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Politik nicht den Politikern überlassen

Die Beschäftigung mit Pronomen und Präpositionen, Genitiven und Gerundien scheint zunächst eine gänzlich unpolitische Aktivität. Auf den zweiten Blick dient sie der Erforschung von Strukturen des menschlichen Verhältnisses und Verhaltens zueinander, namentlich der Kommunikation – was könnte politischer sein als dies? Bevor Noam Chomsky, der große Unversöhnliche unter Amerikas Links-intellektuellen, zu Weltruhm gelangte, machte er sich mit revolutionären Thesen einen Namen als Linguist. Freilich verfolgte diese Disziplin bereits seinerzeit ein auch anthropologisches Anliegen: das babylonische Sprachengewirr durch die Entdeckung einer „Universalgrammatik“ zu entflechten. Damit wollte man den herrschenden Behaviorismus widerlegen und, wenn schon nicht den Gottesbeweis, so doch die Annahme bestätigt sehen, daß dem kulturellen Konstrukt Sprache eine biologische Konstante innewohnt. Im Gegensatz zum Tier, so die Chomskianer, sei dem Menschen die Fähigkeit zum Spracherwerb – mitsamt einem vorprogrammierten grammatikalischen Regelwerk – angeboren und müsse durch externe Auslöser, ebenjene von Behavioristen wie dem damals ungemein einflußreichen amerikanischen Psychologen Burrhus Frederic (B. F.) Skinner (1904–1990) so überschätzten Umweltreize, nur stimuliert werden. Den Geist erklärt der bekennende Anarchist, der seine ideellen Wurzeln in Aufklärung und Cartesianismus ortet, zur neurologisch erforschbaren Materie. Was Skinner und seine Anhänger als vom gesellschaftlichen Umfeld und den Machtverhältnissen willkürlich manipulierbares „Sprachverhalten“ betrachten, ist für Chomsky genetisches Schicksal: Ich bin (Mensch), also spreche ich. Inwieweit sich darin ein autonomes Selbst artikuliert, wird zumindest dem linguistischen Laien kaum ersichtlich. Mit etwas bösem Willen mag man hier erkennen, wie die Ideologie dann doch ihr häßliches Antlitz zeigt und jenen Zwiespalt zwischen Befreiungsromantik und den Zwängen des Kollektivs offenbart, in dem die Linke seit jeher gefangen ist. „Binsenweisheiten, Irrtümer und Geschwafel“ Einen Zusammenhang zwischen seinen Tätigkeiten als Universitätsprofessor und als politischer Publizist will Chomsky indes nur insofern gelten lassen, als „die politischen Vorstellungen eines jeden Menschen oder seine Vorstellungen von der Organisation einer Gesellschaft letztlich in einem wie auch immer gearteten Begriff der menschlichen Natur und der menschlichen Bedürfnisse wurzeln müssen“. Auf kulturwissenschaftlich motivierte Kritik an seinem abstrakt-rationalistischen Forschungsansatz hingegen – „vielsilbiger Diskurs über die Themen des Poststrukturalismus und der Postmoderne“ – reagiert er mit Ungeduld: „Niemand scheint imstande, mir zu erklären, warum das neueste Post-Dies-und-Das (größtenteils) etwas anderes sein soll als Binsenweisheiten, Irrtümer und Geschwafel.