Joachim Kuhs

 

„Kain ander Zunge als Teutsch“

Der Deutschen einziges Band ist die Sprache, „die ihr sonst verachtet“, schrieb Friedrich Rückert 1836. Nach den enttäuschten Hoffnungen auf ein geeintes Deutsches Reich blieb dem Dichter nichts anderes übrig als der Appell, zumindest das gemeinsame Kulturgut zu bewahren. „Jetzt müßt ihr sie als euer einziges lieben“, forderte Rückert deshalb von seinen Landsleuten.

Auch in der Phase der Teilung zwischen West- und Mitteldeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Sprache ein Band der zerrissenen Nation. Sie ermöglichte den kulturellen Austausch, der selbst in den Phasen stärkster politischer Abgrenzung nie vollständig abbrach. Wiederum lebte in der gemeinsamen Muttersprache die Sehnsucht nach einem vereinten Vaterland weiter.

Doch wie sieht es heute mit der deutschen Sprache aus? Welche Rolle spielt sie in der Welt? Und welchen Platz wird sie in der Zukunft einnehmen können? Eine direkte Antwort auf diese Fragen wird den Besuchern der im Deutschen Historischen Museum gezeigten Ausstellung „Die Sprache Deutsch“ zwar nicht präsentiert. Aber sie können aus einem reichhaltigen Angebot aus Objekten aus über zehn Jahrhunderten und zahlreichem aktuellen Karten- und Anschauungsmaterial ihre persönliche Antwort finden. Dabei reicht die Bandbreite der Stücke vom sogenannten Freisinger Paternoster aus dem 9. Jahrhundert, der die wichtigsten Texte des christlichen Glaubens enthält, über den Hundeshagenschen Codex des Nibelungenliedes, der zwischen 1436 und 1442 entstand, bis zu aufbereiteten Darstellungen, welche die Entwicklung der Zahl der Internetnutzer der letzten Jahrzehnte verdeutlichen.

Gleichstellung mit den Bibelsprachen

Deutsch ist eine verhältnismäßig junge Sprache. Der Begriff geht auf das germanische Wort für Volk zurück. Doch erst ab dem 8. Jahrhundert setzte sich die Adjektivform des Wortes als „Sprache des Volkes“ durch. Einen wesentlichen Schritt in der frühen deutschen Sprachgeschichte ermöglichte die Entscheidung von Karl dem Großen und der Heiligen Synode, daß Gott „in jeder Sprache angebetet werden“ dürfe. Damit konnte erstmals in der Zeit um 800 von einer Gleichstellung der Volkssprache mit den Sprachen der Bibel – Hebräisch, Griechisch und Latein – gesprochen werden.

Im 14. Jahrhundert setzte sich der Gebrauch der deutschen Sprache in den Kanzleien der Städte, der Fürsten und des Reiches gegenüber dem Lateinischen durch. Eine wesentliche Ursache für diese Entwicklung war die zunehmende Bedeutung der Städte im Staats- und Wirtschaftsleben, die Globalisierung der Handelsbeziehungen und die damit verbundene Ausdehnung der Schreibtätigkeit. Nachdem zunächst jedoch die übernationale Reichsidee eine klare Entscheidung für die deutsche Sprache verhinderte, wurde bei der Wahl Karls V. zum deutschen Kaiser am 3. Juli 1519 erstmals in der deutschen Geschichte ein vollwertiger Herrschaftsvertrag zwischen Kurfürsten und Wahlkandidaten ausgehandelt. In dieser Wahlkapitulation war in Paragraph 14 festgelegt, daß „in Schriften und Handlungen des Reichs kain ander Zunge oder Sprache“ gebraucht werden dürfe als „Teutsch“ oder Latein.

Im 17. Jahrhundert begünstigte die starke kulturelle Ausrichtung des höfischen Lebens am Versailler Vorbild die Ausbreitung der französischen Sprache. Als Reaktion entstanden im Reich die ersten Vorläufer späterer Sprachvereine, die sich gegen diese Tendenz zur Wehr setzen wollten. Schließlich gelang es auch im Reichstag mit Hilfe des kaiserlichen Ratifikationsdekrets vom 8. Mai 1717, ein Zeichen gegen das Vordringen der französischen Diplomatensprache zu setzen. Darin wurde ein vorangegangener Reichsschluß sanktioniert, der die Einreichung französischer Beglaubigungsschreiben am Reichstag verbot und Übersetzungen ins Deutsche oder Lateinische entsprechend den Regelungen der Wahlkapitulationen verlangte.

