Maskeraden in Öl

Große Werkschauen mit nicht nur behauptetem, sondern tatsächlichem und anschaulichem Erkenntnisgewinn werden immer seltener, zum einen wegen der ungeheuerlichen Versicherungssummen, die aufgebracht werden müssen, andererseits aufgrund von Befürchtungen hinsichtlich des Erhaltungszustandes der Werke. Dafür gibt es zunehmend Konzeptausstellungen, bei denen meist aus dem Bestand einer Sammlung und Leihgaben aus der näheren Umgebung eine Behauptung anschaulich gemacht werden soll. Eine Behauptung trägt auch die Leipziger Ausstellung mit Gemälden von Lovis Corinth im Untertitel. Aber angesichts der Fülle des Sichtbaren wird diese ganz unwichtig. Es fehlt an nichts, um sich in der Corinthschen Malerei richtig zu verlaufen und vom Ungestüm der Pinselhiebe und den schwirrenden Farbwolken aufgesaugt zu werden. Was dieser Mann wollte und was er konnte, läßt sich fast vollständig bei dieser Gelegenheit gewahr werden, wie er sich an den Alten gerieben hat und die Zeitströmungen auf seine Mühlen zwang. So erinnern die etwas ordnungslosen und fahlen Bildgestaltungen, welche um die Jahrhundertwende nach biblischen Motiven entstanden, an damals nur kurz zurückliegende Bemühungen Fritz von Uhdes, die in die gleiche Richtung zielten. Aber wie bei anderen deutschen Malern, die nicht nur mit dem Material, sondern auch mit dem Sinn und Zweck der Malerei selbst rangen, entwickelt sich das Gegenläufige oft zeitgleich. So malte er 1890 das „Bildnis des Malers Benno Becker (Der Zeitungsleser)“. Ein unwillkürliches Stück Malerei, welches durch feine Farbigkeit und eine kühle Vornehmheit verwandten Porträts von Degas und Manet standhält. Die Kunstwissenschaftler sind den vermeintlichen Brüchen in der Biographie dankbar, die sich als Zäsuren zur Einteilung des Werkes anbieten, bei Corinth gekennzeichnet durch Heirat (1903), Schlaganfall (1911) und Reichsverfall (1918). Seine Malerei war in allen Abschnitten sehr vielgestaltig. In geringem zeitlichen Abstand entstehen Bilder mit farbigen Knalleffekten, zum Beispiel „Ariadne auf Naxos“ (1913), wo das Gespann des Bacchus in greller Pracht landet, und das „Portrait des Bildhauers Nikolaus Friedrich“ (1912), welches fast nur aus farbigen Weißgrautönen gemalt ist: der Bildhauer im leinenen Arbeitskittel zwischen Modellierböcken mit Gipsfiguren. Einzelne Bilder Corinths, die in vielen Sammlungen in Deutschland anzutreffen sind, vermitteln oft den Eindruck eines gestischen Kraftmeiers und Pinselvirtuosen. Die Stilleben und Landschaften, auch manches hingeworfene Bildnis, erscheinen in der Zusammenschau mit seinen anderen Werken wie das Steckenpferd eines bedeutenden Malers. Der speckig-glänzende Firnis betont oft den Eindruck des malerischen Virtuosentums auf Kosten des Bildganzen. Dagegen wirkt sein letztes Großformat „Ecce Homo“ (1925) besonders eindringlich durch eine stumpfe Oberfläche. Ein fast weibischer, voller, bartloser Schmerzensmann wird flankiert von einem Weißkittel und einem Sturschädel in Rüstung. Die Figuren sind großzügig mit breitem Pinsel ausgeblockt. Die Flüchtigkeit kokettiert nicht mit Treffsicherheit, sondern erweist sich als Ausdruck überlegener Materialökonomie, wie man sie auf den Bildern von Rubens und Tintoretto beobachten kann. Die Spannung einer mehrfigurigen Bildanlage verbindet sich mit meisterhafter Behandlung des Fleischtons der Frauenakte auf dem