Der malende Physikus

Die Kuratoren der Dresdner Ausstellung über den Arzt, Naturphilosophen und Maler Carl Gustav Carus sind erkennbar bemüht, den 1789 in Leipzig geborenen Carus als Künstler aus dem Gravitationsfeld seines Freundes Caspar David Friedrich zu befreien. Das gelingt aber nur durch einen Kunstgriff. Zahlreiche Gegenstände zu Carus’ Biographie und Berufsausübung und deren dekorativer Anordnung lenken ab von der Frage nach der eigentlichen Qualität seiner Malerei.

Die Räume führen vorbei an Basaltsäulen, wie sie Carus in den beiden Sepiablättern der Fingalshöhle auf der Hebrideninsel Staffa schildert, an dem Schädel eines indischen Elefanten hin zu einer Schauwand mit den Schädelabformungen, an denen er seine kraniologischen Studien trieb. Wissenschaft und Freundschaft verbinden sich in dieser Sammlung. Darunter befindet sich ein schöner Lebend-Abguß von Carl Maria von Weber. Goethe wird flankiert einerseits von Kant und andererseits von einem „Idioten“. An einem „Mexikaner“ ist eine kultische Deformation zu beobachten, die mit Hilfe von Scharnierbrettern zu einer kantigen Abplattung der Schädeldecke führte. In der Vitrine liegt die Hand von Clara Schumann. Carus Schwiegersohn, der Bildhauer Ernst Rietschel, war ihm mit Abformungen behilflich. Den Abguß der Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient steigerte er zu einer Bildnisbüste. Carus empfand ihre Formen als idealtypisch und verwendete sie für eine Kupfertafel menschlicher Proportionen. Es war ihm die intelligenteste Frau, deren Kopf er je vermessen hat.

Der studierte Bildhauer Marcus Lilge hat die Bilder, Zeichnungen, Bücher und naturwissenschaftlichen Sammlungsstücke nach den Regeln postmoderner Installationskunst aufbereitet. Die Spielerei mit dem Licht ist zuweilen etwas vordergründig. Thematische Titel erstrahlen über einzelnen Abteilungen, wie über den Regalen eines Einkaufsmarktes.

Gegenüber dem Eingang ist der Namenszug des Arztes aus Leuchtstoffröhren zusammengesetzt. Darunter steht ein Zitat, in dem Carus über die ästhetische Unempfindlichkeit einer Fliege mutmaßt, die auf dem Apollo von Belvedere herumkriecht. Von der Spitze eines Drahtes richtet die Fliege selbst unter einem Glassturz ihre Augen auf die Wand. Spitzfindig wird damit auf den Titel der Ausstellung „Natur und Idee“ verwiesen. An einigen Stellen hat schließlich doch die Idee über die Natur gesiegt: Vor zarten Zeichnungsblättern wird der Anblick von den Schatten der Betrachter gestört. Das Komplexauge der Fliege ist hervorragend befähigt, bewegte Objekte zu erfassen. Darin gleicht es dem modernen Naturwissenschaftler, der die beobachteten Bewegungen zudem oft auch noch selbst hervorruft. Caspar David Friedrich und Goethe beschauten die Welt eher mit Echsenaugen.

Deutlich ist der Unterschied der Perspektiven zu beobachten an zwei Studienblättern des jeweils gleichen Motivs. Das „Weinbergstor bei Dölzschen“ vom Oktober 1824 besteht bei Carus aus versammelten Steinen. Friedrich stiftet eine tragende Linie. Sein Blatt ist ein großes Ausatmen. Jenes des malenden Arztes ein beklommenes Einatmen.

Auch auf der Darstellung der „Ruine auf dem Schloßberg bei Teplitz“ (1827) beginnt der Maler mit einer starken inneren Verspannung, die in Großzügigkeit und Weite mündet. Carus dagegen geht weitschweifig gelöst vor das Motiv und hinterläßt auf dem Papier den verklemmten Eindruck eines fleißigen Dilettanten. Pedantisch zieht er Linien nach und seine Wasserfälle hängen wie nasse Lappen am Fels. Die Verschränkung von Flächenwerten und Raumbestimmung gelingt ihm ebensowenig wie eine Entwicklung der Malerei aus der Farbe, allenfalls unangestrengte kleine Impressionen, wie das „Stilleben auf einem Dachboden“ und die schlichten Aquarelle von Bauernhäusern. Sein systematischer Geist hat kein Organ für die Paradoxa der Erscheinungen.

Vor allem die Bilder der berufenen Maler-Zeitgenossen machen die Ausstellung insgesamt sehenswert. Zumal seit Beginn der Rekonstruktionen am Albertinum mit der Schließung der Gemäldegalerie Neue Meister die Malerei der Dresdner Romantiker vor Ort nicht mehr zu sehen war. Nun wurden die Gemälde von Carus, Friedrich, Dahl, Gille, Oehme, Kersting und anderen um viele Leihgaben bereichert. Da die Räume im Residenzschloß nicht ausreichen, befindet sich ein weiterer Teil der Ausstellung in der Sempergalerie am Zwinger. Im Anschluß wird die Ausstellung in Berlin zu sehen sein.

Auf eine Besonderheit wird man dort allerdings wohl verzichten müssen. Die Städtischen Kunstsammlungen Dresden zeigen zeitgleich die 37 verbliebenen Künstlerporträts aus dem Freundschaftsalbum von Carus. Er übernahm das Album von dem Künstlerehepaar Jacob und Apollonia Seydelmann und führte es weiter. Es enthält ein berühmtes Selbstporträt von C. D. Friedrich und sonst fast alle bedeutenden Maler, die damals in Dresden tätig waren: Anton Graff, Gerhard von Kügelgen, Johann Christian Klengel, Clausen Dahl, Kersting und andere.   

Die Ausstellung „Carl Gustav Carus. Natur und Idee“ ist bis zum 20. September im Semperbau am Zwinger und im Residenzschloß, Taschenberg 2, täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Telefon: 03 51 / 49 14 20 00

Die Ausstellung „Das Carus-Album. Eine Porträtsammlung und ihre Geschichte“ ist bis zum 27. September in der Städtischen Galerie Dresden, Wilsdruffer Str. 2, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, Fr. bis 19 Uhr, zu sehen. Telefon: 03 51 / 4 88 73 10

Foto: Carl Gustav Carus, In der Fingalshöhle auf der Insel Staffa (Feder in Schwarz und Aquarell über Bleistift, undatiert): Vorbild für die Raumgestaltung

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