Melancholie und Rausch

Zweifellos hätte er sich zu Polens größtem Komponisten nach Chopin entwickeln können, wäre der begeisterte Wintersportler nicht im Februar 1909, kaum 33jährig, in der Hohen Tatra Opfer einer Lawine geworden. Nur 14 Opera weist sein Werkverzeichnis auf, darunter eine Symphonie, ein Violinkonzert und sechs symphonische Dichtungen. Karłowicz kam am 11. Dezember 1876 in Wiszniewo im heutigen Litauen zur Welt. Fünfjährig begann er mit dem Violinspiel, später erhielt er in Warschau Unterricht bei den bedeutendsten Geigern des Landes. 1895 setzte er seine Studien in Berlin fort, wo er Unterricht bei Heinrich Urban nahm. 1901 kehrte er nach Warschau zurück, war als Dirigent, Komponist und Publizist tätig. Karłowicz darf man als den ersten polnischen Symphoniker bezeichnen. Zusammen mit Karol Szymanowski ist er der bedeutendste Vertreter der „Jungpolen“, einer Gruppe von Komponisten, die sich von der nationalen Schule der Moniuszko-Epigonen bewußt absetzte und in die polnische Kunstmusik die deutsche Neoromantik einfließen lassen wollte. Dadurch vermied Karłowicz jedwede Folklorismen, wobei ihm ein Stil gelang, der zwar Anleihen bei Tschaikowsky, Grieg, Wagners „Tristan“ und vor allem Richard Strauss macht, aber in seinem Schwanken zwischen lyrischen Elegien, düsterer Melancholie und emphatischem Rauschgefühlen einen ganz eigenen Charakter aufweist. Herzstück seines Schaffens sind die sechs symphonischen Dichtungen, von denen die letzte, „Episode auf einem Maskenball“ (op.14), unvollendet blieb. Karłowicz hat diese von tiefstem Pessimismus geprägte Gattung, in die Gedanken von Schopenhauer und Nietzsche eingeflossen sind, als erster in die polnische Kunstmusik eingeführt. „Stanisław i Anna Oświecimowie“ (op. 12) ist die bekannteste und gehört in Polen seit hundert Jahren zum Orchesterrepertoire. Sie schildert nach einem Gemälde von Stanisław Bergmann die tragisch endende Liebe zwischen zwei Geschwistern. Karłowicz’ einzige Symphonie ist programmatisch und schildert die Wiedergeburt eines Künstlers nach dessen körperlicher und künstlerischer Vernichtung. Alle symphonischen Dichtungen sind auf einer Doppel-CD beim Label Naxos erschienen, die Symphonie gibt es bei Chandos.

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