Nieder mit den Neigungsfächern

Daß „Karriere“ –  für Frauen wie für Männer – eher Selbstverneinung als Selbstverwirklichung bedeutet: Mag sein, diese Erkenntnis gewinnt im Zeichen der Rezession und des wohl endgültigen Abschieds vom Leitbild der Vollbeschäftigung endlich an Überzeugungskraft. Bislang konnte sie sich im Wirtschaftsleben freilich nicht durchsetzen. Davon zeugen Zahlen wie jene Umfrage, die jüngst allen Ernstes weismachen wollte, Mütter auf Ganztagsstellen seien „zufriedener“ als solche mit flexibleren Arbeitszeitregelungen. Über mögliche Gründe für diese befremdliche Aussage soll hier gar nicht spekuliert werden.

Weniger überraschend eine andere Statistik: 47 Prozent aller weiblichen Führungskräfte leben hierzulande in einer Ehe, 27 Prozent mit Kindern (bei den Männern sind es 67 bzw. 40 Prozent). Aber wer braucht schon ein Familienleben, solange die eigenen Leistungen bei Kollegen und Vorgesetzten auf Anerkennung (oder zumindest auf Neid und Mißgunst) stoßen? Die Gemüter solcher Vorzeigefrauen, wie sie in den farblosen Uniformen ihrer corporate identity die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift AKAD mit dem Schwerpunkt „Frauen in der Wirtschaft“ bevölkern, scheinen jedenfalls ungetrübt von jedweden Sinnfragen. Vielmehr geht es in den Beiträgen um die Voraussetzungen für den Aufstieg in „attraktive Positionen“, um „Bildungsrendite“ oder um das unerklärliche Rätsel, warum „sich junge Frauen nach wie vor überwiegend für typisch weibliche ‘Neigungsfächer’“ entscheiden, statt sich bei der Wahl des Studiums „an Karrierechancen und Gehaltsaussichten zu orientieren“? Eine „Top-Managerin“ verrät, wie sie Kind und Karriere miteinander vereinbart: „Mein Mann entschloß sich, Hausmann zu werden“, während die schwedische Botschafterin das hiesige Ehegattensplitting als Wurzel allen Übels geißelt. Daheim brauche man zur Ernährung einer Familie nun mal zwei Gehälter: „Jeder Mensch muß sich irgendwie selbst tragen. Man kann in unserem Steuersystem nicht von jemand anderem leben.“ Bei alldem geht es natürlich keineswegs nur um hehre Ideale wie Emanzipation oder Gleichberechtigung: Mittlerweile hätten „die meisten Unternehmen die Erfahrung gemacht, daß eine ausgewogene Mischung zwischen weiblichen und männlichen Mitarbeitern den Unternehmenserfolg zu steigern vermag“.

Wer dergleichen für die eigene Lebensgestaltung für relevant erachtet, blättert sicherlich mit Gewinn in dem knapp 60seitigen A4-Magazin, das im 7. Jahrgang halbjährlich vom gleichnamigen Betreiber privater Hochschulen in Deutschland und der Schweiz herausgegeben wird. Über die Werbung für eigene Veranstaltungen und Studiengänge hinaus werden seriös und leserfreundlich aufbereitete Kurzeinführungen in einschlägige Themen sowie Literaturempfehlungen und praktische Ratschläge geboten – Zwischendurch-Lektüre für den Möchtegern-Erfolgstypen auf der Hatz von einem Geschäftstermin zum nächsten eben. Mit Bildung im humanistischen oder Humboldtschen Sinn hat dieses selbsttitulierte Hochschulmagazin furchtbar wenig zu tun; Kultur kommt allenfalls als Standortfaktor, als Rahmenbedingung mehr oder weniger erfolgreichen Wirtschaftens vor: etwa in Artikeln zu „nationaltypischen Kommunikationsstilen“, „aktuellen Herausforderungen für deutsche Ingenieure“ oder Transformationsprozessen in Polen.               

„AKAD. Das Hochschulmagazin“ ist zu beziehen über AKAD. Die Privathochschulen GmbH, Maybachstraße 18-20, 70469 Stuttgart, Internet: www.akad.de

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