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Politikergestalten
 

Der Leib der Politik

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Angela Merkel erhält die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig: Ausdruck äußerster Anpassungsfähigkeit Foto: Wikipedia/Pixelfehler

Besteht ein Zusammenhang zwischen Verfaßtheit und Zustand eines Staates und dem Habitus und den Physiognomien seiner Repräsentanten? Zwischen der Fähigkeit der Eliten, durch Mimik, Gestik, Haltung, Sprache eine Idee vom Gemeinwesen zu vermitteln, und dem Ensemble der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie aufgestiegen sind? 

Merkur-Herausgeber Karl Heinz Bohrer hat sich fast dreißig Jahre lang am Erscheinungsbild deutscher Politiker abgearbeitet, vor allem an Altkanzler Helmut Kohl, der ihm als „archaischer Ausdruck von geistferner Körperlichkeit“ erschien. Kohls Vorliebe für Saumagen, Strickjacken und anbiedernde Männerfreundschaften sei die Kehrseite der Abwesenheit von Stil und politischen Ideen und Zeichen einer „intellektuellen und zivilisatorischen“ Unterausstattung.

„Abwesenheit von Finesse, Mangel an Artikulation“ 

Noch schlechter kommen Kohls Nachfolger weg, die „fahrig“, „larmoyant“ und „konturenlos“ seien. In ihnen mische sich die Einfallslosigkeit Kohls mit der „bundesrepublikanischen Politikängstlichkeit“. Als weitere Eigenschaften nennt Bohrer: „Abwesenheit von Finesse, Mangel an Artikulation“ sowie die Unfähigkeit zu Distanz und Maskerade. 

Man denkt sofort an Guido Westerwelle, der zu nuancierten Tonarten außerstande ist und seine Eingebungen stets schrill herauskräht, um den größtmöglichen Augenblickseffekt zu erzielen. Die unqualifizierte Form entspricht dem Inhalt: Seine treuherzige Bekundung, er habe in der Causa Steinbach deutsche Interessen zu wahren, setzte er derart in die Tat um, daß er sich hundertprozentig den polnischen Standpunkt zu eigen machte. Das bestätigt Bohrers These, „daß hierzulande Politiker und Politik gewissermaßen keine Gestalt haben“.

Auch Willy Brandt stammte aus einfachen Verhältnissen

Warum eigentlich nicht? Bohrer verweist auf den Nationalsozialismus, welcher der großstädtischen Moderne, dem urbanen Judentum und mittelbar auch dem stilbildenden preußischen Adel ein Ende bereitet habe. In der Folge rekrutierte die politische Klasse sich aus dem Kleinbürgermilieu, dessen Ästhetik und Vorstellungswelt vom Reihenhaus (dem „Hamsterhäuschen“) geprägt worden sei.

Doch dieser soziologische Befund befriedigt nicht ganz, denn Willy Brandt und Helmut Schmidt, denen Bohrer staatsmännische Würde und Weltläufigkeit zubilligt, entstammten ebenfalls kleinen, ja kleinsten Verhältnissen. Die soziologische, psychologische und Kulturkritik an der Bundesrepublik reicht nicht aus, wenn die Analyse der historisch-politischen Umstände auf halbem Wege – das heißt: innerhalb ihrer geistigen Voraussetzungen – steckenbleibt. >>

In dem 2006 erschienenen Merkur-Sonderheft, das im Untertitel eine Bestandsaufnahme der „Physiognomie der Berliner Republik“ verspricht, verwarf Bohrer zugleich mit dem politischen Personal die neue Berliner Staatsarchitektur und konnte historische Dignität nur bei den Überresten des preußischen Klassizismus feststellen. Unerwähnt blieb der innere Zusammenhang der defizitären Staatsarchitektur mit der Gedenktopographie im Berliner Regierungsviertel. Seinen monströsen Mittelpunkt bildet das Holocaust-Mahnmal, das dazu dient, jeden Versuch nationalen Pathos’ zu dementieren.

Um die städtebauliche Konstellation zurück ins Szenische und Leibliche zu übersetzen: Das gleiche ästhetische Defizit widerspiegelte der Auftritt, den die Kanzlerin im Juni 2009 in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald an der Seite von US-Präsident Barack Obama und dem KZ-Überlebenden Elie Wiesel absolvierte. Während Obama dahinschritt wie ein Imperator bei der Inspektion seiner auswärtigen Pfalzen, trippelte seine Gastgeberin beflissen-unterwürfig neben ihm her, ohne daß ihr Beachtung geschenkt wurde.

Für den deutschen Fernsehzuschauer war der Anblick eine Qual. Von der Würde der Staatsfrau war so wenig zu erblicken wie von der Würde des Staates, den sie repräsentierte. Oder muß man sagen: Der aktuelle Geist des Gemeinwesens hatte in Frau Merkel seine adäquate Repräsentantin gefunden?

Angela Merkel Ausdruck äußerster Anpassungsfähigkeit 

Ihr Auftritt war reaktiv, das heißt, er brachte keine eigene Haltung zum Ort und zur Situation zum Ausdruck, sondern er sollte den Erwartungen entsprechen, welche die Kanzlerin bei ihren Gästen vermutete. Ihrem penetranten Bemühen, nirgendwo anzuecken – seine Ursprünge liegen in ihrer DDR-Sozialisation, die inzwischen ein bundesdeutsches Charakteristikum ist –, entspricht das Rundlich-Amorphe ihrer Erscheinung, das wiederum die Fähigkeit zu äußerster Anpassungs- und Fügsamkeit verrät.

