Ein Komponist für die großen Gefühle

Das Puccini-Jahr 2008 bescherte den Musikfreunden zwei höchst lesenswerte neue Bücher über den wohl meistgespielten Opernkomponisten überhaupt. Diesen ging bereits 2007 eine erweiterte Neufassung der bedeutenden, erstmals 1989 erschienenen Würdigung durch den deutschen Puccini-Forscher Dieter Schickling voraus. Ungewöhnlich ist diese Fülle insofern, als die Musikwissenschaft bis Ende der fünfziger Jahre dem Komponisten keine Wertschätzung erfahren ließ und sachlich-wissenschaftliche Darstellungen schlichtweg nicht existierten. Der erste, der sich dem Komponisten mit einem solchen Anspruch näherte, war 1959 Mosco Carner. Seine in englischer Sprache und erst 1996 auf deutsch publizierte Biographie ist und bleibt das Standardwerk über Leben und Schaffen Puccinis, ist aber nur noch antiquarisch erhältlich. Jetzt hat der Berliner Germanist Volker Mertens ein Werk über den Komponisten mit dem Untertitel „Wohllaut, Wahrheit und Gefühl“ vorgelegt, in dem das Wesen von Puccinis Musik ungemein treffend charakterisiert ist. Der Ästhet Mertens schlägt eine Lanze für den Komponisten, indem er seine Werke musikalisch allgemeinverständlich analysiert, ihre Entstehungsgeschichte erläutert und vor allem aufzeigt, daß Puccinis Erfolg nicht nur auf der (auch heute noch nicht überall akzeptierten) handwerklichen Meisterschaft, sondern auf einem untrüglichen Theaterinstinkt beruht. Denn die Erfolgsopern basieren auf ebenso erfolgreichen Bühnenstücken. Die daraus resultierenden Libretti sind von höchster dramatischer Logik. Mertens sieht in Puccini keineswegs einen Intellektuellen per se, sondern einen Künstler, der hochintellektuell gestaltet, indem er trotz allen angestrebten Wohlklangs, trotz aller Eingängigkeit der Melodik keineswegs die Errungenschaften der Zeitgenossen negiert, sondern an vielen Stellen den Einfluß von Debussy, Strawinsky und Richard Strauss spüren läßt. Mertens sieht in Puccinis Erfolgsopern einen Mythos begründet, bei dem die ursprüngliche Handlung und die Melodien losgelöst vom Komponisten weiterleben und in das allgemeine Bewußtsein eingegangen sind. Besonderen Wert haben die auf ganz subjektivem Schönheitsempfinden beruhenden Empfehlungen von Aufnahmen der Werke des Komponisten auf Tonträgern. Mertens gediegene Darstellung ist durchaus den großartigen Monographien eines Fischer-Dieskau zur Seite zu stellen. Denn wie dieser formuliert er literarisch, verfährt wissenschaftlich und empfindet künstlerisch. Klonovsky will seine Opern-Liebe mit uns teilen Etwas anders ist dagegen Michael Klonovskys Ansatz in „Der Schmerz der Schönheit“. Im Hauptberuf als Journalist beim Focus-Magazin tätig, will Klonovsky in teilweise feuilletonistischem Plauderton die überschwengliche Liebe, die er zu Puccini und zur Gattung Oper überhaupt im Herzen trägt, auf seine Leser übertragen. Dabei führt er mit scharfer Klinge kleine, gezielte Ausfälle gegen die zeitgenössische Musikkritik (Adorno ist an allem schuld!) und – wohltuend – gegen den Zeitgeist im allgemeinen. Klonovsky warnt davor, daß „die holdeste und gleichzeitig durchgeknallteste aller Musikgattungen“ irgendwann „endgültig zu Tode experimentiert … und regietheatergekaspert wird“. Klonovsky wagt es, auch seine Zunftkollegen anzugehen. Er knöpft sich unter anderem Dieter