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Dekorativer Blätterteig

Zeige mir Deine Bibliothek, und ich sage Dir, wer Du bist. Frei nach Fichte würde die Musterung vieler privater Bibliotheken demnach ein Mosaik der geistigen Verfassung unserer Gesellschaft, unserer „Elite“ zumal, ergeben. Ob die Redaktion des Hochglanzmagazins Cicero zu solchen soziologischen Ermittlungen ermuntern wollte, als sie 2006 ihre Serie über „Kluge Köpfe und ihre Bibliotheken“ eröffnete, darf bezweifelt werden. Jedenfalls präsentieren Christine Eichel und Jürgen Busche die ersten fünfzehn, nun in einem Sammelband vereinten Bibliotheksporträts unter höchst „privaten“ Vorzeichen. Hier sollen die Bücherwände „die ganz individuelle Geschichte eines Menschen“ spiegeln, den „unglaublichen Luxus der Zeitlosigkeit, in die sich Lesezeit stets verwandelt“: die Bibliothek als „magischer Ort“, als Rückzugsraum neudeutscher Innerlichkeit, die Gesellschaft und Geschichte aussperrt. Daß mit Ausnahme des 2007 verstorbenen Walter Kempowski keiner der „klugen Köpfe“ von seinen Büchern als Produktionsmitteln redet, erstaunt. Entsprechend sehen ihre durchweg im „Schöner Wohnen“-Ambiente abgelichteten „Kulturtapeten“ denn auch aus: die Bücherrücken keimfrei-sauber, hochglanzumgurtet, penibel-zackig „auf Kante“ gestellt. Schade, daß Joachim C. Fest Ciceros Abgesandte nicht mehr empfangen durfte. Ihnen wäre das Herz aufgegangen angesichts der farbkompositorisch arrangierten Bände des FAZ-Herausgebers, unten die großen Gelben und Grünen (Kunst), oben die kleinen Roten und Schwarzen (Klassiker). Druckfrische Dutzendware in Paschen-Regalen Aber auch ohne Fests poliertes Mahagony-Kabinett bietet sich hier die hinlänglich museale Ordentlichkeit des betonhart etablierten Juste milieu. Nirgends quellen die nobel-„weltoffenen“ Paschen-Regale über – wie einst bei Arno Schmidt in der Bargfelder Dachkammer, wo Däublers „Nordlicht“, die zwei Dünndruckbände der Genfer Ausgabe, die das geübte Auge sofort erspäht, von dicken Olms-Wälzern fast zerquetscht werden, wo der zersauste Wieland-Meter die vom „Jägermeister“-Konsum befeuerten Nachtlektüren so bezeugt wie die überall herausscharwenzelnden Merkzettel. Das beengt im Haide-Hüttlein –„kein Bad, kein Klo“ – hausende Gehirntier Schmidt pferchte trotzdem fast 3.000 Bände zwischen seine (selbstgetischlerten?) Holzborde. Karl Kardinal Lehmann, Kanzler Schröders „Kulturstaatsministerin“ Christina Weiss, die Erich Mielkes Hinterlassenschaft verwaltende Marianne Birthler, Claus Peymann, die Regisseure Florian Henckel von Donnersmarck und Volker Schlöndorff, Rüdiger Safranski und die anderen, noch unbedeutenderen Cicero-Gastgeber (Bastian Sick, Juli Zeh, Thea Dorn) kommen mit beschämend weniger aus. Versteht man taz-Chefredakteurin Bascha Mika richtig, gehört sie wie Zeh mangels Masse gar nicht in diesen Kreis, da sie die meisten ihrer Bücher verschenkt oder weggeworfen hat. Weder sie noch die, die ein paar Bücher behalten haben, hätten mithin schon auf Erden die Qualen der Hölle zu fürchten, die Alexander von Humboldt, den 20.000 Bände umgaben, all jenen in Aussicht stellte, die ihre Bibliothek verkaufen würden. Lehmann & Co. müßten daher weder auf viel verzichten noch auf Unersetzliches, da sich ihre druckfrische Dutzendware in der nächstbesten Buchhandlung neu ordern ließe. Mit solcher Genügsamkeit heben sich diese bundesdeutschen „Kulturträger“ doch extrem auffällig von den Altvorderen