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Von Himmerod zum Hindukusch

Das Lehr- und Studienbuch für „Offizieranwärter und Offizieranwärterinnen“ der Bundeswehr besticht durch Faktenfülle und reiches, zum Teil bislang unveröffentlichtes Bildmaterial sowie einige Karten, Kurzbiographien und Tabellen. Grobe Schnitzer fehlen, entbehrlich war ein Hinweis auf angeblich die Wehrmacht „romantisierende und idealisierende Darstellungen“ in den 1950er Jahren, die zu einer „Legendenbildung“ beigetragen haben sollen. Die Wahrheit ist wohl eher, daß die Erlebnisgeneration von Krieg, Luftkrieg, Flucht und Vertreibung eine moralische Kriminalisierung der Wehrmacht im Westen nicht hingenommen hätte. Die dazu wiedergegebenen klaren Worte von Vizeadmiral Karl-Adolf Zenker von 1956 belegen dies. Es bestehen berechtigte Zweifel an der Toleranz der heutigen politischen Führung für solche  Worte. Der Hauptzielgruppe des Lehrbuchs wird das auffallen.

Dies bleibt ein Einzelaspekt und kann die gute Gesamtdarstellung kaum schmälern. Wer kannte schon mehrfarbige Karten über Anmarschwege für U-Boote der Bundesmarine in der Ostsee oder Aktionsradien der Starfighter F-104 und F-105 bis Leningrad und Odessa? Abgebildete frühe Flecktarnmuster für Feldanzüge beider deutscher Armeen waren offenbar ihrer Zeit voraus. Ein Bild des Zerstörers „Mölders“ erinnert an die Zeit vor der von Volker Rühe unter dem Deckmantel der politischen Korrektheit begonnenen Bilderstürmerei in der Bundeswehr.

Herausgehoben wird die Geschichte der „Inneren Führung“. Ihre Protagonisten und „Väter“ wie Wolf Graf von Baudissin und Ulrich de Maizière werden ebenso gewürdigt wie ihre heute fast vergessenen Kritiker, etwa der General Hellmut Grashey und der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags, Vizeadmiral a.D. Hellmuth Heye. Anschaulich dargestellt wird die Entstehung von NVA und Bundeswehr im Kalten Krieg und ihre Einbettung in die Blocksysteme und die Etappen der Ost-West-Konfrontation von Korea über die Entspannungspolitik bis zu Afghanistan und den Zwei-Plus-Vier-Vertrag. Auch Einzelaspekte werden abgehandelt, etwa der Kampf der NVA-Führung gegen Alkoholmißbrauch, die Rolle der Bausoldaten, die bundesdeutschen Heeresstrukturen 1 bis 5 oder auch die Landminen- und Kindersoldatenproblematik.

Berücksichtigung findet auch die „Friedensbewegung“ als Dauerantipode der Bundeswehr. Ihre beiden Hochs sind verbunden mit der „Ohne Mich“-Kampagne der fünfziger Jahre gegen EVG, Nato und die Wehrpflicht in der Bundesrepublik und der Nato-Nachrüstung in der ersten Hälfte der achtziger Jahre. Das Lehrbuch scheut sich nicht, die kommunistische Verstrickung der westlichen Friedensbewegung aufzuzeigen und den Schulterschluß von Grünen und kirchlichen Kreisen mit Linksradikalen zu erwähnen. Indirekt wird die Doppelmoral der BRD-„Friedensbewegten“ mit Bildern von Krawallen in Bremen gegen ein Gelöbnis 1981 bloßgestellt. Auch ein Bild von 1983 mit Sitzblockierern unter einem Transparent „Reagan heißt Krieg“ spricht in der Rückschau Bände. Das alles wirkt überwunden und ist doch noch vorhanden.

Im letzten Abschnitt wird der fundamentale Wandel der Bundeswehr zur Einsatzarmee mit globalen Aufgaben beschrieben. Kambodscha, Somalia, Ex-Jugoslawien, Frauen auf fast allen Dienstposten, die Nato-Osterweiterung, Hochwasser an Oder und Elbe, die Entstehung der Streitkräftebasis und natürlich Afghanistan und der „Kampf gegen den Terror“ sind einige Marksteine dieses Wandels. Die Bundeswehr ist nun auf drei Kontinenten im Einsatz präsent und ein Trumpf der deutschen Politik, die damit mehr internationale Mitsprache begründen könnte.

Das Buch feiert nicht. Es liefert einen facettenreichen Überblick und kann auch als Nachschlagewerk dienen. Deutsche Militärgeschichte für die Zeit nach 1945, die Grundzüge des Kalten Krieges, dessen Ende und die neuen Herausforderungen ausgewogen darzustellen, ist den Autoren und Mitarbeitern in- und außerhalb des MGFA gelungen. Dieser dritte und letzte Band dieser Lehrbuchreihe liefert das umfangreiche Gesamtliteraturverzeichnis für alle Bände. Eine Lern-DVD sorgt dafür, daß das Buch modernsten pädagogisch-didaktischen Anforderungen entspricht.

Karl-Volker Neugebauer u. a. (herausgegeben im Auftrag des MGFA Potsdam): Grundkurs deutsche Militärgeschichte, Band 3. Die Zeit nach 1945 – Armeen im Wandel: R. Oldenbourg Verlag München 2008, broschiert, 462 Seiten, 19,80 Euro

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