Topographie der Seinsvergessenheit

Die Korrespondenz zwischen Martin Heidegger und Ernst Jünger beginnt mit einem Paukenschlag. Seinem ersten Brief an den Philosophen, im Juni 1949, fügt Jünger ein Schreiben an den Verleger Ernst Klett bei. Darin attackiert er den jüdischen Pazifisten und Anarchisten Kurt Hiller: „Ich halte Hiller für einen der Hauptschuldigen an den Judenpogromen, er war es, der durch jahrzehntelange Beschmutzung alles Deutschen dem Stürmer das Material lieferte. Hiller und Streicher, das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille …“ Starker Tobak. Allerdings nur vom Standpunkt einer forcierten, geschäftsmäßig betriebenen, moralisch reduzierten Vergangenheitsbewältigung, die seit dreißig Jahren die öffentliche Meinung beherrscht. Im ersten Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hingegen war nicht nur Jünger noch bewußt, daß sich Kritik an Juden nicht ausschließlich aus „Vorurteilen“ speisen müsse. Kein Kopfkino lief dabei ab, sondern konkrete, existentielle politische und ökonomische Interessen gebaren Feindschaft. Bezeichnenderweise fehlt zu dieser Briefpassage, in der die Weltbürgerkriegskonstellation der Weimarer Republik nachklingt, eine aufklärende Anmerkung. Der Heidegger-Experte Günter Figal, der die Edition des Briefwechsels verantwortet, notiert lediglich die Lebensdaten Hillers. Kein Wort über die vor 1933, in Jüngers „Kampfzeit“ als politischer Publizist zurückweisenden Ursprünge dieses harschen Urteils, keine Erläuterung dazu, welchen aktuellen Anlaß es dafür 1949 gegeben haben könnte. Hier zeigt sich bereits — milder ist es nicht zu formulieren — das ganze Elend von Figals dilettantischer Kommentierung. Was nicht damit zu entschuldigen ist, sich, wie er in seiner großspurig „Nachwort“ überschriebenen Notiz zu den Editionsgrundsätzen einwirft, „auf Wesentliches beschränkt“ zu haben. Sind biographische Daten, die jeder bei Wikipedia nachschauen kann, „Wesentliches“? Wohl kaum, dafür aber die Hintergründe der Polemik Robert Minders, eines französisch-jüdischen Germanisten, gegen Heideggers Hölderlin-Deutung. Der Leser erfährt nur, daß sie 1966 in der Zeitschrift Preuves erschienen ist. Wer den Jahrgang nachlässigerweise nicht archiviert hat, schaut dumm aus der Wäsche. Ebenso, wer Die Welt vom 15. Februar 1959 gerade mal nicht zur Hand hat, wo Gehässiges über die Vortragsreihe „Die Sprache“ der Münchner Akademie der Schönen Künste und über Heideggers „Der Weg zur Sprache“ zu lesen ist. Was und von wem? Figal verrät es nicht. Worauf bezieht sich Jüngers Andeutung, Karl Jaspers’ Diktum, Heine und nicht Schopenhauer sei der geistige Repräsentant des 19. Jahrhunderts — von Figal auch nicht eruiert —, markiere einen der „Tiefpunkte der deutschen Philosophie“ und erinnere ihn an die ähnlich niveaulose, an Spengler gerichtete Frage, ob der denn nicht Zeitung lese? Über den von Figal unterschlagenen Kontext unterrichten Jüngers „Strahlungen“ (1949) — ein Eintrag im Oktober 1942. Wenn Figal auch den bisherigen „Tiefpunkt“ der Heidegger-Edition, den Peter Trawny im Rahmen der Werkausgabe mit seinem Gestottere zu den gesammelten Jünger-Reflexionen des Denkers setzte (JF 11/05), nicht erreicht: Solche Anmerkungen bleiben ein Ärgernis. Leider nicht das einzige. Denn der Verlag weckt mit seiner Werbung Erwartungen, die Korrespondenz „der beiden für das 20. Jahrhundert zentralen Figuren konservativ-revolutionären Denkens“ zu präsentieren. Diese werden leider bitter enttäuscht. Von den über 300 Seiten nimmt der Gedankenaustausch der „Zentralfiguren“ nur