Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Das Medium mit der Maus

Einem Sprichwort zufolge macht der Mai alles neu. Bei der linken Wochenzeitung Freitag, der mit zuletzt 12.400 verkauften Exemplaren ein Fall ins Bodenlose drohte, kommt diese angekündigte Neuerung mit Verspätung. Im besagten Monat des Vorjahres hatte Jakob Augstein (41), Sohn des Spiegel-Gründers, die im Jahr 1990 aus einer Fusion der vom DDR-Kulturbund herausgegebenen Zeitschrift Sonntag und der Deutschen Volkszeitung, einer DKP-nahen Wochenzeitung, hervorgegangene Zeitung gekauft und damit vor dem nahenden Ende bewahrt. Das bislang als „Ost-West-Wochenzeitung“ apostrophierte Blatt, jetzt mit dem Untertitel „Das Meinungsmedium“ versehen, erinnerte immer stärker an Paul Klees „Angelus Novus“, jenen „Engel der Geschichte“, der – zumindest im vorliegenden Fall – aus selbiger herausgefallen ist: Mit dem Rücken unaufhaltsam der Zukunft zustrebend, richtet er seinen Blick rückwärts auf die sich vor seinen Füßen türmenden Trümmerhaufen. Leser sollen mitschreiben Dennoch hatte sich das Blatt – zu dessen Herausgebern der lautere Bürgerrechtler Wolfgang Ullmann oder der Publizist Günter Gaus zählten – seinerzeit bemüht, eine im besten Sinne linksliberale Wochenzeitung zu machen. Nach dem Tod dieser Granden zog zunehmend eine miefige Denunziationskultur in die Zeitungsspalten, diffamierend und mutwillig gehässig, wenn es etwa gegen einstige Bürgerrechtler wie Joachim Gauck ging – so geschehen auch noch in der letzten Ausgabe im alten Gewand. Die neue Ausgabe unterscheidet sich auf den ersten Blick durch ein geändertes Erscheinungsbild, einen auf 32 Seiten vergrößerten Umfang sowie einen dritten Bund „Alltag“, der zu den bisherigen Ressorts für Politik und Kultur hinzutritt. Die Herausgeber, zu denen nach wie vor die für ihre Ressentiments berüchtigten Friedrich Schorlemmer und Daniela Dahn gehören, sind aus dem Zeitungskopf verschwunden und finden sich „nur“ noch im Impressum. Das ostentativ Neue, wird vollmundig behauptet, sei die enge Bindung an die Leserschaft. Letztere soll in der „Community“ des Online-Auftritts (www.freitag.de) aktiv an der Zeitungsgestaltung mitwirken – einem Projekt, das am Horizont Jakob Augsteins als eine „linke FAZ“ aufscheint. Leser sind zu eigenen Blogs aufgefordert, deren beste Beiträge Eingang in die Druckausgabe finden sollen. Und der Titel („Klick den Kanzler“) verkündet allen Ernstes, die Wähler müßten „jetzt nur noch mit der Maus die Macht übernehmen“.

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