Pankraz, L. Balcerowicz und die Schadenmacher Mensch, Maus, Marke

Durch Schaden wird man nicht immer klug, manchmal wird man dadurch sogar dümmer. Gemäßigter formuliert: Man sieht, wenn man selbst immer wieder Schaden anrichtet, am Ende nur noch Schaden, hält die ganze Welt für einen einzigen Schadensfall und bastelt daraus hochtönende Theorien. Das entlastet ja auch ungemein. Wenn alles, was geschieht, nichts als Schaden ist, wird der notorische Schadenmacher ja fast so etwas wie ein erfolgreicher Funktionär Gottes. Er verdient dann keine Schelte, sondern „Boni“, wie es heute heißt.

Leszek Balcerowicz, der langjährige polnische Finanzminister der Nachwendezeit, war in seiner aktiven Warschauer Zeit ein großer Schadenmacher, vergleichbar etwa Boris Jelzin in Rußland. Er wollte sein Land mit einem Schlag aus dem Geist des Neo-Liberalismus kurieren und richtete dabei ein riesiges Chaos an. Am Ende seiner Amtszeit (2005), als seine Regierung abgewählt wurde, gab es fast 25 Prozent Arbeitslosigkeit und kaum soziale Sicherungssysteme. „L.B.“ entschwand umgehend nach Brüssel, wo er von Anfang an bewundert worden war und heute einen schönen Posten in der EU-Bürokratie innehat.

Vorige Woche von der Warschauer Zeitschrift Polityka über seine Regierungsjahre interviewt, räumte er Fehler freimütig ein, hatte aber eine tolle Rechtfertigung zur Hand. „Darin besteht eben das Wesen der Politik, man muß zwischen Fehlern wählen, muß entscheiden, welchen Fehler man am ehesten verhindern will.“ Dem Interviewer blieb offenbar schlicht das Wort im Halse stecken, er fragte jedenfalls nicht weiter, ließ die Sache auf sich beruhen. So mußte der Leser den Eindruck gewinnen, als habe Balcerowicz etwas völlig Selbstverständliches, geradezu Allgemeingültiges gesagt, über das sich alle einig sind.

Aber davon kann in Wirklichkeit keine Rede sein. Pankraz beispielsweise ist mit Balcerowicz überhaupt nicht einverstanden. Er findet, daß der Mann nicht nur falsch geredet, sondern daß er darüber hinaus, ruchloser- oder leichtfertigerweise, regelrecht falsche Fährten gelegt hat, hin zu hochberühmten, epochemachenden Instanzen und Figuren der Geistesgeschichte, die seine kesse Meinung nie und nimmer stützen.

Gemeint ist in erster Linie die ehrwürdige, von Cusanus und Leibniz bis zu Karl Raimund Popper reichende Falsifizierungstheorie, wonach der ideale Prozeß wissenschaftlicher Erkenntnis vorrangig aus „trial and error“ („Versuch und Irrtum“) besteht. Danach sind alle wissenschaftlichen Thesen lediglich Vermutungen, Wissensversuche, welche nur so lange gelten, bis sie durch neue Fakten und schärfere Schlußfolgerungen „falsifiziert“, also widerlegt werden.

Vermutungen und aus ihnen entspringende Versuchsanordnungen sind keine „Fehler“ und schon gar keine Schadensfälle. Sie können, wenn sie seriös, behutsam und verantwortungsvoll geführt werden, hohe Wahrscheinlichkeit für sich in Anspruch nehmen, und ihre „Widerlegung“ geschieht meistens in kleinen, gewissermaßen wohlwollenden Dimensionen, was mehr auf Verfeinerung statt auf völlige Verwerfung der „alten“ Behauptungen hinausläuft. Mit einer bloßen Auswahl zwischen Fehlern à la Balcerowicz hat das nicht das geringste zu tun.

Balcerowicz selber mag sich voller Stolz in der Tradition von Popper sehen, faktisch gehört er in eine ganz andere, nämlich in jene uralte, bis auf Platon zurückreichende „gnostische“ Linie, wonach die reale Welt nichts als ein Werk des Teufels sei, eines sogenannten „Demiurgen“ („Schöpfers“), der nur übelsten Pfusch abliefere, von oben bis unten mißraten, eine gigantische Ansammlung von Fehlern und Schadensfällen der schlimmsten Art. An sich könne man diese ganze „Schöpfung“ nur zerschlagen und durch eine neue ersetzen. Wer sich anders auf sie einlasse, sei nichts als ein Dummkopf.

Ist Leszek Balcerowicz, dieser hochgelehrte Finanzexperte. ein Dummkopf? Da sei Gott vor! Aber in der Politik, findet Pankraz, haben derlei Leute eigentlich nichts zu suchen. Sie gehören in Forschungsinstitute, und zwar in solche, wo nicht wirklich geforscht wird, keine Versuchanordnungen aufgestellt werden, sondern wo die „reine Theorie“ herrscht. In diesen heiligen Hallen mögen sie mathematische Formeln für die Entwicklung neuer „Finanzprodukte“ entwickeln und dafür Nobelpreise in Empfang nehmen. Nur, in die reale Politik, auch in die reale Finanzpolitik, sollte man sie nicht ohne weiteres hineinlassen.

Was bereits für die reale Forschung in wissenschaftlichen Instituten gilt: Behutsamkeit, Realitätssinn, soziale Verantwortung, das gilt natürlich noch viel schärfer für die Politik. Denn die Politik ist keine Wissenschaft, wo ungeniert „trial and error“ ausgeübt werden kann, und noch weniger ist sie ein Gelände, wo man kaltschnäuzig „Fehlerauswahl“ trainiert. Die „Fehler“, mit denen man es hier zu tun hat, sind lebendige Menschen und konkrete Lebensverhältnisse, die immer nur teilweise kalkulierbar sind. „Politik ist in erster Linie Kunst“ (Otto von Bismarck).

Und um es zu bekräftigen: Auch Finanzpolitik ist letztlich ganz normale Politik, Realpolitik. Auch in ihr geht es nicht um die Widerlegung oder Nichtwiderlegung irgendwelcher Optimierungsformeln, sondern um höchst reale Menschenschicksale, deren Zusammenspiel sorgfältig austariert und in die Waage gebracht werden muß. Das Optimum läßt sich da nicht einfach in Geld abbilden, fast im Gegenteil: Das Optimum wäre erreicht, wenn so wenig wie möglich in Geld dokumentiert werden müßte.

Was aber den Schaden betrifft, der angeblich klug und in Wirklichkeit oft dumm macht, so hatte bereits Tristan (in dem Lied des Gottfried von Straßburg) das rechte Wort: „Wer keinen Schaden tragen kann, / Dem wachsen oft die Schäden an“. Prosaischer und umständlicher ausgedrückt: Schäden lassen sich gelegentlich nicht vermeiden. Man muß lernen, mit ihnen umzugehen. Dazu gehört auch, Experten zu mißtrauen, die die ganze Welt für einen Schaden halten.

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