kümmerliche 80 ein. Aufgefüllt wird der Band deshalb mit zwei hinlänglich bekannten Publikationen, mit Jüngers Essay „Über die Linie“, einem Beitrag zur Heidegger-Festschrift „Anteile“ (1950), und der Gegengabe des Philosophen, „Über ‘Die Linie’“ (1955; separat: „Zur Seinsfrage“). Hinzu kommen die etymologisch-studienrätlichen Fingerübungen, die den Preußen Jünger zwischen zwei subtilen Jagden im oberschwäbischen Sprachraum beschäftigten („Federbälle“) und die vielleicht besser in einem Heimatkunde-Jahrbuch aufgehoben wären. Der Korrespondenz, die ihren Schwerpunkt zwischen 1949 und 1960 findet, haftet zudem wenig „Konservativ-Revolutionäres“ an. Schließlich waren die beiden älteren Herren bereits weit fortgeschritten auf ihrem Weg „von der Tat zur Gelassenheit“ (Daniel Morat). Wer nach zeitkritischen Bezügen lechzt, findet daher bei Heidegger nichts, während es bei Jünger immerhin ab und zu blitzt. Im Kern bieten die Episteln aber nicht mehr als „Materialien“ zur „Topographie und Topologie des Nihilismus“, woran sich die beiden in ihrem Gespräch „Über die Linie“ versuchen. Zwei Generationen später blickt man heute eher verwundert auf die Thematik. Schon der Heidegger und Jünger so wichtige Nietzsche dürfte um 1885 der letzte und keineswegs der erste gewesen sein, der Gott den Totenschein ausstellte. Wenn Jünger dann den „Niedergang der Werte“, vor allem den „Niedergang der christlichen Werte“ beklagt, „die metaphysische Beunruhigung der Massen“ registriert, der „glaubenslose Zustand“ ihn umtreibt und er altmodisch fixiert auf das „Ewig-Gültige“ starrt, dann spricht eine solche Diagnose der „Lage“ 1950 analytisch Selbstverständliches aus und wirkt normativ, im Ausblick auf „theologische Setzungen“, eher anachronistisch. Heidegger sieht Jüngers Stärke folglich mehr in der Beschreibung der sinn-„entleerten“ technisch-industriellen Moderne, und kreidet ihm so freundschaftlich wie bestimmt an, es sich mit der Therapie zu einfach zu machen. Wenn er seinerseits partout auf „Überwindung“ des Nihilismus drängt, mit dem sich die konsumierenden und funktionierenden „Massen“, nicht leidend, nicht die Spur erlösungsbedürftig, prima arrangiert haben, dann investiert er zwar nicht vorschnell Hoffnungen in Ladenhüter abendländisch-christlicher Metaphysik wie der spät zum Katholizismus konvertierte Jünger. Trotzdem will er natürlich gern die nihilistische Zone, den „Herrschaftsbereich der Seinsvergessenheit“, hinter sich bringen. Nur ist er als Therapeut weitaus skrupulöser und sich bewußt, daß die von ihm offerierte „Sage des andenkenden Denkens“, die „ursprüngliche Seinserfahrungen“ vermitteln soll, kurzerhand als „dunkles Raunen“ und „Mystik“ abgetan werden kann — was sich die Kritiker des „Denkers in dürftiger Zeit“ (Karl Löwith) auch nicht entgehen ließen. Damit ist der Leser mittendrin im Geschäft der Heidegger-Deutung, die am Text „Zur Seinsfrage“ arbeitet, dafür jedoch den brieflichen Plausch „von Haus zu Haus“ zweier „Meister aus Deutschland“ nicht wirklich benötigt. Günter Figal unter Mitarbeit von Simone Maier (Hrsg.): Ernst Jünger — Martin Heidegger. Briefwechsel 1949—1975. Verlag Klett-Cotta und Vittorio Klostermann, Stuttgart/Frankfurt am Main 2008, gebunden, 317 Seiten, Abbildungen, 29,50 Euro. Fotos: Ernst Jünger um 1948/49: Während des Briefwechsels weit fortgeschritten auf dem Weg „von der Tat zur Gelassenheit“; Martin Heidegger um 1950: Die nihilistische Zone hinter sich bringen, ohne der „abendländisch-christlichen Metaphysik“ zu verfallen

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