Pankraz, der Sender Arte und die Pracht der Farben

Die Anfang dieser Woche von dem Kultursender Arte dargebotene dreiteilige Serie „Die Welt der Farben“ von Olivier Lassy war sehr interessant, wenn auch ein bißchen unheimlich. Die Welt der Farben, erfuhr da der Zuschauer, gibt es als solche gar nicht, sie entsteht erst, indem wir sie ansehen, sie ist eine Funktion unserer Netzhaut. Wie die Welt „wirklich aussieht“, wissen wir nicht, ja schlimmer noch: Wir müssen uns klarmachen, daß die Welt überhaupt nicht irgendwie „aussieht“. Sie kümmert sich gewissermaßen nicht um ihr Aussehen, es ist ihr vollkommen gleichgültig.

All die feenhafte Pracht der Farben, die soviel Gemütsbewegung in uns auslöst und uns die Welt doch eigentlich erst zur Heimat macht, existiert nur in unserem Inneren und als Verabredung der Menschen untereinander. Der Gesichtssinn, zu dem der Farbsinn gehört, ist der weitaus fragilste und täuschungshaltigste jener fünf Sinne, die wir nachgewiesenermaßen haben, an Verläßlichkeit nicht nur dem biederen Tastsinn unterlegen, sondern auch dem Gehörsinn, dem Geruchssinn, sogar dem Geschmackssinn. Und dabei ist er doch der wichtigste, auf dem die allermeisten unserer Kulturpraktiken aufbauen!

Während unsere nächsten Verwandten im Reich des Lebendigen, die höheren Säugetiere, in erster Linie dem Geruchs- und dem Gehörsinn vertrauen, setzen wir vor allem auf den Gesichtssinn, speziell auf den Farbsinn. Die Unterscheidung etwa zwischen Rot und Grün regelt nicht nur den Straßenverkehr, sondern auch — wie in dem Arte-Film sehr schön gezeigt — unseren Gefühlshaushalt. Rot steht für Aufbruch, Begeisterung, Kampfesmut, Grün für Hoffnung, Gelassenheit, Welteinwohnung. Natürlich haben auch Blau, Orange oder Gelb ihren Einfluß, nicht zu vergessen die beiden „Nichtfarben“ weiß und schwarz.

Sämtliche Farben „bedeuten“ etwas, regulieren etwas, greifen gar in unser Schicksal ein. Und dabei sind sie so ungewiß und so verletztlich! Eine einzige kleine Beschädigung der Netzhaut, und wir werden farbenblind, verwechseln Rot mit Grün und Grün mit Rot oder sehen alles wie hinter einem Grauschleier, der die Farben verblassen läßt. Wenn die Nacht kommt, versinkt sowieso alles in Dunkelheit und Unbestimmtheit, denn wir haben keine „Nachtaugen“ wie  Eulen oder Katzen und mußten uns vor Erfindung der künstlichen Beleuchtung nächtlicherweile voll auf die anderen Sinne verlassen.

Trotzdem ist und bleibt uns der Gesichts- und speziell der Farbsinn der vornehmste und teuerste. Gestalt und Farbe vereinigen sich in ihm zum Bild, und Pankraz übertreibt wohl nicht, wenn er behauptet, daß Menschwerdung nur in Ansehung von Bildern geschehen konnte. Zum Gestalt- und Farbsinn trat da der ästhetische Sinn, der Schönheitssinn. Die vielen Verhältnisse von Symmetrie und Harmonie, von Zusammenspiel und Sinnhaltigkeit, die die Natur enthält und die ganz spontan die Idee von Schönheit und Sittlichkeit hervorrufen, sind vor allem optische Verhältnisse, bei allem Respekt vor schönen Tönen und süßen Düften.

Das Häßliche und Ungehörige sind Abkömmlinge der Finsternis, das Schöne und das moralisch Hochwertige hingegen sind Kinder des Lichts — das war die generelle Auffassung sämtlicher alter Hochkulturen und auch sämtlicher „Naturvölker“. Es gab in der Geschichte der Menschheit überall von Haus aus einen Kult des Lichts, der sich in vielen Religionen und Weisheitslehren regelrecht mit dem Kult des höchsten Gottes verschwisterte. Religion und Kunst waren von Anfang an Lichtfeier, und das hieß selbstverständlich: Gestalt- und Farbfeier. Denn ohne Gestalten und Farben ließe sich Licht nicht von Finsternis unterscheiden.

Um so herber die allgemeine Kränkung seit Beginn der frühen Neuzeit, als die sich herausbildende Wissenschaft von der Physik ausgerechnet das Licht als „nichts weiter als“ einen korpuskularen Photonenstrom „entlarvte“ und die Farben als „nichts weiter als“ (Wortlaut der deutschen Industrienorm DIN 5033) „Teil eines Gesichtsfeldes eines Auges, das sich bei sonst identischer Strukturwahrnehmung von einem andern Teil unterscheidet“. Nicht nur jegliche Poesie von Licht und Farbe verblich unter solchen Definitionen, sondern die Vorstellung von Licht und Farbe insgesamt, ihre existentielle Wichtigkeit.

Für das unerhörte Ausmaß der Enttäuschung und für die an sich höchst verständliche Reaktion darauf steht bekanntlich die Goethesche „Farbenlehre“, der verbissene, unermüdliche, tragische, tragikomische Kampf unseres Weimarer Klassikers gegen Isaac Newton und dessen physikalische Theorie der Farben. Goethe wollte sich einfach nicht mit der bloßen Netzhaut-Existenz der Farben abfinden. Farben waren seiner Meinung nach unverrückbar „reale“, „objektive“ Mischungsverhältnisse aus Licht und Schatten in der „Trübe“, wie er sich ausdrückte. Keiner konnte ihn darin irremachen.

Es war für ihn unerträglich zu denken, daß es in Wahrheit nur farblose, weiße Korpuskeln geben sollte, für deren exakte wissenschaftliche Erkenntnis allein die Physiker mit ihren „willkürlich zerstückenden“ Experimenten, Messungen und Formeln zuständig sein sollten. Er traute dem bloßen Auge mehr als den wissenschaftlichen Geräten, und er dichtete: „Wär nicht das Auge sonnenhaft, / Die Sonne könnt es nie erblicken. / Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft, / Wie könnt uns Göttliches entzücken.“

Inzwischen haben die neuesten Forschungen Goethe in einem gleichsam höheren Sinne recht gegeben. Die Vorstellung von den „weißen, farblosen Korpuskeln“ löst bei den Teilchenphysikern nur noch Kopfschütteln aus; man spricht bei ihnen viel lieber, wenn man die Eigenschaften der „letzten“ Teilchen kennzeichnen will, von colours, also von Farben. Und die avancierte Quantenphysik lehrt, daß Meßinstrumente die Objektivität von Erkenntnisprozessen eher verdunkeln denn erhellen. Es gibt in Wahrheit gar keine simple Objektivität. Was es gibt, sind Sonnen und sonnenhafte Augen, und es sind unendlich viele Farben.

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