“ Chomskys eigener Werdegang scheint von Determinanten beiderlei Art geprägt: von nature und nurture. Als Einwandererkind – der Vater, ein ukrainischer Hebraist, sprach Englisch mit alteuropäischem, die aus dem heutigen Weißrußland stammende Mutter mit New Yorker Akzent –, wuchs er in Philadelphia in einem Haushalt auf, in dem die hebräisch-jüdische Kultur gepflegt wurde, während Jiddisch, die Muttersprache beider Eltern, verpönt war. Schon als Zehnjähriger verfaßte und veröffentlichte er antifaschistische Bekenntnisse anläßlich des Spanischen Bürgerkriegs. Akademisch wie politisch von seinem Mentor Zellig Harris geprägt, reifte er seither zum wenn nicht einflußreichsten, so immerhin zeitweise meistzitierten Intellektuellen der Gegenwart heran. So angesehen wie angefeindet (nicht zuletzt vom „Unabomber“ Theodore Kaczynski, dessen Ein-Mann-Terrorfeldzug von 1978 bis zu seiner Verhaftung 1995 die US-Medien in Atem hielt), lehrt er seit 53 Jahren am Massachusetts Institute of Technology in Boston. Seine Ehrendoktorwürden umspannen den Globus von Delhi bis Uppsala, von Santiago de Chile bis Bologna. Ein „Held homerischen Zuschnitts“, so erscheint er manchem Kollegen, mit dem Habitus eines alttestamentarischen Propheten: Warum seine Rufe in der Wüste des kapitalistischen Konsums ungehört verhallen müssen, erklärt er selber anhand seines Propaganda-Modells, das die Leitmedien als Hüter von politischen und Geschäftsinteressen der herrschenden Oberschicht entlarvt und beschreibt, wie die Vermittlung von Nachrichten und Informationen an die Öffentlichkeit mit Hilfe verschiedener „Filter“ kontrolliert wird. Erst im Laufe des vergangenen Jahrzehnts ließ er sich von den Globalisierungskritikern als ihr Vordenker und Fürsprecher aufs Schild heben. Auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre unter dem utopistischen Motto „Eine andere Welt ist möglich“ wurde Chomsky gefeiert wie ein Rockstar. Seine Pressekonferenz eröffnete den Anti-Davos-Gipfel im Januar 2003 mit einem Blitzlichtgewitter, 15.000 Zuhörer strömten zu seinem Vortrag. Wie Naomi Klein damals spitz anmerkte, war die Graswurzelbewegung dem Kult des großen weißen Mannes verfallen. Als wir nach dem 11. September plötzlich alle Amerikaner sein sollten, zählte Chomskys Stimme zu den wenigen, die (seinerseits freilich alles andere als besonnen) zur Rückbesinnung auf das philosophisch-politische Erbe eines besseren Amerika mahnten: jenes nämlich, das er als den „freiesten Staat der Welt“ bezeichnet hat. Hoffnungen auf dessen Verwirklichung macht er sich auch unter Barack Obama nicht – kein Wunder, war Chomsky eine silberne Zunge doch seit jeher als Talent zur Volksverführung suspekt: „Wir wollen uns nicht von oberflächlicher Eloquenz beeinflussen lassen, von Emotion und so weiter“, sagte er bei anderer Gelegenheit. Sich selber bezeichnet er als „langweiligen Redner, und mir gefällt es so“. Und daß die aktuelle Finanzkrise etwa das Ende des Kapitalismus bedeute, darüber gibt er sich erst recht keinen Selbsttäuschungen hin. Chomskys Appelle gerieten auch bei uns aus der Mode Bis Anfang der 1980er bei Suhrkamp verlegt, gerieten Chomskys dringliche Appelle an grenzen- und klassenlose Solidarität, soziale Verantwortung, politische Teilhabe, emanzipatorische und egalitäre Werte seit der geistig-moralischen Wende zum Neoliberalismus auch hierzulande aus der Mode. Nicht allzu lange ist es her, daß der Spiegel ihn reichlich gönnerhaft als „Michael Moore für Intellektuelle“ vorstellte. Rechtzeitig zum 80. Geburtstag am 7. Dezember erschienen 2008 nicht nur zwei „neue Chomskys“ bei Piper; auch der Kunstmann-Verlag brachte unter dem programmatischen Titel „Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen“ auf knapp 500 Seiten eine Art Retrospektive seines publizistischen Schaffens auf den deutschsprachigen Markt: eine Sammlung von Aufsätzen und Vorträgen aus vier Jahrzehnten