Aus Liebe zu einem Manga-Mädchen

Wer das volle Potential einer Sache erfassen will, sollte ihre extremste Artikulation studieren. Nur im Extrem zeigt sich der ganze Horizont des Möglichen. Das gilt auch für Comic und Internet. So ging im vergangenen Herbst der Fall des Japaners Taichi Takashita durch die Presse, der sich unsterblich in die junge Mikuru Asahina verliebte und die Angebetete so bald wie möglich ehelichen will. Was daran problematisch sein soll? Nun, Mikuru Asahina ist kein Mensch, sondern ein Manga-Girl. In einer populären Comic-Serie kommt sie als Zukunftswesen auf die Erde. Außerdem kann man sie auf Bildergalerien im Internet bewundern oder als Plastikfigurine kaufen – ein virtuelles Wesen, eine Zeichentrickfigur also. Bei dem Versuch, seine Liebe zu Mikuru Asahina durch Heirat zu legalisieren, stieß Takashita auf Widerstand der Behörden. Ein Mensch könne sich nicht mit einer 2-D-Figur vermählen, hieß es. Das will der Verliebte nicht auf sich sitzen lassen: „Wir interessieren uns nicht mehr für die dreidimensionale Welt“, läßt Takashita wissen. Er fühle sich in der virtuellen 2-D-Welt mehr zu Hause als in der echten. Am liebsten würde er in sie einziehen. Da dies aber technisch noch nicht zu realisieren sei, verlange er zumindest eine Legalisierung von Ehen zwischen 3-D-Menschen mit zweidimensionalen Figuren. Um der Sache Nachdruck zu verleihen, hat Takashita eine Online-Petition gestartet (www.shomei.tv/project-213.html). Schon nach einer Woche hatte er über 1.200 Unterschriften beisammen. Sein Ziel ist eine Million, die er dann der Regierung vorlegen will. Ende offen. Als diese Nachricht durch die Medien ging, beschränkten sich die Kommentare auf Spötteleien über sein abstruses Anliegen oder Verweise auf die angebliche Manga-Sucht der Japaner – von schwachsinnigen Anmerkungen in Blogs und Web-Communities ganz zu schweigen. Tritt man aber nur einen Schritt zurück, zeigt sich im Verhalten von Takashita eine zeitgemäße Wiederholung romantischer Kultur. Heiratet nicht jede Nonne einen virtuellen Gottessohn? Erinnern wir uns an Friedrich von Hardenberg alias Novalis. Der verliebte sich im Alter von 22 Jahren in die zwölfjährige Sophie von Kühn. Die Verlobung folgte. Zur Hochzeit aber kam es nicht. Fünfzehnjährig erlag Sophie im Kampf gegen die Tuberkulose. Fortan konnte Novalis keinen anderen Sinn in seiner Existenz ausmachen, als ihr schnellstmöglich ins Totenreich zu folgen. Er widmete ihr „Hymnen an die Nacht“, die vor Todessehnsucht überliefen. Die erloschene Sophie von Kühn war zur mythischen Sophie im virtuellen Totenreich mutiert, identisch mit Sophia, der Weisheit. Das verrät die Notiz: „Ich habe zu Söphchen Religion, nicht Liebe“. Für Novalis bildete dieses „Söphchen“ den religiösen Überbau seiner Existenz. Und sein Wunsch, die dreidimensionale Welt zu verlassen, mit ihr im virtuellen Jenseits-Raum ein Wiedersehen zu feiern, erfuhr schnellstmögliche Realisierung: Der Dichter verstarb mit nur 28 Jahren. Wer kann ernsthaft einen strukturellen Unterschied im virtuellen Begehren von Novalis und Herrn Takashita ausmachen? Oder eine Differenz zwischen der postum mythologisierten Sophie von Kühn und Mikuru Asahina? Das Stichwort „Religion“ führt aber noch weiter: Wird nicht jede Nonne beim Eintritt ins Kloster zu einer „Braut Christi“? „Heiratet“ nicht jede von ihnen bei der Initiation einen virtuellen Gottessohn, der nur wenig mit dem historischen Jesus zu tun hat – einem