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Freiheitsberaubung

Bisher war die Zerstörung des Körpers für Christoph Schlingensief primär ein politisches Symbol: etwa in seinem Film „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1991), wo einige Westdeutsche die zugereisten „Ossis“ mit der Motorsäge portionierten.

Vor über einem Jahr jedoch hatte ein Krebs die Politsatire abgelöst. Der drohte Schlingensiefs Lunge und womöglich den gesamten Körper zu destruieren. Über den Einbruch des Zerstörers in sein Leben, dessen Bekämpfung und seine Auswirkungen über das Körperliche hinaus – darüber führte der Regisseur mittels Diktiergerät ein Tagebuch. Eine Auswahl daraus ist jetzt als Druckausgabe erschienen.

Es beginnt mit der Diagnose: dem Schock, wenn das Leben zusammenbricht, wenn der Würgeengel Angst auf die Kehle drückt, die Phantasie Künftiges angstvoll ausmalt – die Körperenteignung, das Aufgeschnitten- und Durchleuchtetwerden. Seine Krankheit erscheint ihm als Demütigung und Freiheitsberaubung. Sie läßt den Betroffenen fragen, ob er sich einen Schweizer Gnadentod gönnen oder bis zur letzten Sekunde durchhalten möchte. Sie löst Trauer aus über alles, was er noch vorhatte: ein Opernhaus in Afrika zu errichten, beispielsweise.

Vor allem aber ist die Erkrankung für den Katholiken Schlingensief eine harte Glaubensprüfung. Denn die Religion fängt ihn nicht auf, sondern steht jetzt ihrerseits auf dem Spiel. Ein Jakobskampf liegt vor ihm. Er spürt, daß er allein ist. Kein Gott, kein Christus, keine Himmelskönigin weit und breit.

Eine (Wieder-)Annäherung an seinen Heiland findet über Identifikation statt. Als Schlingensief überlegt, ob er Beruhigungsmittel gegen die Angst nehmen soll, fällt ihm Christus ein: wie der sich beim letzten Abendmahl gefühlt und ob er am Kreuz wirklich eine Gottverlassenheit erlebt habe. Bereits drei Tage nach der Diagnose glaubt der Patient, eine Ewigkeit durch Dantes Inferno gewandert zu sein. 

Als das Gefühl des Ausgeliefertseins dominiert, schlägt das Gottvertrauen in Wut um: „Gott bewahre, daß ich dir eins in die Fresse schlage“, droht Schlingensief. Papst, Kirche: Sie alle werden aus dem Ring geschmissen. Niemand soll sich in diesen existentiellen Kampf einmischen. Alte Wertvorstellungen stürzen ein, egal, ob durch Umwelt oder sich selbst auferlegt. „Sind wir vielleicht ein Film, ein Film, der kaum einen Augenblick lang dauert? Sind wir ein Druckfehler? Sind wir vielleicht ein Zufall, der noch nicht Realität ist, der sich noch nicht in der Zeit abzeichnet?“ An einem Tag kämpft er sich so lange müde, bis er den Eintrag mit „Gute Nacht“ beenden kann.

Bis hierhin ist es keine Übertreibung, Schlingensiefs Tagebuch-Bekenntnisse mit den „Konfessionen“ des Augustinus auf eine Stufe zu stellen. Dieselbe Einsamkeit, dieselbe verzweifelte Suche, so vorbehaltlos geschildert wie nur möglich und mit einer Sprachgewalt, die in der Literatur Seltenheitswert besitzt.

Nach der Operation kehrt langsam die Ruhe zurück. Rückblenden auf vergangenes Leben, auf den Tod des Vaters setzen ein. Kritische Selbstbeurteilungen folgen – auch gegenüber dem eigenen Zwang, immer der Starke, Lustige, Komische sein zu müssen: um den depressiven Vater aufzumuntern, und später sein Publikum. Er erfährt die Liebe seiner Freundin Aino, die ihm bedingungslos zur Seite steht. Neue Projekte werden angekurbelt.

Und natürlich kommt die Frage nach dem Sinn der Krankheit. Dabei schwankt Schlingensief zwischen der Perspektive des Arztes, der den Tumor zu purem „Dreck“ erklärt, der jetzt raus ist, und dem Versuch, ihn aus der Genese des eigenen Lebens zu erfassen: aus seiner Bayreuther Zeit. Mit der Inszenierung des „Parsifal“ habe er eine „Grenze in meinem Leben“ überschritten. Der Regisseur habe sich „von dieser Musik genau auf den Trip (…) schicken lassen, den Wagner haben will. Er selbst war vielleicht abgebrüht genug und hat das abreagieren können. Aber ich glaube inzwischen, daß es sich tatsächlich um Todesmusik handelt, um gefährliche Musik, die nicht das Leben, sondern das Sterben feiert. Das ist Giftzeugs, was der Wagner da verspritzt hat. Das ist Teufelsmusik, die einen wirklich zerreißt“, die „ja wirklich zur völligen Auflösung auffordert“.

Hier nun sind Zweifel angebracht. Verständlich, daß ein grundsätzlich „optimistisch“ Gestimmter die Todessehnsüchte eines Richard Wagner als bedrohlich erlebt und – rückwirkend – zum Auslöser seiner Katastrophe erklärt. Aber für einen seelisch Gequälten (wie Wagner selbst) sind solche Phantasien im Gegenteil entlastend. Unausweichliches zu ästhetisieren, um es erträglich oder gar wünschenswert zu machen – das hat wenig mit „abgebrüht“, aber sehr viel mit Homöopathie zu tun: Gift wird mit abgeschwächtem (hier: ästhetisiertem) Gift bekämpft. Hat Schlingensief denn wesenhaft anderes gemacht, als er die Tagebuchtexte letztes Jahr als Grundlage für sein Meßritual „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ nutzte? Wie im „Parsifal“ wurde das eigene Leid in Form eines Meßrituals auf die Bühne gebracht. Wie hoch dabei die Giftdosis für eine effiziente Seelenheilung sein muß, dazu könnte nicht mal Homöopathie-Erfinder Samuel Hahnemann Verbindliches sagen.

Christoph Schlingensief: So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung. Kiepenheuer & Witsch-Verlag, Köln 2009, gebunden, 255 Seiten, 18,95 Euro

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