Auf Safari

Vor fünf Jahren gelang der 1972 in Thüringen geborenen Regisseurin Franziska Tenner ein Achtungserfolg mit dem Dokumentarfilm „No Exit“, für den sie ein Jahr lang eine Gruppe junger Neonazis in Frankfurt/Oder begleitet hat. Irritierend war dabei für so manchen Rezensenten, daß Tenner die von den Medien in der Regel als Pariahs Behandelten eher unter menschlichem als politischem Aspekt betrachtete.

Im Jahr der Fußballweltmeisterschaft 2006 versuchte Tenner, ein verwandtes Milieu zu ergründen: die Szene der gewalttätigen, von der Polizei als „Kategorie C“ eingestuften Fußballfans. Eine Welt, der die schöngeistige Filmemacherin, die laut Auskunft ihrer Netzseite „Lilien liebt“, denkbar fernsteht. Dementsprechend klingt der von Tenner selbst gesprochene Kommentar auch ein wenig betulich: „Ich fahre nach Leipzig. Hier begebe ich mich auf die Suche nach der Gewalt im Fußball, nach den Männern, die sie lieben.“ Zur Mitarbeit konnte sie zwei Fans des FC Sachsen (auch Chemie Leipzig genannt) gewinnen: einen Hooligan der alten Schule und einen jungen, etwas verklemmt wirkenden „Ultra“.

Diesmal stieß Tenner trotz vieler interessanter Einblicke schnell an die Grenzen ihrer bemühten Einfühlsamkeit. Zu groß war die Diskrepanz zwischen der handfesten, proletarischen Lebenswelt der Befragten und der intellektuellen Herangehensweise der Autorin, die später zugab, daß sie an die „richtig harten Kerle“ gar nicht herangekommen sei. Auch an aktuellen Kämpfen durfte Tenner nicht teilnehmen und mußte auf altes, von den Hools selber gedrehtes Videomaterial zurückgreifen. Zuweilen näherte sich das Team den Raubtieren aus dem Wilden Osten mit versteckter Kamera, in gebührender Distanz aus dem fahrenden Wagen heraus wie auf einer Safari.

In einer Schlußsequenz versucht Tenner schließlich mit Hilfe von Beethovens Neunter, die Bilder in vertrautes Terrain (Kubricks „Uhrwerk Orange“) zu überführen. Die Fragen, ob Männer Gewalt brauchen oder ob Fußball Kriege ersetzt, beantworten manche eindrucksvollen Szenen des Films allerdings quasi von selbst. Hier wird der Kampf um des Kampfes willen gesucht, um eine archaische Selbstbestätigung zu erfahren und für kurze Zeit der Tretmühle des Alltags zu entfliehen. Obwohl „Kategorie C“ insgesamt etwas harmlos geraten ist, hat der Film im Herbst 2008 für volle Kinosäle gesorgt und vereinzelte Hooligan-Aufmärsche in Berlin und Leipzig angezogen.

DVD: Kategorie C – Deutsche Hooligans, Epix, Berlin 2009. Laufzeit etwa 85 Minuten

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