Vom totalitären Charme der Architektur

Für die Freunde moderner Kunst und Architektur gibt es derzeit in Berlin zwei Monsterschauen zu bewundern. Beide stehen mit ihrem gewaltigen Format, ihrer rasanten inhaltlichen Durchdringung und der meisterhaften Darbietungsform für die hauptstädtische Perfektion bei musealen Inszenierungen.

Besticht beim Rundgang durch die 18 Säle des Erdgeschosses (Bauhaus) die systematische Vollständigkeit und kulturgeschichtliche Umsicht, so in der Corbusier-Retrospektive oben die souveräne Formphantasie der Gestalter. Multimedial werden die Besucher an Stationen und Kultobjekten der klassischen Moderne entlanggeführt. Man hat keine Mühen gescheut und Guckkastenbühnen mit originalen Zimmereinrichtungen aufgebaut. Der Besucher bestaunt noch einmal die Ursituationen modernen Wohnens. Schachtelhäuser, Rasterstädte, Stahlrohrmöbel, Wohnmaschinen, Chromutensi-lien, monströse Wohneinheiten und „Kirchen“ mit (Kernkrafts-)Türmen, schließlich (zerfallende) Planstädte: Alles ist da und wird triumphal präsentiert.

Auf beiden Etagen überwiegt das déja vu, sind es doch unsere Lebenswelten – in denen wir aufwuchsen, die uns prägten –, deren Wurzeln, Modelle, Ideengeber uns begegnen. Freilich: Während hier Spitzenprodukte prunken, hat vulgo ein Heer von drittklassigen Architekten, Designern, Ausstattern seit den 1920er Jahren sich in der Schleifspur der Avantgarde festgesetzt und diese trivialisiert. Das macht die Wiederbegegnung trotz des informativ-medialen Feuerwerks ereignislos und spannungsarm.

Denn wie politisch das antifaschistische Weltbild, sind ästhetisch die Avantgardeprinzipien – Traditionsbruch, Geschichts- und Kontextlosigkeit, Reduktionismus, Abschaffung von Dekor und Bedeutung, Auslöschung des individuell Besonderen und auch Repräsentativen, Verketzern von Farbe, Holz, Textil, Polemik gegen die Kurve und Vergötzung des rechten Winkels, vor allem aber das Triumphgeheul über die neuen Baustoffe: Glas, Beton, Stahl – längst kanonisiert. Sie steuern noch immer Ästhetik und Bauen, verewigen den angestaubten Modernitätskult und perpetuieren narzißtisch die ewige Selbstfeier der Avantgarde.

Das unterstreicht vor Ort der apodiktische Gestus der Aussteller: Corbusier wird oktroyiert als „bedeutendster Architekt des 20. Jahrhunderts“. Und bei der Bauhaus-Vernissage legten die Veranstalter – um nur jeden Widerspruch auszuhebeln – gleich los mit Hitler. Das Ende in Dessau 1932 und die Berliner Selbstauflösung 1933 garantieren den Opfer-Nimbus. Die Emigration von Lehrkräften und transatlantische Ideenstreuung adeln das Bauhaus vollends. So hat die nazistische Kraft das Böse gewollt, gleichwohl das Gute geschafft: „Verfolgung“ und „Migration“ erzeugten glorios den „Internationalen Stil“.

Modernes Bauen hat mit der Tradition gebrochen und seit dem Ersten Weltkrieg ein neues System forciert. Entscheidend dabei der Anspruch: mit „Wissenschaft“, Technik und Industrie die Architektur zu durchdringen, den privaten und öffentlichen Raum, ja Gesellschaft überhaupt neu zu begründen. Fraglich, ob dies gelang.

Ungeklärt zunächst der Widerspruch von Funktion und Formalismus. So hat der Fanatismus der Beteiligten teils die Form verabsolutiert, dann wieder den Funktionalismus absurd gesteigert. Man phantasierte den Menschen als Rädchen eines universellen Mechanismus revolutionärer Urbanität. Die sollte das Leben zum totalen Funktionssystem umschmelzen.

Zum anderen sollen alle humanen und gemeinschaftlichen Qualitäten ausgeblendet, das Soziale zum technoiden Ungeheuer eines anonymen Ameisenstaats degeneriert werden. Der unpersönliche Einzelne wird zum abstrakten Funktionär im leeren Raster der surrealen Stempelstädte. Um diese futuristische Riesenmaschine zu verwirklichen, bedarf es freilich einer tabula rasa der historischen Kulturlandschaft. Modellhaft stand hierfür Chicago, das 1871 abbrannte und (von Sullivan) als Gittermuster neu hochgezogen wurde – kein Problem bei einer Metropole ohne Stil und Tradition.