ab. Arno Schmidt behauptete 1963 („Meine Bibliothek“), „das Minimum“ müsse „bei etwa 60 Metern Bücher“ liegen, „rund 2 Tausend Stück, 3 dürften besser sein“. Von Humboldt, Tieck (16.000) oder Schopenhauer (10.000) war das weit entfernt, ebenso von seinen Zeitgenossen wie Armin Mohler mit 20.000 Bänden zur Konservativen Revolution oder, um jemanden aus dem guten Durchschnitt der fünfziger Jahre aufzurufen, dem bibliophilen Pianisten Eduard Erdmann (1896–1958), einem wie Schmidt die norddeutsche Tiefebene bewohnenden Kurländer, mit rollendem R verliebt seine „Bücherrchen“ umgurrend, von denen er in drei Dezennien 12.000 zusammengebracht hatte – im Mai 1959 bei Hauswedell in Hamburg dann an zwei Tagen verauktioniert. Die Cicero-Equipe scheint hingegen zu signalisieren, daß die Zeiten solcher Schatzkammern in Privathand vorbei sind. Oder hat man einfach nur die falschen Leute besucht? Immerhin fehlen Unternehmer, Juristen, Ärzte, Politiker, Professoren. Lesen die nicht? Ist es vorstellbar, daß die hier auf Zelluloid gebannten Bücherrücken repräsentativ den intellektuellen Horizont unserer „Elite“ abstecken und damit die geistige Malaise der Gegenwart beleuchten? Keine Spur von biographischen Lexika Und zwar nicht nur in ihrer quantitativen Kümmerlichkeit, sondern auch im peinlichen Präsentismus dieses Lesefutters, der die ahistorische Moralfixiertheit unseres vornehmlich fernsehenden und „googelnden“ Intelligenzlertums nicht deutlicher bezeugen könnte? Ist darum nirgendwo in deren „dekorativem Blätterteig“ (Schmidt) ein altes Konversationslexikon auszumachen, der legendäre Meyer von 1905 nicht und nicht der gründlichste Brockhaus, die 14. Auflage von 1898? Wie erklärt sich die Leerstelle bei den biographischen Lexika? Es muß nicht die selbst für üppig alimentierte Besserverdiener wie Birthler oder Weiss provozierend hochpreisige „Neue Deutsche Biographie“ sein. Walter Killys Literaturlexikon (antiquarisch erschwinglich) oder seine kürzlich kartoniert verramschte „Deutsche Biograpische Enzyklopädie“ tun es auch. Trotzdem: davon keine Spur. Desgleichen nichts vom Erdenwallen unserer Historiker. Fehlanzeige bei Ranke. Keine Hoffnung, den „schwarzen Burckhardt“ anzutreffen, die erste wohlfeile Gesamtausgabe, bei DVA ab 1929 erschienen. Und ganz und gar aussichtslos, auf die zehn Bände Treitschke anzusitzen, auf seine „Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts“ (die erste Ausgabe mit Register!) nebst den „Aufsätzen und Briefen“, die in Weimars Endzeit auf den Markt kamen. Kein Meinecke, und auch unterm Vergrößerungsglas ist nicht erkennbar, daß sich jemand die blaue Metermauer der knapp 10.000 Seiten von Ernst Rudolf Hubers „Deutscher Verfassungsgeschichte“ gegönnt hätte. Das unendlich lange offerierte, ach so jungfräuliche Exemplar, das Frankfurts Oberbürgermeister Walter Wallmann in den Altbuchhandel abstieß, als er sich von 400 auf 250 Quadratmeter „verkleinerte“, fand seinen Weg nicht in die Charlottenburger Lofts der Bascha Mikas. Thomas Nipperdeys dreibändige „Deutsche Geschichte“ (1800–1918) wird, obwohl noch im Schutzumschlag zu erwerben, so verschmäht wie ihre gräßliche Alternative, Hans-Ulli Wehlers fast verlagsneue „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“, die C. H. Beck derzeit wie Sauerbier feilbietet. Nicht einmal ein vielleicht einst qua Zwangsumtausch mit DDR-Rubeln erstandener Marx-Engel-Torso peppt die bildungsbürgerliche Regaltristesse irgendwo