Ihre größte Bedeutung besaß die deutsche Sprache zwischen dem 18. und dem frühen 20. Jahrhundert. Wesentlich trug dazu neben den politischen Einigungsbestrebungen die zunehmende Weltgeltung der deutschen Wissenschaft bei. In den habsburgischen Ländern erhielt im Zeitalter des Zentralismus die deutsche Sprache die Bedeutung einer Staatssprache. Auch nach dem Zusammenbruch des Alten Reiches behielt das Deutsche in der nunmehrigen österreichischen Monarchie noch über viele Jahrzehnte seine führende Rolle. Erst infolge der beiden verlorenen Weltkriege ging die internationale Bedeutung der deutschen Sprache stark zurück. Die Auswirkungen sind bis heute gerade auf wissenschaftlichem Gebiet besonders gravierend: Wer in der modernen Welt als Wissenschaftler international wahrgenommen werden will, muß seine Veröffentlichungen nahezu zwangsläufig auf englisch verfassen oder zumindest übersetzen lassen.

Die Bedeutung des Deutschen nimmt wieder zu

Dagegen nimmt die Bedeutung des Deutschen als Verkehrs- und Kultursprache in den letzten Jahren wieder zu. Heute sprechen 18 Prozent der Menschen in der Europäischen Union Deutsch als Muttersprache, deutlich mehr als Englisch oder Französisch. Weitere 14 Prozent der Europäer beherrschen Deutsch als Fremdsprache oder schätzen ihre deutschen Sprachkenntnisse zumindest als „befriedigend“ ein. Damit liegt Deutsch auf einer Ebene mit dem Französischen. Generell wird neben der weiterhin unbestrittenen Führungsrolle des Englischen als erste Fremdsprache im Westen und Süden Europas oft das Französische als zweite Fremdsprache, im Norden und Osten dagegen eher das Deutsche gewählt.

Ebenso spiegelt sich die wieder gewachsene Rolle der deutschen Sprache in der Tatsache wider, daß weltweit aus allen Sprachen am meisten ins Deutsche übersetzt wird. Dies ist vor allem auf die große Rolle des Deutschen als Vermittlungssprache für Literatur aus östlichen Ländern nach Westen zurückzuführen. Zudem steht Deutsch zumindest auf Platz drei aller Sprachen, aus denen Übersetzungen in andere Sprachen vorgenommen werden. Erstaunlich erscheint, daß auch im Zuge der Globalisierung die Bedeutung der deutschen Sprache keineswegs abnimmt. So dominieren zwar im Internet immer noch die englischsprachigen Seiten, doch sinkt deren prozentualer Anteil mit der zunehmenden weltweiten Verbreitung dieses Mediums – von 80 Prozent im Jahr 1997 auf 55 Prozent im Jahr 2002. Insgesamt waren 7,7 Prozent aller Internetseiten 2002 in deutscher Sprache, die damit mit freilich großem Abstand zum Englischen auf dem zweiten Platz lag.

Trendwende in der Unterhaltungsmusik

Nach langen Jahren der Geringschätzung der deutschen Sprache zeigt sich inzwischen auch in der populären Unterhaltungsmusik eine Trendwende. Immer mehr deutsche Künstler benutzen ihre Muttersprache. Im Ausland nahm mit den internationalen Erfolgen von Gruppen wie Tokio Hotel das Interesse am Erlernen der deutschen Sprache zu, um die Texte verstehen zu können.

Und auch auf politischer Ebene hat ein allmähliches Umdenken begonnen: Noch vor wenigen Jahren wurden unter der Regierung von Bundeskanzler Schröder aus Kostengründen zahlreiche Goethe-Institute geschlossen. Inzwischen wächst die Anzahl dieser Institutionen jedoch wieder, die Eröffnung weiterer Einrichtungen unter anderem in Rußland ist geplant.

Nicht zuletzt enthält die Ausstellung ein Kapitel, in welchem auf den heutigen Umgang mit der deutschen Sprache eingegangen wird. Das präsentierte Material kann freilich nur eine Diskussionsgrundlage bieten. Mehr ist in diesem Rahmen nicht möglich. Als sicher gilt indes, daß die gesellschaftliche Debatte über die Risiken von Werbe-, Jugend- und sogenannten Kiezsprachen von Einwanderergruppen zweifellos auch in Zukunft ihre Berechtigung haben wird.

Immerhin sollte ein zentrales Fazit der Präsentation „Die Sprache Deutsch“ auch den größten Sprachkritikern in der heutigen Zeit ein wenig Hoffnung machen: Das Deutsche hat sich innerhalb der letzten Jahrhunderte im Vergleich zu vielen anderen Sprachen nur wenig verändert. So ist es heute möglich, einen Originaltext aus der Zeit Martin Luthers immer noch ohne größere Vorkenntnisse zu lesen und zu verstehen. Dagegen ist den meisten Engländern ein um 1500 in ihrer Sprache verfaßter Text kaum noch zugänglich.

Die Ausstellung „Die Sprache Deutsch“ ist bis zum 3. Mai im Deutschen Historischen Museum, Pei-Bau, Hinter dem Gießhaus 3, täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Telefon: 030 / 20 30 40. Der Eintritt kostet 5 Euro.

Das reich bebilderte Begleitbuch zur Ausstellung mit 384 Seiten kostet 25 Euro.

Bild: Nibelungenlied, Sigle b, 1436/1442: Deutsches Nationalepos

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