Joachim Kuhs

 

Prächtig blüht der Beton

Mit Schwerin richtet dieses Jahr eine bereits von Natur wie Kultur gleichermaßen reich bedachte Stadt die Bundesgartenschau (Buga) aus. Sowohl die wasserreiche Seenlandschaft Mecklenburg-Vorpommerns als auch prächtige historische Gartenanlagen beherrschen das Bild der Landeshauptstadt. Naheliegend und doch neu für eine Buga war es daher, in die Schau historische Substanz mit einzubeziehen. Unter dem Motto „Sieben Gärten mittendrin“ (Schloßgarten, Burggarten, Küchengarten, Ufergarten, Naturgarten, Garten am Marstall und Garten des 21. Jahrhunderts) tritt die Buga daher in eine imaginäre Konkurrenz, die vom barocken Schloßgarten aus dem 18. Jahrhundert bis zu dem für die Buga mit viel Aufwand geschaffenen Garten des 21. Jahrhunderts reicht – und verliert.

Der Sieg geht ohne jeden Zweifel an die hochkultivierten alten Gärten, die uns Heutigen den Blick öffnen für das gelebte Gesamtkunstwerk von Natur, Architektur und Kunst. Der wohl schönste und intimste Garten, der Burggarten um das Schloß, verbindet die Ideen römischer Villen- und Terrassengärten mit denen der englischen Landschaftsgärten. Lenné schuf die Pläne, Semper lieferte Anregungen, die der Schweriner Hofgärtner Theodor Klett eigenwillig bis zur Vollendung 1857 umsetzte. Auf kleinstem Raum ist er überaus abwechslungsreich und voller Harmonie mit sanft ansteigenden Wegen, einer Grotte, mit Brunnen, Kolonnaden, vielen Skulpturen, einer schönen, direkt an das Schloß angebauten Orangerie, mit wunderschönen Blumenarrangements und dendrologischen Seltenheiten gestaltet.

Erfreut waren die Schweriner, da als Nebeneffekt der Buga die alten Gärten saniert und Neuanpflanzungen vorgenommen wurden. Als Paradestück der Baumaßnahmen gilt die 325 Meter lange und 1,3 Millionen Euro teure Pontonbrücke, die quer über den Schweriner See verläuft und den Marstall- mit dem Ufergarten auf der anderen Seite verbindet. 20 Pontons, jeder bis zu 27 Tonnen schwer, wurden für die Dauer der Buga auf dem Grunde des Sees verankert. Zwar kann man nun das Schloß von der Seeseite betrachten, was zuvor nur vom Schiff aus möglich war. Allerdings stört von der Landseite her das weiße Betonband den Blick hinüber zum fernen Görslower Ufer.

Die sieben Gärten präsentieren sich durch ihren unterschiedlichen Charakter abwechslungsreich. Im Marstallgarten, in dem man den Rundgang beginnen sollte, dominieren, mit teils betörenden Düften, über 8.000 Beet-, Strauch-, Edel- und bodendeckende Rosen. In die offene Parklandschaft mit den malerischen Baumgruppen sind in Anspielung auf die Fischereitraditionen netzartig geformte Gartenkabinette zu verschiedenen Themen eingefügt. Auf der gegenüberliegenden Seeseite steht die zentrale Blumenhalle; dort, wo sich der herzogliche Küchengarten befand, in dem einst sogar Bananen und Zitrusfrüchte gezogen wurden.

Vor der Halle entstand ein Alptraum aus mintgrünem Beton. Um das zentrale Thema „Der gedeckte Tisch“ entstanden verschiedene, nach Originalität geradezu gierende Elemente. So gibt es einen „Suppenteller“, in dessen Wasser eßbare Wasserpflanzen wachsen. Aus der „Suppe“ ragen drei enge Aquarien heraus, in denen eßbare Fische wie Karpfen, Barsche oder Zander in schattenloser, trüber Enge ein schlimmes Dasein fristen. Unter den überdimensionierten, schräg gestellten Betonstangen indes soll man sich eine „Räucherschale“ vorstellen. Hier werden bewußtseinsverändernde Pflanzen präsentiert wie Bilsenkraut, Engelstrompete oder Schlafmohn. Über den imaginären „Tisch“ sind fünf riesige Betonbehälter mit Gehölzen verteilt, die Blumenvasen darstellen.

Nach dieser Geschmacklosigkeit kann man sich im historischen Großen Kalthaus bei der sehenswerten und informativen kleinen Ausstellung „Fürstliche Paradiese“ erholen und sich im 1748 geschaffenen Schloßgarten mit Kreuzkanal und flankierenden Kanälen, mit Laubengang, Lindenreihen und Permoser-Skulpturen antiker Götter und der Jahreszeiten ergehen. Hier schließt sich der Kreis. Über den historischen Kanal führen, die Sicht in die Tiefe versperrend, drei weiße Betonriegel zum Garten des 21. Jahrhunderts. Speziell für dessen Anlage erweiterte man den Burgsee und schuf eine Verbindung zum barocken Kanal. Dabei wurde ein dichter Schilfriegel vernichtet, in dem zuvor viele Wasservögel nisteten.

Durch ein nun weißes, akkurates Betonufer und die streng rechteckige Grundfläche soll die Illusion einer schwimmenden Wiese erzeugt werden. Ein leicht hügelig aufgeschüttetes, bewegtes Bodenprofil erhielt in Form von Mandarinenscheiben (sichtbar nur für Flieger) Wechselflor-und Staudenbeete. Hier sind Beete oftmals sehr schön und sensibel arrangiert. Harmonische Farbklänge (viel Blau- und Violetttöne in Anspielung auf den Wasserreichtum der Gegend) werden ebenso beachtet wie das spannungsvolle Zusammenspiel verschieden geformter Pflanzen.

Im Garten des 21. Jahrhunderts fügen sich zwischen nahezu monochrome Beeten schöne Anpflanzungen mit windbewegten, silbern in der Luft schimmernden Gräsern ein, die einen typisch norddeutschen Akzent setzen. Sollte das grüne Glasgranulat zwischen den Beeten etwa die „Gartenerlebnisfläche“ betonen? Wir verlassen die Buga über den breiten Asphaltweg zum Haupteingang und passieren eine monströse Kolonnade aus 36 kalkweißen Betonbögen von 7,40 Meter Höhe und insgesamt 75 Meter Länge. Standen die Gartenarchitekten vergangener Zeiten noch für die Einheit von Natur und Kunst, so wird durch ihre Nachfolger nur noch die eigene Leere durch Beton monströs erhöht. Die Buga ist noch bis zum 11. Oktober zu sehen.

Foto: Blick auf das Schweriner Schloß: Gesamtkunstwerk von Natur, Architektur und Kunst

Internet: www.buga-2009.de 

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