt sich grundlegend verändern werde, und zwar zum Besseren. Handy-Optimierung und politische Revolution gingen Hand in Hand. Von den jeweils herrschenden Kräften unterdrückte Oppositionelle könnten nun spielend verläßliche Informationsportale einrichten und betreiben, „demokratische Öffentlichkeit“ werde hergestellt, eine „Politik 2.0“ breche an.

Geborene Pessimisten freilich sehen den neuen Medienhorizont in eher düsteren Farben. Was nützt die schönste Revolution, fragen sie, wenn die Revolutionäre gar nicht mehr in der Lage sind, Ziele und Strategien zu erarbeiten? Smartphone plus Internet gleich Verblödung, sagen sie. Die schier unendliche Weite sowohl von Smartphone wie von Internet sowie die Möglichkeit zur totalen „Verlinkung“, also zum sekundenschnellen, gleichsam automatischen Fortschreiten von einem Thema zum anderen, weiche jegliche Entscheidungsfähigkeit auf, verwandle den Nutzer in ein sinnlos herumspielendes Augenblickstier, das im Sumpf der Möglichkeiten und der Links regelrecht ertrinkt.

„Vermanschung des Gehirns“ nannte Frank Schirrmacher das in einem Zeitungsinterview. Das war insofern übertrieben, als das Gehirn ein viel zu komplexes und elastisches Organ ist, um sich durch eine momentane Beschleunigung und Ausweitung der Informationsströme aus der biologischen Ruhe bringen, sich also vermanschen zu lassen. Aber die Gefahr ist tatsächlich nicht gering. Fülle muß immer gebändigt werden, wenn sie produktive Kräfte entfalten soll. Bloßes spielerisches Herumirren in den Link-Wäldern läßt einen vielleicht nicht gleich verblöden, es macht aber träge und anfällig fürs Unterdrücktwerden.

Die linken Gesellschaftskritiker, die die Smartphone-Internet-Connection so enthusiastisch als Anbruch einer „Politik 2.0“ feiern, sollen sich nur nicht täuschen! Sie wird keinen Schub in Richtung bürgerliche Freiheiten mit sich bringen, sondern einen Schub in Richtung mehr Gängelei und Vorschriftenmacherei. Ihre Rückseite ist ja die totale Offenlegung des Inneren der am Informationsprozeß Beteiligten. Mit jedem touch auf einem screen, mit jedem Link machen wir einen Teil unseres Inneren gleichsam weltweit öffentlich und verfügbar, und es wäre völlig geschichtswidrig zu glauben, daß sich niemand finden wird, der diese Situation für schnöde Geld- und Machtspiele auszunutzen versucht.

Es wird (wenn es nicht gelingt, dagegen kluge Abwehrkräfte zu mobilisieren) neue Überwachungs- und Gängelei-Instanzen geben, im Vergleich zu denen jedes Stasi-Regime wie ein harmloser Schrebergarten wirken müßte. Und es werden nicht, wie viele Science-fiction-Fans glauben, hirnlose Roboter sein, die überwachen und gängeln, denn Roboter können weder denken noch überwachen noch gängeln, auch wenn man ihnen noch so viele „Entscheidungsbäume“ und andere Software eingepflanzt hat.

Wer entscheidet und möglicherweise überwacht und gängelt, das sind natürlich vielfach elaborierte und gut ausgebildete Kräfte, aber es sind menschliche Wesen durchaus, mit normalen Gehirnen ausgestattet, mit normalen Instinkten, Vorlieben und Antrieben. Es sind Eliten im traditionellen Stil. Selbstverständlich setzen sie alle verfügbaren medialen Möglichkeiten ein, um ihre Arbeit gut zu machen, doch überwältigen lassen sie sich von ihnen gerade nicht, sonst wären sie ja keine Eliten.

Günstigenfalls ist ihnen ein Sinn fürs Ganze einverseelt, für Freiheit und echte Liberalität. Dann können sie auf Überwachen und Gängeln weitgehend verzichten, allen eingeschalteten Smartphones zum Trotz.

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