auf. Vergeblich die Suche nicht nur nach Historikern. Die geistesgeschichtliche Produktion der deutschen Achsenzeit von 1880 bis 1930, von Dilthey bis Gundolf, von Gierke bis Kantorowicz, von Nadler bis Curtius, von Burdach bis Borchardt, fast ausschließlich nur in Originalausgaben antiquarisch aufzutreiben, muß bei Volker Schlöndorff oder dem Berufsvorleser Hanns Zischler „vollumfänglich“ draußen bleiben. Kardinal Lehmann kann immerhin ein Widmungsexemplar von Martin Heideg­gers Hand vorweisen. Aber mit dem für 100 Bände vorgesehenen „Grau, das wir lieben“ (Lorenz Jäger), der so ummantelten Werkedition des Meisterdenkers, wollte sich außer dem Kirchenmann keiner von Ciceros Vorzeigeintellektuellen den reichlich vorhandenen Platz vollpfropfen. Völlig indiskutabel sind Schreckensmänner wie Carl Schmitt, Louis-Ferdinand Céline, dieser natürlich mit dem publizistisch-polemischen Teil seines Œuvre, oder auch subversiv Nihilistisches, wie es die Arsenale des 19. Jahrhunderts in zynischer Fülle parat halten – die opulente Auswahl für eine „Bibliothek der Reaction“ nicht zu vergessen, bereichert um Niekisch oder Bakunin. Nein, das alles möchte gleich gar niemand im trauten Heim beherbergen. Sollte die Demokratie eines Tages noch ein bißchen weiter ins Totalitäre kippen, würden sich „Säuberungen“ von Privatbibliotheken, bestückt nach dem Gusto unserer Diederich Heßlinge, an denen Ciceros PC-Gütesiegel klebt, allemal erübrigen. „Parkers Weinguide“ neben Belegexemplaren Typisch, daß in einem Schnappschuß aus Safranskis Büchersammlung – ein Foto, das auch auf dem bunten Buchumschlag den potentiellen Käufer becirct – nur ein Nachdruck zu sehen ist von der magistralen Bachofen-Einleitung („Bachofen, der Mythologe der Romantik“, zuerst 1926) des wegen seiner Beteiligung an der Berliner „Bücherverbrennung“ von 1933 gemeinhin als „berüchtigt“ geltenden „NS-Philosophen“ Alfred Baeumler. Und da liegt das Büchlein dann (im Schutzumschlag von 1965 selbstverständlich) neben Wein- und über Whiskyflaschen und nahe den arrivierte Behäbigkeit verströmenden Schwarten von „Parkers Weinguide“, benachbart den offensichtlich ungelesenen grün-kartonierten Editionen aus Meiners Philosophischer Bibliothek und im Windschatten der Sammlung von des Autors Belegexemplaren – Safranskis Schopenhauer-Biographie auf serbokroatisch oder so. Auch das erinnert wieder an Arno Schmidt: „Es gibt Fotos ‘Karl May in seiner Bibliothek’ – nur schade daß, wenn man mit der Lupe hinlinst, die Hälfte der splendiden Erbärmlichkeit aus seinen eigenen Freiexemplaren besteht …“ So schlimm ist es bei dem handzahmen Pfeifenraucher Safranski zwar nicht, aber von den Gehäusen privatgelehrter Nonkonformisten, renitenter Querdenker oder nur simpler intellektueller Abenteurer trennen ihn und seine Lektüren Äonen. „Wer bin ich im Spiegel meiner Lektüre?“ Die kollektive Antwort, die einem nach diesen Bibliotheksvisiten auf Christine Eichels leitmotivische Frage ins Gesicht springt, wäre mit Günter Eich auf den kürzesten Nenner zu bringen: gewiß kein Sand im Getriebe. Fotos: Karl Kardinal Lehmanns Bibliothek: Immerhin ein von Heidegger signiertes Widmungsexemplar Rüdiger Safranskis Bibliothek: Hinlänglich museale Ordentlichkeit Jürgen Busche/Christine Eichel (Hg.): Von Bücherlust und Leseglück. Kluge Köpfe und ihre Bibliotheken, Knesebeck Verlag, München 2008, gebunden, 128 Seiten, Abbildungen, 24,95 Euro

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