amerikanischer Hybris von Südostasien über Lateinamerika und den Balkan bis zum Mittleren Osten. Chomsky zu lesen, ist kein Vergnügen, weder im Original noch in den Neuübersetzungen des bewährten Münchner Kollektivs Druck-reif. Die Mühe lohnt sich, weil die Sorgfalt, mit der er denkt, selten auf Kosten der Leidenschaft und die Leidenschaft selten auf Kosten der Sorgfalt geht. Die Welt zu verstehen, ist ihm sowohl die Voraussetzung als auch der erste Schritt zu ihrer Veränderung. Den rabiaten Haßprediger, den „Ajatollah des Antiamerikanismus“, als den ihn Gegner wie der wortmächtige Konservative David Horowitz verunglimpfen, sucht man in diesen Seiten vergebens. Vielmehr spricht aus ihnen tiefe Trauer und Enttäuschung, wohl auch Ekel über die Verheerungen, die sein Land im Namen hehrer Ideale anrichtet. Bei einem weniger kompromißlosen Zeitgenossen wäre längst das Schlagwort vom patriotischen Protest gefallen. Der Vorwurf, seine Amerika-Kritik sei einseitig, ist nicht ganz unberechtigt – allerdings hat es in den USA nie an Menschen gemangelt, die den Mut fanden, die Feder gegen die jeweils aktuellen Reiche, Achsen oder sonstigen Auswüchse des Bösen zu erheben. Momentaufnahmen einer längst verpaßten Chance Bei allen darin enthaltenen grundsätzlichen Überlegungen lesen sich Chomskys Aufsätze über die Massenproteste gegen den Vietnamkrieg heute als historische Dokumente, Momentaufnahmen einer längst verpaßten Chance, eine zweihundert Jahre alte Tradition des Widerspruchs und Widerstands mündiger Bürger dauerhaft wiederzubeleben: die Politik nicht den Politikern zu überlassen. „Sprache und Freiheit“, die beiden Ecksteine seines Selbstverständnisses als öffentlicher Intellektueller, zu einem Begriffspaar zusammenzukoppeln, wie es der Titel eines 1970 gehaltenen Vortrags verlangt, widerstrebt ihm spürbar. Mit Hilfe von Kant, Rousseau und Humboldt bewerkstelligt er es schließlich, indem er die Gabe zum Sprechenlernen und den unbedingten Willen zur Freiheit als eigentlichen Kern alles Menschseins definiert: eben diejenigen Eigenschaften, die den Menschen zum Menschen machen. Immerhin wagt er zu spekulieren, „daß die intensive Erforschung eines der Aspekte in der Psychologie des Menschen – eben der menschlichen Sprache – zu einer humanistischen Sozialwissenschaft beizutragen vermag, die auch als Mittel zu gesellschaftlichem Handeln dienen könnte“ – nur um gleich wieder scharf zwischen Philologie und politischer Praxis, Denken und Handeln zu trennen: „Allerdings … kann das gesellschaftliche Handeln nicht warten, bis eine gesicherte Theorie des Menschen und der Gesellschaft da ist, und ebensowenig kann die Gültigkeit einer solchen Theorie von unseren Hoffnungen und moralischen Urteilen bestimmt werden.“ Man braucht in der Linguistik nicht sonderlich versiert zu sein, um solche Sätze voller Konjunktive und Modalverben als Ausdruck des Wunschdenkens zu verstehen – und aus ihrem weitverbreiteten Gebrauch in vieler Herren Länder eine weitere menschliche Universalie abzuleiten: den unbedingten Willen zum Hoffen und zur Illusion. Noam Chomsky: Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen. Zentrale Schriften zur Politik. Verlag Antje Kunstmann, München 2008, gebunden, 464 Seiten, 24,90 Euro Foto: Noam Chomsky: Hoffnungen auf die Verwirklichung eines besseren Amerika macht er sich auch unter Barack Obama nicht

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