Süßes Nichtstun, sauer verdient

Nichtstun, alle Viere von sich strecken – am besten im Urlaub, auf der Sonnenliege, am Strand von Kreta, Andalusien oder Dubai. Davon träumt das geschundene Arbeitstier elf Monate im Jahr. Jetzt ist es wieder soweit: Sommerurlaub. Wer Reisekataloge liest, dem fällt auf: die ganzen Ortschaften, die sündhaft teuren Hotels, alles nur Kulisse für die eine große Utopie – Nichtstun.

Eine Gesellschaft, die Arbeit – und sei es die nutzloseste – als erste Bürgerpflicht behauptet, winkt mit anschließender Entspannung als Belohnung. In schöner Umgebung natürlich, um sie mit dem Glück der Kontemplation zu verschmelzen. Nichts soll den Faulenzer mehr ablenken vom Erlebnis seiner selbst.

Und da genau da beginnt schon das Problem: Das Nichtstun ist nämlich ein – unfreiwilliger – Test für Fülle oder Leere der eigenen Existenz. Nur wenige können längere Zeit „nichts tun“. Denn die Arbeit ist nicht bloß Broterwerb und Sinngebung, sondern zumeist auch – Ablenkung: Wegschieben einer seltsamen Leere, die sich unter der Oberfläche ständiger Geschäftigkeit verbirgt und deren Auftauchen kaum zu ertragen ist, weshalb die arme Seele nach kurzem Ausruhen erneut Beschäftigung sucht.

Veranstalter von Pauschalreisen wissen das: Sie bieten deshalb All-inclusive-Reisen an. Die beinhalten: unzählige Beschäftigungstherapien (Animationsprogramme genannt) sowie Eß-, Freß- und Saufangebote rund um die Uhr. Die seelische Leere wird durch physisches Vollstopfen bekämpft. Noch gruseliger: sportliche „Aktivurlauber“, die auch in freien Tagen Termine aneinanderreihen.

Aber warum sehnt sich der Mensch trotzdem nach dem Nichtstun? Pures „Ausruhen“ als Grund ist unzureichend. Das ginge auch im Schlaf. Nein, man möchte das Gefühl der Entspannung bewußt erleben, der Körper belohnt es nämlich mit Lust­empfinden. Entspannen ist ein kleiner Rauschzustand – aber nur, wenn man zuvor hart beansprucht wurde. Deshalb ist der destruktive Neid zahlreicher Mittelständler und Großverdiener gegenüber Arbeitslosen wirklich Schwachsinn. Weil vorherige Arbeit fehlt, ist deren „Ruhe“ gerade keine endlose Lust des Entspannens, sondern qualvollste Leere. So betrachtet, ist der mickrige Hartz-IV-Satz – ohne Scherz! – sauer verdientes Geld!

Dauerhaftes Nichtstun ist sogar eine hochbrutale Foltermethode. In Stefan Zweigs „Schachnovelle“ befindet sich der Ich-Erzähler in Gestapo-Haft. Physisch tut man ihm nichts zuleide, man ernährt ihn gut, stört ihn nicht – aber er wird vollkommen beschäftigungslos gehalten: keine Lektüren, kein Schreibzeug, kein Gespräch mit den Wärtern. Schon bald ist er nah am Wahnsinn. Davor bewahrt ihn nur ein kleines Schachbuch, das ihm per Zufall in die Hände fällt. Seine Seele findet darin ausreichend Nahrung, um zu überstehen.

Was den Protagonisten am Nichtstun quälte, war – die Langweile. Jene schreckliche Zeitdehnung, mit der schon Schopenhauer die Nichtigkeit menschlicher Existenz beweisen wollte: „Was alle Lebenden beschäftigt und in Bewegung erhält, ist das Streben nach Dasein. Mit dem Dasein aber, wenn es ihnen gesichert ist, wissen sie nichts anzufangen: daher ist das zweite, was sie in Bewegung setzt, das Streben (…) der Langweile zu entgehen.“ Die Langweile aber „ist nichts weniger als ein gering zu achtendes Übel: sie malt zuletzt wahre Verzweiflung in das Gesicht“ (Die Welt als Wille und Vorstellung). Der Mensch weiß mit sich nichts anzufangen. Diese Wahrheit enthüllt sich im Nichtstun, in der Langeweile, die deshalb zu den „Grenzsituationen“ gerechnet wird.

Aber vielleicht ist das zu pauschal gesagt. Immerhin gibt es große Unterschiede im Ertragen des Nichtstuns. Manche langweilen sich schon nach wenigen Minuten, andere erst nach Tagen oder Wochen. Und das hat nichts mit der Schwere zuvor geleisteter Arbeit zu tun – sondern damit, daß die eigene Befindlichkeit im täglichem Funktionieren non-stop übertönt wird. Wer sich aber selbst nicht hört, ist schneller entleert, als ihm lieb ist. Und das Resultat solcher Selbstnegierung – Depression beispielsweise – verlangt seinerseits nach Ablenkung. Wird diese mörderische Spirale durch plötzliches Nichtstun gestoppt, steigt ein Ozean der Leere auf.

So erklärt sich, warum Menschen beim Ausruhen plötzlich von dunklen Sorgen und Ängsten gepackt oder in Beziehungsstreit verwickelt werden – obwohl doch vorher alles in Ordnung schien. Wenn das ameisenhafte Treiben pausiert, verlangen tiefgelagerte Probleme ihr Recht auf Beachtung. Das funktioniert ähnlich wie im Schlaf: Da meldet das Verdrängte sich als Alptraum zurück. Selten ist der Mensch so schutzlos wie im Augenblick des Nichtstuns. Er kann nur auf die Gnade seines Unbewußten hoffen. Aus diesem Grund sind Entspannungsurlaube für viele psychisch Kranke pures Gift. Obwohl sie dringend Ruhe bräuchten, die Symptome und Phobien erreichen dabei gigantische Ausmaße – weshalb auch Künstler, professionelle Kompensierer und Sublimierer also, selten „konsequenten“ Urlaub machen. Ein bißchen Arbeitsmaterial nehmen sie fast immer mit.

Wem diese Lektüre die Freude aufs Nichtstun vermiest hat, der sollte sich klarmachen: Wer im Urlaub die Folgen seines Nichtstuns zuläßt, selbst die grausigsten, sie nicht mit neuer Aktivität zum Schweigen bringt, sondern mit wachem Blick durchlebt, wird mit großer Selbst(er)kenntnis belohnt. Man muß jedoch den Mut haben, aus dem Erkannten Konsequenzen zu ziehen. Auch auf die Gefahr, daß der nächste Urlaub – inklusive Nichtstun – nicht mehr am Strand von Dubai stattfindet: weil man den gutbezahlten, aber tödlichen Job endlich geschmissen hat!

Foto: Langeweile im Urlaubsparadies: Der Mensch weiß mit sich nichts anzufangen. Diese Wahrheit enthüllt sich im Nichtstun.

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