Von der Wahrheit zur Wahrscheinlichkeit

Er war vielleicht der bescheidenste Gelehrte, der je gelebt hat. Seine Sprache war schlicht, klar, einzig der Sache hingegeben. Über die (gewaltigen) Entdeckungen, die er machte, sprach er im Stil von Angelegenheiten, die sich „eigentlich“ von selbst verstehen, die gewissermaßen auf der Straße liegen und nur aufgehoben werden müssen.

Gern überließ er anderen den Ruhm, denn die Wissenschaft der theoretischen Physik, der er sein Leben geweiht hatte, galt ihm nie als Ruhmestempel zu Ehren einzelner, immer nur als gemeinsames Epochen-Bauwerk eingestimmter Geister, die aufeinander angewiesen sind und sich gegenseitig befruchten.

Im Grunde war Max Karl Ernst Ludwig  Planck, Sprößling einer alten Gelehrtenfamilie aus Kiel (1858–1947), dessen hundertfünfzigster Geburtstag kommende Woche, am 23. April, gefeiert wird, eine tragische Gestalt von antikischem Ausmaß. Einer seiner Söhne fiel im Ersten Weltkrieg vor Verdun, der zweite wurde 1945 als Angehöriger des Widerstands vom 20. Juli hingerichtet.

Es gibt keinen „objektiven“ Blick auf die Natur

Seine beiden Töchter starben jung im Kindsbett. Die großen Wissenschaftsorganisationen, die er lange Jahre geleitet, beflügelt und ingeniös zusammengehalten hatte, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die Preußische Akademie der Wissenschaften, die Deutsche Physikalische Gesellschaft, sie stürzten am Ende des Zweiten Weltkriegs wie alles um sie her brennend in Trümmer.

Und ausgerechnet die Entdeckungen, für die Max Planck in die Geistesgeschichte eingegangen ist, bereiteten ihm persönlich den allergrößten Kummer,  ja  brachten ihn in „Verzweiflung“, wie er selbst einmal schrieb. Er war ausgezogen, das Gebäude der klassischen Physik zu vollenden, ihm gleichsam den Eckstein einzusetzen – und was er schuf, war genau das Gegenteil davon: Planck brachte das Gebäude der klassischen Physik zum Einsturz und mit ihm den Begriff der naturwissenschaftlichen Wahrheit insgesamt. Es gab nun, als Resultat Planckscher Forschungen, keine absolute Wahrheit mehr, nur noch Wahrscheinlichkeit.

Der physiktheoretische Weg von der (eingebildeten, vorab postulierten) Wahrheit zur bloßen Wahrscheinlichkeit ist oft beschrieben worden und wird faktisch heute noch im Schulunterricht Tag für Tag beschrieben; es ist die Wissenschaftserzählung des zwanzigsten Jahrhunderts schlechthin. Ihr Stichwort heißt „Quantentheorie“, und an ihrem Anfang steht das Werk von Max Planck.

Eine wahre Flut von Folgeforschungen

Dessen Entdeckung aus dem Jahre 1900, wonach man die Energiedichte der Lichtstrahlen von schwarzen Körpern nur dann berechnen kann, wenn man annimmt, daß alle Lichtenergie einzig in ganzzahligen Vielfachen zweier zu multiplizierender Konstanten, der Lichtfrequenz v und der Größe h (Plancksches Wirkungsquantum), angegeben werden kann, löste alles aus.

Nach Bekanntwerden der Planckschen „Strahlenquantelung“ setzte eine wahre Flut von Folgeforschungen ein. Albert Einstein zeigte in einem schneidend erhellenden Aufsatz über den Photoeffekt, daß das Plancksche Strahlungsgesetz direkt auf die Struktur des  Lichts anwendbar war. Niels Bohr entwarf aufgrund der Planckschen Einsichten sein berühmtes Atommodell.

Louis de Broglie und Erwin Schrödinger machten plausibel, daß Welle und Plancksches Wirkungsquantum (Korpuskel) letztlich nur zwei Seiten ein und desselben Elementarphänomens seien. Das Ganze mündete in Werner Heisenbergs Unschärferelation, die der Wahrscheinlichkeitsperspektive endgültig zum Sieg verhalf.

Die Natur entzieht sich  der genauen Festlegung

Plancks Wirkungsquantum, erkannte Heisenberg, setzte die Existenz eines „Teilchens ohne Eigenschaften“ voraus. Nicht einmal geometrische Eigenschaften, Raumfüllung, Ort und Bewegung, konnten ihm zugesprochen werden. Heisenberg bewies, daß der Grad der Anwendbarkeit geometrischer Begriffe auf atomare und subatomare Teilchen prinzipiell abhängig ist von den Experimenten, die wir an ihnen vornehmen.

Zwar lassen sich Experimente ausführen, die uns erlauben, den Ort eines Teilchens mit großer Genauigkeit festzustellen, aber bei dieser Messung muß das Teilchen einer so starken äußeren Einwirkung ausgesetzt werden, daß eine große Unbestimmtheit seiner Geschwindigkeit die Folge ist. Die Natur entzieht sich also der genauen Festlegung durch unsere mathematischen Messungen.