Bild „Harem“ (1904). Im Hintergrund kontrastiert die dunkle Haut des Mohren. Das wilhelminische Barock erreichte noch das Frühwerk Corinths. Auf „Frauenraub (Kriegsbeute)“ (1911) steht der helle, mürbe Frauenleib gegen den Kampfpanzer des Ritters. Ihr fällt das gelöste Blondhaar nach links, während er rechts auf der geneigten Lanze lehnt, hinter den beiden brennt eine Stadt nieder. Ein anderer Ritter, nämlich Perseus, diesmal mit geschlossenem Visier hängt einen Mantel der nackten Andromeda über, die mit zartem Fuß auf dem schuppigen Bauch des Lindwurms steht. Ein „Selbstbildnis als Fahnenträger“ (1911), aus Posen hergeliehen, präsentiert den Maler in Herrscher- oder zumindest Marschall-Attitüde, ähnlich den Maskeraden Rembrandts. Da schaut auch Sohn „Thomas in Rüstung“ (1925), den Schatten des hochgeklappten Visiers auf den neugierig-ängstlich blickenden Augen, so vorsichtig wie des anderen Malers Sohn Titus auf dessen Bildern. Aber auch der Vater blickt auf „Selbstbildnis mit Harnisch“ (1914) wie ein redlich abgemüdeter Kriegsmann. Im Hintergrund machen Wandschirm, Leinwände und ein Fensterausblick das Atelier als seine einsame Walstatt bemerkbar. Von einschneidender Bedeutung  mag die Vermählung mit seiner Malschülerin Charlotte Berend gewesen sein, deren reizendes, natürliches Wesen viele Bilder festhalten. Wie eine Friedensbotin und ein Liebesengel geht ihr Anblick durch das Werk ihres Mannes, zuerst im großformatigen „Mädchen mit Stier (Charlotte)“ (1902). Der mächtige Stier, dessen Geschlecht sich regt, füllt das ganze Geviert. Er blickt sanftmütig, hält ihn doch an einem rosa Band die mädchenhafte Frau im schulterfreien Kleidchen. Deren Kopf mit dem bändergeschmückten Strohhut steht als Schattenriß vor dem Himmel. Ein monumentales Gemälde, ganz natürlich ohne impressionistische Zufälligkeiten, gleichnishaft, ohne aufdringliche Symbolik. Eine Raumnische ist ausgefüllt durch Darstellungen der verhängnisvollen, gefährlichen Leidenschaft: Neben den beiden Versionen des Salome-Motivs erscheint „Charlotte im weißen Kleid“  mit einem Zweig in der Hand, als wollte sie Versöhnung im Geschlechterkrieg stiften. Der andere Pol, an dem Corinths anhaltende Schwermut Linderung fand, waren die Künstlerfreunde. Die Porträts der Geistes- und Temperamentsverwandten teilen vielleicht noch mehr vom Wesen des Malers mit als dessen Selbstbildnisse. Besonders schön: Walter Leistikow in entspannter Haltung. Corinth starb im Juli 1925 auf einer Pilgerreise zu den Meisterwerken Rembrandts im holländischen Zandvoort.  Die Ausstellung ist bis zum 19. Oktober im Leipziger Museum der bildenden Künste, Katharinenstr. 10, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, Do. von 12 bis 20 Uhr  zu sehen. Der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 5,50 Euro. Telefon: 03 41 / 2 16 99-0 Anschließend wird sie vom 9. November bis zum 15. Februar 2009 im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg gezeigt. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit 300 Seiten und zahlreichen Farbabbildungen im Kerber Verlag, Bielefeld/Leipzig, herausgegeben von Ulrike Lorenz, Marie-Amelie Prinzessin zu Salm-Salm und Hans-Werner Schmidt. Er kostet an der Museumskasse 29 Euro. Foto: Lovis Corinth, Selbstbildnis als Fahnenträger (Öl auf Leinwand, 1911): Herrscher-Attitüde

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