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Pankraz, J. Stiglitz und das Jahr des Mißtrauens

Soviel Kassandra war nie. Das Jahr 2009 ist schon jetzt in ungeheuerlicher Weise stigmatisiert. Man traut ihm – über alle Regionen und Lager hinweg – nicht das geringste Gute zu, sagt ihm nur Böses und Schlimmes voraus. Selbst eingefleischte Optimisten tun das. Ihre Devise lautet: „Augen zu und durch!“ Das heißt, sie haben 2009 bereits als unvermeidlichen Unheilsfaktor abgebucht und richten ihre Hoffnung voll auf 2010.

Hochkonjunktur indessen haben die Pessimisten. Für sie markiert 2009 eine Zeitenwende, so etwas wie das Eingangstor zur Hölle. Von jetzt an, so prophezeien sie, wird es zunächst einmal für eine ganze Weile finster, vielleicht wird es sogar nie wieder richtig hell, und wir müssen uns endgültig von der „guten alten Zeit“ verabschieden. Die Finanzkrise des abgelaufenen Jahres, meint der Weltökomom und Chefpessimist Joseph E. Stiglitz, war ein Schlag von Wall Street unter die finanzpolitische Gürtellinie, welcher wichtigste innere Organe unreparierbar zerstört hat. Seitdem sei die Weltwirtschaft ein Krüppel.

Glücklicherweise ist die Weltwirtschaft nicht identisch mit der Welt als ganzer, und sie ist, genau betrachtet, auch nur eine „sogenannte“ Weltwirtschaft. Will sagen: Ihre Netzwerke, ihre um den Globus vagabundierenden Finanzströme beherrschen die einzelnen nationalen Volkswirtschaften normalerweise keineswegs so, wie ein Diktator einen Staat beherrscht, sie beeinflussen sie nur und können sie phasenweise verheeren, aber lahmlegen oder vernichten können sie sie nicht. Gute Weltwirtschaft ist immer „nur“ das gute Zusammenspiel unabhängiger Volkswirtschaften.

Mit großer Schärfe hat sich während der Finanzkrise zum ersten Mal die tiefe Kluft zwischen Finanzwirtschaft und „Realwirtschaft“, wie es in ebenso drolliger wie treffender Weise heißt, aufgetan. Auch wer in seiner Zeitung nur den politischen Teil und die Sportberichte liest, erfuhr plötzlich, daß es neben der realen Wirtschaft eine riesige fiktive Wirtschaft gibt, in der nichts produziert, verkauft und bezahlt wird, sondern wo man ausschließlich mit Vermutungen, Versprechungen und auch Flunkereien „handelt“, und zwar zu gigantischen Preisen. Das löste allgemeines Erstaunen, auch Entsetzen und schließlich einen Lernprozeß aus.

Wer weder Optimist noch Pessimist, sondern Realist ist, kann sich nun der Hoffnung hingeben, daß das so heftig als Unheilsjahr annoncierte 2009 das Jahr des umfassenden wirtschaftspolitischen Lernens und das Jahr der belehrten Volkswirtschaften werden wird. Das wäre weiß Gott nicht das Schlechteste und wöge die zu erwartenden Konjunkturflauten und Jobverluste à la longue gewiß auf. Alles echte Lernen hat bekanntlich seinen Preis, und die Konjunkturflaute wäre gewissemaßen der Preis, den die Volkswirtschaften für ihre gründliche Belehrung bezahlen müßten.

Knackpunkte des Lernprogramms wären in vorderster Linie wohl die Instrumentarien und Verhaltensweisen, die einen befähigen, Bonität und Seriösität der jeweils vor der Tür stehenden Finanzinvestoren exakt zu beurteilen. Schlicht auf den Spruch von „Rating-Agenturen“ zu vertrauen, hat sich in der jüngsten Vergangenheit als verhängnisvoller Fehler erwiesen. Es kam heraus, daß diese Agenturen sämtlich im Dienst der spekulierenden Finanzkräfte standen und bewußt horrende Lügen transportierten. Doch auch Aufsichtsräte und staatliche Kontrollbehörden für Banken und Börsen sind im Lichte neuester Erfahrungen inzwischen tief blamiert.

Ein alter Spruch, „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, wäre zu revidieren. Soweit es sich um Bezirke der „Weltwirtschaft“ und der „Globalisierung“ handelt, ist Vertrauen niemals gut, und ob Kontrolle besser ist, muß sich jeweils erst durch eine genaue Kontrolle der Kontrolleure und ihrer Erzählungen herausstellen. Pankraz sagt es nicht gern, aber es stimmt leider: „Sich globalisieren“ heißt „schwindeln lernen“, und wer sich mit Globalisierern einläßt, ohne selbst zum Schwindler werden zu wollen, der muß eine komplette Kunst des Mißtrauens kultivieren.

Die Finanzkrise des vergangenen Jahres hat freilich auch zutage gebracht, daß sich Schwindeln letztlich nicht lohnt, schon gar nicht Schwindeln im globalen Maßstab. Am Ende bricht jede schwindelhafte Spekulation zusammen wie ein Kartenhaus, und die Folgen schlagen auch auf ihre Erbauer zurück. Die moderne Welt der Realwirtschaft und der Nationalökonomie braucht keine schwindelhaften Spekulanten, sondern den durch und durch „ehrbaren Kaufmann“, so wie er zum ersten Mal von der norddeutschen Hanse im vierzehnten Jahrhundert als Ideal gepriesen und als Normgeber aufgerichtet wurde.

Unter Ehrbarkeit verstanden die großen Hansekaufleute die unbedingte Einhaltung des biblischen Dekalogs beim Handelsgeschäft: „Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch Zeugnis reden, du sollst das Hab und Gut deines Nächsten achten und respektieren.“ Das bedeutete schon damals, sich als Kaufherr nicht erst nach Abschluß der Geschäfte sozial zu geben und vom Gewinn zu spenden, sondern bereits während der Geschäfte in jeder Hinsicht anständig zu bleiben, die entscheidenden Operationen transparent und überschaubar zu gestalten und eventuelle Risiken nie auf Kosten anderer, immer nur auf eigene Kosten einzugehen.

Nicht verkehrt ist es, darauf hinzuweisen, daß dieses einst von der Hanse entworfene Ideal vom ehrbaren Kaufmann die ganze deutsche Wirtschaftsgeschichte geprägt hat; nicht zuletzt dadurch unterscheidet sie sich positiv von der angelsächsischen. Und die Effizienz deutscher Kaufleute war dennoch, sofern man ihnen nicht von außen interessengeleitete Fesseln anlegte, stets mindestens so groß wie die der angelsächsischen, und zwar ohne daß sie sich je in Exzesse von Manchestertum und Hyperspekulation verrannten.

Zum Jahresbeginn daran zu erinnern, ist gewiß nicht verkehrt. 2009 sollte, außer zum Jahr des Mißtrauens, auch zum Jahr des ehrbaren Kaufmanns erklärt werden.

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