Mann, der seit ca. 2.000 Jahren tot ist? Wen diese Vergleiche befremden, der sollte (sich) nach dem Warum seiner Abwehr fragen. Liegt es etwa daran, daß diese alten menschlichen Strukturen sich heutzutage in einer neuen Form, einem neuen Medium artikulieren? Die Sehnsucht nach dem „Anderen“, „Unmöglichen“, „Grenzüberschreitenden“ wirkt nur in vergangenen Formen akzeptabel, in zeitgenössischem Gewand dagegen bizarr bis komisch. Wie sehr das Internet befähigt ist, religiöse Gefühle „aufzunehmen“, zu kanalisieren, beweisen nicht zuletzt die „virtuellen Altäre“: Netzseiten mit dem Bildnis der Gottheit, auf denen man mittels Mouse-Klick eine virtuelle Kerze anzünden und ein Gebet, eine Bitte einschreiben kann. Auch da dient das Internet der Kontaktaufnahme zu einer virtuellen Persönlichkeit, bietet den Platz zur Begegnung, auch da verläßt der Betende seine 3-D-Welt, um in die virtuelle Sphäre des Heiligen einzutauchen (z.B. auf https://www.angelnet.com/altar2.html). Für den US-Physiker Frank J. Tipler ist dieses Eintauchen sogar ein eschatologisches Heilsversprechen. In seinem Bestseller „The Physics of Immortality“ (Physik der Unsterblichkeit. Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten, 1994) erklärt er, der Mensch bestehe ausschließlich aus kybernetischem Informationsaustausch. Jeder Leib/Seele-Dualismus wird zurückgewiesen. Folglich führe eine Rekonstruktion dieser Informationsstrukturen auf digitaler Grundlage zu einer Computer-Auferstehung von Verstorbenen. Denn wo der Informationsaustausch stattfinde, ob auf biochemischer Grundlage (Kohlenstoffmoleküle) oder auf der Festplatte, sei letztlich gleichgültig. Zur Realisierung könne das Auferstehungsprogramm am Ende des Universums gelangen, wenn letzteres sich wieder zum „Omegapunkt“ zusammenziehe. Bei Tipler ist die zweidimensionale Welt die Sphäre künftiger Rettung vor der Endlichkeit des dreidimensionalen Raums. Takashita würde jubeln. In einer materialistischen Kultur, die vom 3-D-Diesseits alles verlangt, deren geschäftstüchtige Mitglieder sich höchstens ab und an einen Esoterik-Workshop am Wochenende gönnen – in dieser Gesellschaft erinnert Taichi Takashita in höchst eigenwilliger Weise daran, daß der Mensch ein Wesen ist, das seine Gedanken und Emotionen über den 3-D-Alltag hinausprojizieren kann – und das nicht nur im unverbindlichen Kulturkonsum. Jedes Bild von Mikuru Asahina wird er als Ikone erleben, jeden Text über sie als heilige Schrift. Die Minnesänger des Mittelalters, die Musendichter, die Anbeter von Schutzengeln, sie alle sind seine Brüder im Geiste. Die „Kunstreligion“ des 19. Jahrhundert, hier ist sie selten nah an ihrer Realisierung. Technik und Ästhetik ändern sich, die Psychostrukturen des Menschen bleiben dagegen weitgehend gleich. Der Einwand, Takashitas Objekt der Begierde sei „trivial“, muß als reines Geschmacksurteil zurückgewiesen werden. Dennoch sollte er nicht den Fehler begehen, die von ihm gewünschte „mystische“ Hochzeit per Gesetz legalisieren zu wollen. So würde auch keine „Braut Christi“ auf gesetzliche Anerkennung ihrer spirituellen Verbindung pochen. Warum? Weil das Virtuell-Unmögliche sich dem Zugriff des Gesetzes schon immer entzogen hat. Mikuru Asahina: Weil es ihm technisch noch nicht möglich ist, in die virtuelle 2-D-Welt einzuziehen, soll Taichi Taka­shitas Manga-Schwarm ihn durch Heirat vor der Endlichkeit des dreidimensionalen Raums retten

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