Langen Müller Sarrazin Wir schaffen das

 

Auf der Suche nach Wahrheit

Nach 1945 mußten sich diejenigen Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller, die nicht emigriert waren, für ihr Bleiben rechtfertigen. Das galt natürlich vor allem für solche, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden. Diese Ablehnung wurde durch die Tatsache des Bleibens fragwürdig. Das betraf Ernst Jünger ebenso wie Erich Kästner, deren Gründe, nicht zu emigrieren, so unterschiedlich waren wie sie selbst: Bei Jünger war es die Liebe zu Deutschland, Kästner blieb seiner Mutter zuliebe. Bei den Wissenschaftlern verhält es sich nicht anders. Hier ist Karl Jaspers sicher der bekannteste Fall eines moralisch integeren Menschen, der blieb. Daß die Frage des Bleibens ungeeignet ist, einen Menschen zu beurteilen, weil sie seine konkrete Situation völlig außer acht läßt, zeigt auch der weitgehend unbekannte Fall Heinrich Lützeler, den der Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll untersucht hat. Auch hier geht es um Rehabilitation, so schwer verständlich das sein mag, wenn man die Lebensgeschichte Lützelers kennt. Kroll hat sein Hauptaugenmerk auf die Zeit zwischen 1933 und 1945 gelegt, geht aber auch darüber hinaus, da die Einstellung Lützelers zum Nationalsozialismus ohne seine Vorgeschichte nicht verständlich ist. Zu den Konstanten seines Lebens zählt sicher der katholische Glaube, der Lützeler, 1902 in Bonn geboren, durch das Elternhaus vermittelt wurde. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn und Köln. Dort schloß er sich dem schon damals berühmten Philosophen Max Scheler an, der als Jude zum Katholizismus konvertiert war und Anfang der zwanziger Jahre als einer der bedeutendsten katholischen Philosophen galt. Lützelers Doktorarbeit adelte Scheler durch ein Vorwort. Daß die Arbeit einiges Aufsehen erregte, ist auf Lützelers Gabe zurückzuführen, seinem Gegenstand, der Kunsterkenntnis, neue Aspekte abzugewinnen. Nach diesem hoffnungsvollen Start mußte Lützeler seinen Lebensunterhalt journalistisch verdienen, konnte dennoch 1930 seine Habilitation (über Grundstile der Kunst) einreichen und wurde Privatdozent. In dieser Zeit begann er Stellung gegen die rassekundlich geprägte NS-Kunstauffassung zu beziehen. Dafür wurde der kleinwüchsige Lützeler von NS-Anhängern zunächst verhöhnt und später entlassen. Was heutige Leser verwirrt, ist, daß Lützeler in der Analyse der Verfallserscheinungen seiner Zeit mit dem NS in vielen Punkten übereinstimmt und daß die Sprache, die beide verwenden, für unsere Ohren einen ähnlichen Klang hat, auch wenn sie anderes meinen. Wenn sich Lützeler im Anschluß an Scheler und George 1931 zum Prinzip von „Führertum und Gefolgschaft“ bekennt, ist damit ein neues Ethos der Verbundenheit in „Liebe und Erfurcht“ gemeint und kein totalitärer Führerstaat. Daß es da keinen Interpretationsspielraum gibt, verdeutlicht Lützelers Haltung nach 1933, als er sich der NS-Gleichschaltung der Hochschulen verweigerte. Er blieb seinen wissenschaftlichen Prämissen treu, sah im Christentum und den Schöpfungen anderer Völker Voraussetzungen deutscher Kunst vor dem Hintergrund des Abendlands als übergeordneter Einheit. Seit 1936 durfte er nicht mehr im Rundfunk mitarbeiten, seit 1942 überhaupt nicht mehr publizieren. Bereits 1940 hatte ihm die Universität die Lehrbefugnis entzogen. Daß er dennoch nicht allein stand, zeigt seine letzte Vorlesung, bei der der Saal bis auf den letzten Platz (und darüber hinaus) belegt war. Unter dem Titel „Vom Beruf des Hochschullehrers“ bekannte er sich zur Aufgabe der Wissenschaft: der Suche nach Wahrheit. Die Rede erlangte einige Berühmtheit, kursierte unter der Hand und erreichte sogar die Scholl-Gruppe. Lützeler, der von Verschleppung bedroht war, konnte überleben, weil das katholische Milieu stark genug war, um eine Existenzgrundlage jenseits des Regimes zu bieten und seine Bücher weiter zu drucken. Dieses Milieu sollte sich auch nach 1945 bewähren, als Lützeler trotz seiner wissenschaftlichen Leistungen der Fürsprache Adenauer bedurfte, um Ordinarius in Bonn zu werden. Seinen Kollegen war er teilweise weiterhin suspekt, was vor allem an den vielen Forschungsgebieten lag, auf denen Lützeler Leistungen vorweisen konnte. In bezug auf sein Bleiben in Deutschland hat Lützeler in der Rückschau neben den Anpassungsleistungen, die auch zu erbringen waren, vor allem die Rettung „menschlicher Substanz“ hervorgehoben: „Wir standen nach dem Zusammenbruch nicht geistig arm da, weder in der Politik noch in der Wissenschaft.“ Ein stolzer Satz, der, im Jahre 1967 gesprochen, mißtrauisch machte, weil er differenzieren konnte. Genau das mangelnde Differenzierungsbewußtsein bewog Lützeler, zwischen den Ereignissen von 1933 und 1968 Parallelen zu ziehen: Eine Minderheit terrorisiert die Mehrheit, und „der Mob“ kommt hoch. Mit dieser Erkenntnis stand Lützeler auch 1968 wieder recht einsam da. Daß er das ein zweites Mal auf sich genommen hat, macht sein Leben beispielhaft. Frank-Lothar Kroll: Intellektueller Widerstand im Dritten Reich. Heinrich Lützeler und der Nationalsozialismus; Band 51 aus „Wissenschaftliche Abhandlungen und Reden zur Philosophie, Politik und Geistesgeschichte“. Duncker & Humblot, Berlin 2008, broschiert, 141 Seiten, 16,80 Euro

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