Hinzu kommt das Tentakelhafte ihrer Körpersprache und Rhetorik: Die Kanzlerin macht keine Vorgaben, sondern sie ertastet, wo das Terrain den geringsten Widerstand erwarten läßt. Als sie spürte, daß sie die vom Sarrazin-Buch ausgelösten Emotionen falsch eingeschätzt hatte, übernahm sie die Preisverleihung für den von Islamisten bedrohten dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard. Die Geste vermittelte weder Führungs- noch Überzeugungsstärke, sondern wirkte berechnend, kompensatorisch und reaktiv.

Gewiß verläuft im Ausland eine ähnliche Entwicklung und stellt Nicolas Sarkozy eine  zwergenhafte Karikatur der Riesengestalt von Charles de Gaulle dar. Doch immerhin hat der Franzose in kurzer Zeit Angela Merkel zweimal dazu gebracht, Regelungen zuzustimmen, welche die Umwandlung der europäischen Währungs- in eine von Deutschland zu finanzierende Transferunion besiegeln. >>

Merkel ist hier weder als Person noch als Politikerin, nur als Repräsentantin der politischen Klasse und des Staates von Interesse. Die Wirkungsweise solcher Repräsentanz erschließt sich aus Ernst Kantorowicz’ Klassiker „Die zwei Körper des Königs“. Der mittelalterliche Monarch hatte demnach einen leiblichen und einen politischen (bzw. mystischen) Körper. In seiner Leiblichkeit unterlag der König – in den Worten eines englischen Juristen des 14. Jahrhunderts –„den Leidenschaften und dem Tod wie andere Menschen“, während sein politischer Körper die Existenz und die Unsterblichkeit von Königtum und Staat symbolisiert.

Dieser Körper wandert beim Tod des Monarchen in den Leib des Nachfolgers. Die Insignien und Gewänder, die Pracht und die  Zeremonien, mit denen der Monarch sich umgibt und absondert, dienen dem Zweck, den leiblichen mit dem politischen Körper zur Deckung zu bringen und die Macht und Würde des Staates zu repräsentieren. Diese muß allerdings, ehe sie dargestellt werden kann, erst einmal gegeben sein.

Königswürde auf politische Abgeordnete übertragen

Der Politikwissenschaftler Philip Manow hat kürzlich in der Studie „Im Schatten des Königs“ nachgewiesen, daß der Königsmechanismus in der demokratischen Repräsentation weiterwirkt. So ist etwa die parlamentarische Immunität keine originäre Idee des bürgerlichen Zeitalters, vielmehr ist in ihr das Prinzip der Unverletzlichkeit des Königs auf das Parlament und seine Abgeordneten übergegangen.

Die modernen politischen Führer bleiben verkörperte Mythen beziehungsweise sie versuchen, es zu sein, indem sie ihren leiblichen dem politischen Körper unterordnen. Erkrankungen beispielsweise werden nach Möglichkeit verschwiegen, um Analogien zur „Brüchigkeit der Fiktion vom übernatürlichen, ewigen Herrschaftskörper“ vorzubeugen.

Andererseits dient der Hinweis auf die Körperlichkeit der Repräsentanten als Instrument der politischen Auseinandersetzung. Die pornographischen Enthüllungen in der Lewinsky-Affäre sollten den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton seiner präsidialen Würde entkleiden, ihn auf den sündhaften Leib reduzieren und damit politisch erledigen.

Welche Staatsidee drückt sich in den gestaltlosen deutschen Politikern der Gegenwart aus? Wenn man ihnen die Gestalten Adenauers, Brandts und Schmidts entgegenstellt,  dann fällt zunächst auf, daß diese vom Bürgertum der Bismarck-Zeit, von der Arbeiterbewegung und dem Exil sowie vom Kriegserlebnis und damit vorbundesrepublikanisch-gesamtdeutsch geprägt waren.

Helmut Kohl war der erste Kanzler, der seine Sozialisierung überwiegend im westdeutschen Separatstaat erfuhr, der eine sehr spezielle Gründungsgeschichte aufweist. Auf Kohls Nachfolger trifft das um so mehr zu. Kann es verwundern, daß ein staatspolitisch subaltern angelegtes Gemeinwesen sich im Laufe der Zeit solche politischen Repräsentanten sucht, in deren Erscheinung sich eine unterwürfige Verfaßtheit manifestiert?

Theodor zu Guttenberg verkörpert vorrepublikanischen Adelsstolz

Das letzte Wort muß damit nicht gesprochen sein. Auffällig ist der große Zuspruch, den  Verteidigungsminister von und zu Guttenberg genießt, obwohl er noch gar keine Gelegenheit hatte, politisch viel zu beweisen. Offenbar projizieren die Menschen auf seine Erscheinung ein politisches Versprechen. Interessanterweise wurde diese Erscheinung nicht vom Politikbetrieb geformt.

Guttenbergs Ressourcen sind Adelsstolz, eine mehrhundertjährige Familientradition und materielle Unabhängigkeit. Diese Quellen sind älteren Ursprungs als die Bundesrepublik und sogar die Demokratie. Was sagt es über den Zustand des Landes und über seine Zukunft aus, daß ein Politiker, der daraus mit vollen Händen schöpfen kann, so viele Erwartungen auf sich zieht?

(JF 48/10)

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