Anders freilich Europa. Immerhin glänzende Aussichten ergaben sich nach 1945 aus der Zerbombung der deutschen Städte. Andernorts führten Modernisten einen Dauerkampf gegen die historische Stadt. So Corbusier gegen Paris, das er „Abfall“ nannte. Dessen „schmutzigen Schorf“ galt es abzureißen und durch gigantische Wohnsilos inmitten unendlicher Stadtautobahnen zu ersetzen. Gottlob ist er gescheitert. Bevölkert wird die utopische Stadt nicht von Familien, sondern von Funktionären einer gesichtslosen Arbeitswelt. Ausgeschlossen sind nicht nur private Bedürfnisse, vielmehr alle religiös-kultischen, politisch-staatlichen und kulturellen Infrastrukturen und Sinnbilder des urbanen Raums.

Bei der Suche nach dem „Nullzustand“ der Form und einer „universellen Grammatik“ der Architektur (Mies van der Rohe) nahmen die Planer diktatorische Attitüden an. Idealisierten sie sich nach 1945 als Garanten von Aufklärung und Demokratie, so zeigten sie sich vordem ganz indifferent gegenüber allen Systemfragen. Gigantomanie und Fortschrittsoptimismus vagierten zwischen West und Ost, erstrebten den Abriß von Paris oder bauten in Moskau, unterbreiteten Hitler Pläne für die Reichsbank und bauten kurz darauf ganz identisch in den USA. Nicht zuletzt arbeiteten just 1910 Mies, Corbusier und Gropius im Planungsbüro von Peter Behrens und entwarfen den neoklassizistischen Bau der deutschen Botschaft in Petersburg (1911/12). Der inspirierte Albert Speer zu seiner Berliner Reichskanzlei. Am meisten frappiert das Gemeinsame im Furor der Abrißbirne und der Euphorie der „Nord-Süd-Achsen“ – trostlose Pointe megalomaner Zukunftsvisionen.

Die überraschende Moral der modernistischen Architekturtrompete enthüllt also einen schamhaft verschwiegenen, totalitären Kern. So konvergieren die Weltbürgerkriegsparteien im technokratischen System des Jahrhunderts. Hinter ihm erscheint die düstere Planungsuto-pie, an der sie alle teilhaben. Ob Chicagoer Bosse, Nazis oder die Sowjets: Sie alle haßten Geschichte, Tradition, den persönlichen Ausdruck des Lebens. Alle natürlichen Determinanten auszulöschen, erstreben sie sämtlich den Kollektivismus con variazione. Einmal werden die Massen gestreut, dann uniformiert; einmal ist der Einzelne anonym, dann unterworfen. Ob Lenin die Elektrifizierung ausrief oder man westlich Ford und Taylor pries, bleibt letztlich Jacke wie Hose.

Damit waren die Reformideen der viktorianischen Kulturkritiker, die noch den Deutschen Werkbund (1907) inspirierten, ins Gegenteil verkehrt, hatte doch einst Carlyle geschrieben: „Nicht nur alles Äußerliche und Physische wird jetzt von Maschinen ausgeführt, sondern auch das Innere und Spirituelle ist davon betroffen (…) Die Menschen sind mechanisch in ihrem Kopf und ihrem Herzen geworden.“

Die weder persönliche Lebenswelten noch soziale Gemeinschaftsbildung, ge-schweige denn das demokratische Prinzip respektierenden Planer erscheinen zuletzt als eitle Autokraten, deren Verherrlichung von Technik und Fortschritt samt ihrem Fanatismus für dubiose Experimente in selbstherrliche Willkür mündeten. Sie erdachten „abstrakte Räume“, schufen nicht „wirkliche Orte“ (Robert Hughes). So scheiterten sie beim Aufbau einer utopischen Gesellschaft aus Vernunft, Hygiene, Sachlichkeit, die danach gierte, den Menschen selbst abzuschaffen.

Fotos: Obdachlosenheim (Cité de refuge), Paris, 1929–33: Trostlos, Lyonel Feininger, Kathedrale, Titelblatt für Manifest und Programm des Staatlichen Bauhauses, April 1919; Porträt von Le Corbusier, 1960–65: Frappierender Furor der Abrißbirne

Die Ausstellung „Le Corbusier – Kunst und Architektur“ ist bis zum 5. Oktober, die Ausstellung „Modell Bauhaus“ bis zum 4. Oktober im Berliner Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, täglich von 10 bis 20 Uhr zu sehen. Die Kataloge kosten 79,90 und 39,80 Euro.

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