Joachim Kuhs

 

Pankraz, Hugo Grotius und das gesunde Schollenfilet

Eßt Fisch, denn Fisch ist gesund!“ So lautet eine alte Ernährungsregel. Doch nicht alles, was gesund ist, ist auch umweltverträglich. Die Umweltorganisation Greenpeace hat jetzt eine Broschüre herausgebracht, in der mit eindringlichen Worten vor dem Verzehr von Fischen gewarnt wird, genauer: vor dem Verzehr von gewissen, an sich hoch im Kurs stehenden sogenannten Speisefischen. Lachsschnitten oder Schollenfilets, so liest man, seien das reine Gift für die Umwelt. Auch vor Schellfisch in Senfsoße oder Thunfisch aus der Dose wird gewarnt.

„Fisch — beliebt, aber bedroht“, heißt das Greenpeace-Büchlein, das sich ausdrücklich als „Ratgeber“ versteht, „Ratgeber für den Fischeinkauf“. Über vierzig Fischarten werden darin nach dem Grad ihrer Einkaufswürdigkeit tabellarisch aufgelistet. Ohne Bedenken kaufen und auf den Tisch bringen darf man Zander und Regenbogenforelle, während es schon bei den populären Heringen, (Öl-) Sardinen und (Anchovis-)Sardellen problematisch wird. Leidenschaftlich abgeraten wird, wie gesagt, von Lachsen, zumindest von „Atlantik-Lachsen“.

Es geht Greenpeace nicht um die Gesundheit der „Endverbraucher“, sondern um die Pflege ihres Umweltbewußtseins. Scholle, Kabeljau, Schellfisch, atlantischer Lachs — alle diese Arten seien zur Zeit total überfischt und am Rande des Aussterbens. Wer als Endverbraucher dennoch nicht auf sie verzichten wolle, mache sich mitschuldig am weltweiten Artensterben, an der Verarmung der Meere.

Rein theoretisch gesehen stimmt das natürlich. Der Gourmet am Mittagstisch bzw. die einkaufende Hausfrau stehen ja an der Spitze der berühmten „Nahrungskette“, von der Biologen so gerne erzählen. Wenn sie künftig auf Lachs und Scholle verzichten, so müßte, sollte man glauben, der Fang von Lachsen und Schollen  zurückgehen, vielleicht ganz aufhören. Die Nachfrage bestimmt  die Produktion, jedenfalls im Wirtschaftsseminar.

Der Endverbraucher, der sich hierzulande gern mit weinerlichem Unterton als armes Opfer darstellt, weil er angeblich dauernd übers Ohr gehauen wird, dem man alles mögliche andreht und der sich vor ungeprüften Beigaben oder vergammelten Restbeständen kaum noch retten kann — dieser Endverbraucher ist tatsächlich mächtiger, als er wahrhaben will, und das meiste von dem, was er beklagt, hat er selbst verschuldet. Es ist an sich hoch an der Zeit, ihn endlich in die volle Verantwortung zu nehmen und für seinen unreflektierten Egoismus bezahlen zu lassen.

Der Fisch-Ratgeber von Greenpeace wirkt in dieser Perspektive fast wie ein unzeitiges Friedensangebot. Aber im Grunde ist er nur ein Schlag ins Wasser, ein medialer Scherz ohne wirklichen Adressaten und ohne absehbare Folgen. Es ist ungefähr so wie beim Klimaschutz, wo der ehrbare hiesige Autofahrer „wegen CO2-Ausstoß-Vermeidung“ auf Bio-Brennstoff umschaltet, und zur gleichen Zeit verbrennt man in Indonesien oder Brasilien zwecks Gewinnung von Ackerflächen für Bio-Brennstoff riesige Tropenwälder und erzeugt damit einen bisher ungeahnten, schier aberwitzigen CO2-Ausstoß.

Zu glauben, die hiesige ehrbare Hausfrau könne die Ökologie der Weltmeere beeinflussen, indem sie beim Fischhändler keine Scholle mehr kauft, zeugt von kompletter Blauäugigkeit. Nicht einmal große, nationumgreifende Verabredungen von Handelsketten können hier etwas ausrichten. Schon lange gibt es in deutschen China-Restaurants keine originalen Haifischflossensuppen mehr, nur noch Imitationen mit Hühnerfleisch (die übrigens genauso schmecken), aber den Haien geholfen hat das nicht. Nach wie vor werden sie  abgeschlachtet und ausgerottet, und so auch die Lachse.

Was in den Weltmeeren an Artenvernichtung passiert, ist kein qualitatives Phänomen, sondern ein quantitatives, nämlich eine direkte Folge der absurden Menschenvermehrung und der damit einhergehenden Vervollkommnung menschlicher Technik. Immer mehr Hunger muß gestillt, auch immer mehr Wohlstandsbedürfnisse von großen Massen wollen bedient werden, und die modernen Fischereiflotten verfügen über das entsprechende Werkzeug dazu. Es sind riesige, mit schon dämonischer Raffinesse operierende Fangfabriken, denen nichts mehr entkommt, auch die kleinste Sardelle nicht. Eben das nennt man Artenvernichtung.

Keine mitteleuropäische einkaufende Hausfrau mit Greenpeace-Ratgeber in der Handtasche kann dem abhelfen. Gefragt sind vielmehr die Staaten selbst und ihre völkerrechtlichen Experten. Ein zweiter Staatsrechtler à la Hugo Grotius wäre nötig, der ein komplett modernisiertes, gewissermaßen ökologisches Seerecht ausarbeitet, mit energischen Fangverboten, die möglichst wenige Ausnahmen zulassen. Und um das neue Seerecht zu exekutieren, müßten hocheffiziente, mit allen Rechten und Waffen ausgestattete Kontrollflotten her.

Übrigens könnten die Ozeane auch über den biologischen Artenschutz hinaus ein erweitertes, dezidiert strenges Seerecht und effiziente Exekutionsorgane gut gebrauchen. Die leichtfertige, manchmal sogar absichtliche und geplante Verölung und Verklappung der Meere nimmt zu, wie auch die Seeräuberei. Vor allem aber hat ein verbissener Kampf der Küstenstaaten um die Verfügungsgewalt über die ihnen vorgelagerten Schelfs und Festlandsockel eingesetzt. Man  will deren Rohstoffe ausbeuten wie auch die Rohstoffe der „freien“ Weltmeertiefen. Zum notwendigen Artenschutz tritt der nicht minder nötige Schelf- und Meeresbodenschutz.

Wie wird sich das ozeanische Drama auf die Speisekarte der fischverliebten deutschen Endverbraucher auswirken? Bisher ist es eigentlich recht diszipliniert zugegangen. Suppenliebhaber haben sich widerstandslos mit der unechten Haifischflossensuppe abgefunden, so wie sie sich seinerzeit mit der Mockturtlesuppe (unechte Schildkrötensuppe) abfanden. Wahrscheinlich werden sie demnächst auch willig Forelle nehmen, obwohl sie lieber Scholle gehabt hätten. Einen Ratgeber extra brauchen sie gar nicht.

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