Joachim Kuhs

 

Geschmacksverirrungen

Einen regelrechten Ansturm erlebt zur Zeit der „Kanzlerbungalow“ in Bonn, der seit Anfang Mai nach umfangreicher Sanierung erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist.

Ludwig Erhard, der im Gegensatz zu Adenauer eben nicht bei Bonn wohnte, ließ 1963 dieses Gebäude von einem der erfolgreichsten Architekten der Wirtschaftswunderjahre, Sep Ruf, erbauen. Ruf hatte bereits den Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Brüssel 1958 gestaltet, außerdem war er Erhards Nachbar am Tegernsee und so auch mit diesem befreundet.

Bei dem Wohngebäude für den Kanzler wurden zwei quadratische Atriumbauten gegeneinander versetzt errichtet, der kleinere mit 140 Quadratmetern Wohnfläche umfaßte den privaten Wohnbereich des Bundeskanzlers, der größere diente ausschließlich repräsentativen Zwecken. Die im ganzen Gebäude durchgehaltene klassische Moderne mit deckenhohen Fenstern, fließenden Raumübergängen, hellen Travertinbodenbelägen und dunklen Holzdecken, versenkbaren Zwischenwänden und farblich abgestimmten Designermöbeln erstaunte die Zeitgenossen Erhards, dem man ein so schlichtes und modernes Wohngebäude nicht zugetraut hätte. Er indes hielt dagegen, wenn man ihn und seine Frau verstehen wolle, solle man sich sein Bonner Domizil anschauen.

Zuletzt nutzte Helmut Kohl das Haus privat. Er blieb auch noch wohnen, als Schröder bereits Kanzler war, so daß sich die beiden eine Zeitlang dieses Gebäude teilten und damit die wohl prominenteste „Männer-WG“ bildeten.

Jedem Kanzler stand die Nutzung und damit auch die persönliche Umgestaltung des Hauses zu. Die Wüstenrot-Stiftung, die die Wiederherstellung des Gebäudes übernommen hat, legt Wert darauf, das Haus nicht renoviert, sondern „revitalisiert“ zu haben. Sie bevorzugte die Wiederherstellung in den ursprünglichen Zustand von 1964. Sogar die Gardinen wurden eigens dafür neu gewebt und eingefärbt.

Das Eßzimmer allerdings, fließend vom Empfangsbereich aus zu begehen, wurde als einziger Raum im Stil von Helmut Kohl wiederhergestellt. Unglaublich, welche Geschmacksverirrungen sich da auftun: Die Klinkerwände wurden mit beigen Seidentapeten behangen, scheußliche Orientteppiche ausgelegt und eine Deckenbeleuchtung installiert, für die sich jede Lampenfirma heute schämen würde. Der Bilderschmuck erinnert stark an „Malen nach Zahlen“. Fehlte nur noch, daß auf dem runden Tisch eine abgefressene Schlachtplatte stünde.

Kostenlose Besichtigungen des Gebäudes und des Parks für Gruppen sind nach Voranmeldung beim Haus der Geschichte möglich, jeweils sonntags um 14 Uhr wird eine Turnusbegleitung angeboten. Anmeldungen über den Besucherdienst, Telefon: 02 28 / 91 65-400.

Foto: Blick in den ehemaligen Kanzlerbungalow in Bonn: Klassische Moderne mit Designermöbeln

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