Joachim Kuhs

 

Singsang

In Werner Herzogs „Nosferatu“-Verfilmung (mit Klaus Kinski) sieht man gegen Ende eine Szene, in der Lucy Harker durch die von der Pest heimgesuchte Stadt Wismar irrt. Sie beobachtet Chaos und Verfall und sieht von der Krankheit befallene Menschen, die tanzend den sicheren Tod begrüßen. Die Szene ist mit einem betörenden, mehrstimmigen Gesang unterlegt, der das Unwirkliche der Szenerie perfekt unterstreicht. Nahezu den gleichen Singsang vernimmt man recht unvermittelt auf Kate Bushs Erfolgsalbum „Hounds Of Love“ (1985) inmitten des Stücks „Hello Earth“.

Diese Parallele hat eingefleischte Kate-Bush-Fans zu einigen Grübeleien veranlaßt: Hatte Kate Bush die berühmte Filmsequenz nicht nur aus musikalischen Gründen im Kopf? Wenn ja, inwieweit läßt sich die Assoziation einer schrecklichen Seuche mit dem Konzept der B-Seite dieses Albums verbinden – der Geschichte eines Mädchens, das auf offener See gegen ihr Ertrinken ankämpft? Soweit nicht zu lösen, der Singsang ist jedoch ein Ausschnitt eines georgischen Volklieds, und Herzogs „Nosferatu“ bzw. das „Hounds Of Love“-Album sind die bekanntesten Beispiele georgisch-polyphoner Choralmusik in einem westeuropäischen Kontext.

Mehrstimmiger Gesang ist in Georgien eine uralte Tradition, die bis in mythische, vorchristliche Zeiten zurückreicht, doch erst als im 4. Jahrhundert das Christentum offizielle Staatsreligion wurde, fing man an, die von Region zu Region verschiedenen Gesangstechniken systematisch in den entlegenen Bergklöstern zu lehren und in den kirchlichen Ritus zu integrieren. Der polyphone Gesang Georgiens kennt zwei Haupttraditionsstränge, einer aus dem westlichen und einer aus dem östlichen Teil des Landes. Bei der einen Form singen zwei wechselnde Männerstimmen gegen ein stetes Grundsummen eines Männerchors an, während es bei der anderen Variante drei separat voneinander agierende Gesangsstimmen gibt, die in ein wundersames Unisono münden. In anderen Regionen ist eine Art Jodeln üblich, manchmal in Begleitung eines Dudelsacks.

Eine Sammlung georgischer Lieder, meist mit religiösem Hintergrund, wurde nun vom World Audio Foundation Verlag veröffentlicht. Zu hören ist der renommierte Anchiskhati Chor, dessen zwölf Mitglieder aus unterschiedlichen Regionen Georgiens stammen und neben ihrem Hauptberuf auch gleichzeitig Ethnomusikologen sind. Hört man diese ergreifenden Stimmen wird sofort klar, warum die Unesco den georgischen Mehrstimmengesang zum Weltkulturerbe zählt und sich verstärkt darum bemüht, diese alten Traditionen zu bewahren. Schon in den ersten Jahren bolschewistischer Okkupation kam die Tradition im Zuge antikirchlicher Repressionen vielerorts fast zum Erlöschen, erst mit dem Ende der Sowjetunion gründeten sich überall im Land neue Chöre.

„Tsintskaro“, das von Werner Herzog und Kate Bush verwendete weltliche Volkslied, wird indes auf der Aufnahme nicht interpretiert. Wer dies hören möchte, sollte auf eine schon vor einigen Jahren veröffentlichte CD-Sammlung rarer Aufnahmen des Tenor-Solisten Hamlet Gonashvili (Jaro Medien) zurückgreifen, der bereits 1985 auf tragische Weise während der Apfelernte starb, aber bis heute als „die Stimme Georgiens“ verehrt wird.

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