Schickling vor, der in den beiden Auflagen seiner Biographie mal jenen, mal diesen Standpunkt zu der künstlerischen Stellung Puccinis bezieht. Klonovsky kritisiert Schickling darin aber nicht, sondern gesteht ihm nur süffisant zu, wahrscheinlich eine Weiterentwicklung seines Kunstverständnisses erfahren zu haben. Besonderen Raum widmet er der Puccini-Deutung des Komponisten Jan Meyerowitz, der allen Ernstes der Meinung ist, daß Puccini in „Tosca“, insbesondere in der Person des brutalen Polizeichefs Scarpia „die vom Faschismus in seiner nordischen Variante genährte mentale Abartigkeit der Faszination des Leidens anderer“ vorweggenommen habe. Meyerowitz, der 1938 nach Sachsenhausen verschleppt wurde, setzt noch eins drauf, wenn er einen bei den KZ-Aufsehern erkannten „durchdringenden Ausdruck einer lüsternen Liebenswürdigkeit“ als „vollkommenes Äquivalent von Puccinis Musik“ ansieht. Bei dieser Gelegenheit läßt es sich Klonovsky nicht nehmen, den „vergangenheitsbewältigenden Gesinnungskitsch“ in der Bundesrepublik mit seinem „Hitler in uns“ satirisch abzutun. Des Autors ungeheure Detailkenntnis sämtlicher Puccini-Opern lassen diese in völlig neuem Licht erscheinen. So wie ihm das Herz zu allen Puccini-Werken voll ist, geht ihm der Mund über, was für zwei weitere Bücher ausreichend gewesen wäre. Bei der schon erwähnten „Tosca“, die seit ihrer Uraufführung immer wieder als äußerst brutal, obszön und reißerisch bezeichnet wird, entwickelt Klonovsky in seiner Darstellung ein neuartiges Psychogramm Scarpias, für den man doch gewisse Empathien entwickeln kann. In „Madame Butterfly“, der einzigen Oper, die (wie Klonovsky zu Recht meint) den fernöstlichen Sextourismus zum Thema hat, weist er zahllose musikalische Parallelen zum „Tristan“ nach und fragt dabei, wer wohl mehr gelitten habe, Cho-Cho-San oder Tristan? Er entdeckt Motive aus Smetanas „Verkaufter Braut“. Und wird nicht in der „Butterfly“ auch eine Liebe verkauft? Klonovsky hat recht. Diese Anklänge bestehen wirklich. Nur scheinen sie bisher niemandem aufgefallen zu sein. „Tabarro“ (Der Mantel) hält der Autor für die beste Oper aller Zeiten. In ihr zerbrechen bei einer Spielzeit von 50 Minuten eine Ehe und ein Verhältnis, zusätzlich ereignet sich ein Totschlag, was zugegeben nirgendwo ein Gegenstück in der Musikliteratur hat. Des Autors Hörempfehlungen decken sich weitgehend mit denen Mertens’ – beide haben das gleiche sensible Gespür für die „richtige“ Puccini-Interpretation. Dabei will sie Klonovsky voll Selbstbewußtsein und Koketterie als „höchst subjektiv, geschmäcklerisch und unvollständig“ eigentlich überhaupt nicht geben. Doch die Empfehlungen eines Musikliebhabers mit solcher Werkkenntnis müssen als verbindlich gelten. Klonovskys Werk ist von einem extremen Lesegenuß und vielleicht das bedeutendste seit jenem Mosco Carners und ergänzt dadurch nicht nur das Mertens’sche auf das beste. Beide dürfen im Haushalt keines Puccini-Freundes fehlen. Foto: Giacomo Puccini (1858–1924): Untrüglicher Theaterinstinkt Volker Mertens: Giacomo Puccini. Wohllaut, Wahrheit und Gefühl. Militzke Verlag, Leipzig 2008, gebunden, 288 Seiten, 29,90 Euro Michael Klonovsky: Der Schmerz der Schönheit. Über Giacomo Puccini, Berlin Verlag 2008, gebunden, 304 Seiten, 19,90 Euro

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