Pankraz, Jung-Siegfried und die tödlichen Tarnkappen

Angeblich steht nun wieder einmal "ein alter Menschheitstraum" vor der baldigen Erfüllung. "Tarnkappe in Sichtweite", titelte das Handelsblatt, ohne sich der Drolligkeit seiner Formulierung bewußt zu sein. Die beiden international führenden Wissenschaftszeitschriften, Nature und Science, lieferten sich einen verbissenen Wettstreit darum, wer die Meldung als erster unter die Leute bringen dürfe. Am Ende kamen sie gleichzeitig damit heraus.

Es geht also um die sagenhafte Tarnkappe, zu deren Konstruktion jetzt die ersten haltbaren Fundamente gelegt seien. Kalifornische Nanoforscher haben, den Nature/Science-Berichten zufolge, eine mehrschichtige, Fischernetz-ähnliche Struktur aus Silber und Magnesiumfluorid entwickelt, welche eine "negative Ausstrahlung" hat. Lichtstrahlen werden damit von dem beschichteten Objekt ferngehalten, das Objekt wird definitiv unsichtbar. Die Sensation scheint perfekt, die Medien bibbern geradezu vor Begeisterung.

Um was für ein Objekt es sich gehandelt hat, das da beschichtet und daraufhin unsichtbar wurde, erfährt man aus den Berichten nicht, nur soviel: Alles habe sich im Bereich der Mikrophysik abgespielt, wo bekanntlich ohnehin vieles unsichtbar ist und erst durch komplizierte Verfahren "nachgewiesen" werden muß. Hier ging es nun einmal nicht um das Sichtbarmachen, sondern um das Unsichtbarmachen. Das Objekt sei auf jeden Fall dreidimensional gewesen, heißt es, und auch der Mensch als potentieller Tarnkappenträger sei ja dreidimensional, hurra!

Bei Pankraz hält sich die Begeisterung in ziemlich engen Grenzen. Ihn stößt schon der finanzielle Hintergrund dieser Art Tarnkappenforschung ab. Ihr Aufwand ist teuer und riesengroß, aber das US-Militär, das für sie aufkommt (und aus deren Rüstungs-Laboratorien auch die neuesten Meldungen kommen), verfügt über unbegrenzte Mittel, und es nutzt diese Mittel, um immer mörderischere Angriffswaffen zu entwickeln, sogenannte Stealth-Bomber, die von der gegnerischen Abwehr nicht "gesehen", nicht oder viel zu spät geortet werden können.

Den Chinesen ist es, wie man vor einiger Zeit lesen konnte, gelungen, sich in den Besitz eines in Tschechien entwickelten "passiven Radarsystems" zu setzen, das die bisherige Tarnung der Stealth-Bomber komplett durchbrechen kann. Die nun bekanntgewordenen Tarnkappenforschungen, die soviel Euphorie auslösen, sind schlicht Teil einer amerikanischen Gegen-Gegenstrategie. Der dreidimensional wirksame "negative Lichtbrechungsindex" soll die Bomber rundum komplett unsichtbar machen, sowohl für natürliche wie für Radar-Augen. Die Kosten sind, wie gesagt, gigantisch, und niemand weiß, ob sie sich je lohnen werden.

Jedenfalls gilt: Nicht für Menschen, sondern für Bombenflugzeuge sind die erhofften Tarnkappen bestimmt. Niemand ist daran interessiert, solche Kappen speziell für einzelne Menschen zu entwickeln, warum auch? Für das Individuum lohnt sich die Tarnkappe einfach nicht, im modernen Medienzeitalter weniger denn je. Hier kommt es in neunundneunzig von hundert Fällen darauf an, "gesehen" statt nicht gesehen zu werden, aus der anonymen Masse herauszuragen, sich irgendwie bemerkbar zu machen.

Für das restliche eine Prozent genügen die bereits vorhandenen Verbergungsmöglichkeiten voll und ganz, ein Unsichtbarmachen ist nicht mehr nötig. Man kann heute beliebig abhören, über beliebige Strecken hinweg. Man kann, wenn man mächtig und/oder reich genug ist, jederzeit aus dem Verborgenen zuschlagen, kann erfolgreich das Unschuldslamm spielen, kann sich raffiniert umschminken oder sonstwie Mimikry spielen. Pankraz hat die zahllosen Methoden der Mimikry einst in seinem Buch "Maske und Mimesis" ausführlich beschrieben und analysiert. Das Sichunsichtbarmachen ist die harmloseste Form dieser Mimikry.

Mit dem "alten Menschheitstraum Tarnkappe" war es nie weit her. Es sind meistens Zwerge oder Kinder, die in den Märchen und Sagen der Vergangenheit Tarnkappen aufsetzen, Wesen also, die man ohnehin gern übersieht. Erst der alberne Harry Potter mit seinem "Zaubermantel" hat in unseren Tagen dauerhaften medialen Effekt erzielt. Ein richtiger Sehnsuchtstopos des Märchens, wie Siebenmeilenstiefel, Goldesel oder Tischlein-deck-dich, ist die Tarnkappe nie gewesen.

Was Siegfrieds berühmte Tarnkappe im Nibelungenlied betrifft, so streiten sich die Gelehrten, ob sie nicht auf einem Mißverständnis oder auf einer an sich unzulässigen Umdichtung des originalen Germanenmythos durch den mittelalterlichen Liedverfasser beruht. In der Edda, die dem Mythos wohl nähersteht, setzt sich Sigurd keine Kappe auf, sondern tauscht mit Gunnar die Gestalt, vertritt diesen regelrecht beim sportlichen Wettstreit und im Brautbett, das ist ja auch viel "logischer" als die Sache mit der Tarnkappe. Denn unsichtbar gemacht hat sich Siegfried durch die Tarnkappe im Bett von Brunhild keineswegs, eigentlich im Gegenteil.

Im Literaturbetrieb der verflossenen DDR gab es im Jahre 1978 den grotesken "Tarnkappenskandal". Im Eulenspiegelverlag kam das Buch "Die Tarnkappe" heraus, zu dem volle 35 Schriftsteller Beiträge geliefert hatten, und zwar über ihre Schwierigkeiten mit der sozialistischen Parteizensur. Sie schilderten mehr oder weniger tarnkappenhaft, was sie alles für Tarnkappen aufsetzen mußten, um ihre Bücher an der Zensur vorbeizubringen.

Die Partei schäumte vor Wut, das Buch mußte neu gedruckt werden, minus einiger Beiträge, deren Tarnkappe allzu schief gesessen hatte, etwa bei dem Stücklein von Joachim Seyppel. Ganz verbieten wollte man das Opus aber nicht, denn es kam heraus, daß einer der führenden Oberzensoren der DDR selbst einen Beitrag geliefert hatte, mit doppelter oder gar dreifacher Tarnkappe über den Ohren.

Merke: Im Grunde brauchen wir die Wissenschaft gar nicht, die politische Wirklichkeit unserer Tage liefert längst spektakulärste Tarnkappen genug.

Ahriman Verlag
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