Die menschliche Beobachtung ist in jedem Falle eine „Störung“ der beobachteten Phänomene, das heißt, es gibt nicht jenen „objektiven“ Blick auf die Natur, der das Ideal jeglicher Wissenschaft seit Anbeginn war – und der in Planck (und in Einstein) gleichsam seine letzte Verkörperung fand.
„Gott würfelt nicht“, wandte Einstein gegen die neue Sichtweise ein.

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Nimbus der Liberalität und Forschungsfreiheit

Planck schwieg zunächst, hoffte auf neue, korrigierende Experimente. Doch es gab keine, im Gegenteil, mit Heisenbergs Theorien ließen sich alle Experimente widerspruchsfrei erklären. Schnell entwickelte sich eine „Quantenmechanik“, die sämtliche Phänomene konsequent „quantelte“ und der es nicht die geringste Pein bereitete, daß alle atomaren „Gesetze“ lediglich statistische Bedeutung hatten und man für einen Vorgang keine „allgemeingültigen“ Aussagen machen konnte, nur noch „makrologische“, aus der banalen Sphäre technischer Nützlichkeit stammende. Max Planck seinerseits hat sich nie mit dieser Konstellation abfinden können, hat unendlich darunter gelitten.

Indes, dies bedeutete beileibe nicht, daß er den außerordentlichen Einfluß, den er seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auf den Lauf der physikalischen Forschung in Deutschland und in der Welt ausübte, je dazu genutzt hätte, seiner eigenen Meinung privilegierten Widerhall zu verschaffen oder gar neu hervortretende junge Theoretiker zu behindern.

Ganz im Gegenteil, unter seiner Präsidentschaft bzw. seinem Sekretariat entfaltete sich in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und in der Preußischen Akademie zu Berlin ein schier sagenhafter Nimbus der Liberalität und der gediegensten Forschungsfreiheit. Nie hat es dergleichen je wieder gegeben.
Das vielgerühmte „goldene Zeitalter der deutschen Physik“ war Max Plancks Werk.

Eindrucksvolle Zeugnisse geistiger Unabhängigkeit

Die Sitzungen der Physikalischen Gesellschaft in Berlin unter seiner Leitung waren Sternstunden der Wissenschaft. Planck war es, der Albert Einstein, Max von Laue, Lise Meitner, Otto Hahn und manches andere Genie nach Berlin holte. Sein Organisationstalent und seine Fähigkeit, bei Regierungsstellen  Forschungsgelder locker zu machen und sie effektiv einzusetzen, waren phänomenal, entsprachen voll seinen mathematischen Fähigkeiten und wohl auch seiner gerühmten und bewunderten musikalischen Begabung.

Das Verhältnis zwischen Max Planck und den wechselnden Machthabern in Berlin verdiente eine ausführliche Würdigung. Seine Beziehungen zu dem legendären langjährigen preußischen Wissenschaftsminister Friedrich Althoff waren von allerbestem Karat und könnten heute vielen Beteiligten auf beiden Seiten als einschlägiges Vorbild dienen. Bei Antritt des Dritten Reiches 1933 war Planck fünfundsiebzig Jahre alt und hätte sich aufs Altenteil zurückziehen können.

Doch er blieb Präsident der Gesellschaft (bis 1937) und Sekretär der Akademie (bis 1938), und seine Reden, Eingaben und Publikationen aus dieser Zeit sind höchst eindrucksvolle Zeugnisse humaner Gesinnung und geistiger Unabhängigkeit.

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Die Nationalsozialisten verachteten die theoretische Physik

Die Nationalsozialisten verachteten die theoretische Physik und brachten nach Machtantritt sogenannte „Praktiker“ gegen den „Berliner Planck-Zirkus“ (so NS-Wissenschaftsminister Bernhard Rust) in Stellung: Johannes Stark, Philipp Lenard, Nobelpreisträger auch sie wie Planck, Einstein oder Heisenberg, doch  zeternde Zeloten und stramme Parteigänger, die das menschliche Klima in der Forschergemeinschaft systematisch vergifteten und auch ungeniert gegen Planck hetzten.

Doch dieser ließ sich nicht beirren und trat weiterhin, soweit er dazu die Möglichkeit hatte, für aus „Rassegründen“ diskriminierte Kollegen ein.
Unvergeßlich seine öffentliche Erklärung zum Ausschluß Einsteins aus der Preußischen Akademie: „Herr Einstein ist ein Physiker, durch dessen in unserer Akademie veröffentlichte Arbeiten die physikalische Erkenntnis in unserem Jahrhundert eine Vertiefung erfahren hat, deren Bedeutung nur an den Leistungen Keplers und Newtons gemessen werden kann.

Es liegt mir vor allem deshalb daran, dies auszusprechen, damit nicht die Nachwelt einmal auf den Gedanken kommt, daß die akademischen Fachkollegen Herrn Einsteins nicht imstande gewesen wären, seine Bedeutung für die Wissenschaft voll zu begreifen.“

In dieser Erklärung zeigt sich der ganze Planck, seine Bescheidenheit, sein Mut, seine gelehrte Grandezza, die unermüdliche Sorge darum, den Schild der deutschen Wissenschaft rein zu halten und die Erinnerung und Kontinuität des erkennenden Geistes durch die Zeiten zu bewahren. Auch wenn es Zeiten der Brüche und der Quantelung sind.

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