Pankraz, P. Sloterdijk und der Sportschützenkeller

Zu Beginn seines heutigen Beitrags möchte Pankraz ein Geständnis ablegen: Er hat das Buch, über das er im folgenden sprechen möchte, nicht hinreichend gelesen. Um sich seriös über ein neues Buch äußern zu können, sollte man es mindestens zweimal lesen, einmal zielgerichtet von vorn bis hinten, ein zweites Mal  kreuz und quer, witternd wie ein Spürhund, einzelne Stellen immer wieder nachschlagend und sie mit anderen in Verbindung bringend, die Lektüre gleichsam übend. Das ist hier (noch) nicht geschehen.

Das Buch, um das es geht, Peter Sloterdijks „Du mußt dein Leben ändern“ (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, 723 Seiten, 24,80 Euro) macht es einem aber auch schwer. Es hat sich selber noch nicht hinreichend gelesen, es ist eine einzige Übungsstätte, es wiederholt sich dauernd, läßt andererseits wichtige Dinge aus, zum Beispiel Personen- und Sachregister. Das Inhaltsverzeichnis gibt es dafür gleich zweimal, eins am Anfang, eins am Ende, und sie sind nicht identisch.

Ganz offensichtlich ist das Thema des Buches direkt auf seine Form durchgeschlagen. Es geht um „Übung“. Das Leben, insbesondere das menschliche Leben, sagt Sloterdijk, ist Übung, und zwar nicht einfach Ausübung, sondern ausdrücklich Einübung. Üben, üben, üben – das ist der Sinn, der einzige Sinn unserer Existenz. In der ewigen Wiederholung  liegt das Erfolgsrezept jeglichen Überlebens. Wer nicht dauernd übt, aus dem wird nichts, der geht unter, der wird früher oder später von irgendwelchen Parasiten gefressen.

Viele „Überlebenspraktiken“, Wiederholungs-Rituale, monoton nachzubetende Mantras und Fitnessformeln, Lern- und Paukschulen aus sämtlichen Kulturregionen der Erde läßt Sloterdijk vor dem Leser Revue passieren. Und fast trommlerisch wird einem unermüdlich eingeschärft: Darauf kommt es an! Du mußt endlich Abschied nehmen von der hybriden Absicht, „die Welt“ verändern zu wollen! Vielmehr gilt es, sich optimal an die Welt anzupassen und sich dadurch dauernd selbst zu ändern. „Du mußt dein Leben ändern“ – durch Üben.

Pankraz gefällt die Botschaft an sich gar nicht so schlecht, die ihr innewohnende Bescheidenheit, der Aufruf zu Fleiß und sekretärischer Pingeligkeit. Und beifällig registriert er, daß der Autor durchaus auch die Möglichkeit sieht, daß man die Sache, also das Einüben, übertreiben kann und dadurch die optimale Anpassung, nämlich die Herstellung des rechten Maßes, gerade verfehlt. Einige der interessantesten Kapitel des Buches sind dieser Frage gewidmet.

Trotzdem wäre wohl zu registrieren: Auch Sloterdijk verfehlt das rechte Maß. Um eine Sache einüben zu können, muß man sie ja erst einmal halbwegs erkennen; da sich die Sachen in der Welt aber dauernd verändern, kann der Überlebensprozeß nur ein Widerspiel aus Einübung und Neujustierung sein. Das von Sloterdijk empfohlene Riesenquantum an Wiederholung und Methodenpaukerei ignoriert das. Es ist letzten Endes lebensfeindlich, läßt für die Neujustierung keinen Raum mehr, stumpft die Leute ab, macht sie rammdösig, läßt sie verblöden.

 Im alten Rom galt bei den Politikern und Volksrednern als Devise: „Decies repetita placebit“. Zu deutsch: „Zum zehnten Mal wiederholt, wird es gefallen“. Glückliche Römer, immerhin! Sie mußten sich eine Sache nur zehnmal anhören, wir Heutigen dagegen sollen, zumindest wenn es nach Sloterdijk geht,  hundertmal, tausendmal, zehntausendmal wiederkäuen, bevor wir nach Haus gehen dürfen.

Freilich, eigentlich wiederkäuen müssen nur die Phrasendrescher selbst, wir übrigen können abschalten. Man wundert sich, wie hart gegen sich selbst die Parolenausgeber inzwischen geworden sind. Odysseus bei Homer geriet schon in Wut,  wenn er eine Erzählung ein einziges Mal (!) wiederholen mußte (Odyssee XII, 452/3): „Widerlich ist mir’s, / Noch einmal, was genau verkündigt ward, zu erzählen“. Und noch Johann Peter Hebel regte sich im Jahre 1811 n. Chr. furchtbar über das Sprichwort „Einmal ist keinmal“ auf. „Wer das zuerst gesagt hat“, schrieb er, „der war ein schlechter Rechenmeister.“

Sind die modernen Wiederholungs- und Einpauk-Spezialisten der Politik schlechte Rechenmeister? Die Dozenten aus der Werbebranche, denen sie folgen und die mit Sicherheit ziemlich gut zu rechnen verstehen, verkünden das Gegenteil. Die Wiederholung ist für sie das A und O jeder Verkaufsstrategie. Nicht nur die Ware, für die eine Rede wirbt, sondern auch diese Werberede selbst ist, so wird gelehrt, ein „Produkt“, und Produkte müssen sich – wenigstens so lange, bis das nächste Produkt aus derselben Firma auf den Markt kommt – völlig gleichbleiben, um Erfolg zu haben.

Man muß sie „wiedererkennen“ können, man muß sich an sie „gewöhnen“ können, sie müssen beim Kunden möglichst „zum festen Bestandteil seines Alltags“ werden. All das geht nur, sofern sich der Werberedner wiederholt, wiederholt und noch einmal wiederholt.

Wie gesagt, auch die politischen Reden sind nach mittlerweile gängiger Auffassung nichts weiter als „Produkte“, und folglich haben auch sie sich dem Prinzip Wiederholung zu unterwerfen. Wie steht es aber mit Philosophie und Wissenschaft? Müssen auch sie sich den banalen Regeln der Produktlogik beugen? Sloterdijk scheint das zu glauben, und so vergattert er seine Studenten denn dazu, das eigene Nachsehen möglichst kleinzuhalten und stattdessen komplett vorgegebene Verhältnisse einzuüben.

Kein jugendlicher Feuerkopf wird mit diesem Rezept zufrieden sein, und vielleicht wird das Sloterdijk noch zur rechten Zeit einsehen. Seine „Anthropotechnik“ ist jedenfalls alles andere als ein weit und frei angelegter Menschenpark, sie ist nichts weiter als ein Hobbykeller für Sportschützen. Aus solchem Milieu kommen keine Klassetypen, höchstens Amokläufer.

Keine Frage, der Autor von „Du mußt dein Leben ändern“ ist fleißig und witzig. Er trifft aber selten ins Schwarze, und manchmal verfehlt er die Scheibe ganz. Er muß noch üben.

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